Donnerstag, 29. November 2007

Medientier

In verkabelten Käfigen

sitzen die Medientiere

sie leben von Einschaltquoten und Luft.

Die lange Gefangenschaft

lässt die ersten Stressneurosen erkennen.

Raubtiere

sie fallen übereinander her

kein Problem

kann öffentlich genug sein

wo ein verletztes Tier weint

da zoomt die Kamera.

Rudel schreien einander an

größenwahnsinnige Leitbullen

brüsten sich der Anzahl

erlegter Weibchen

Hausfrauenhühner picken sich gegenseitig

es herrscht die Hackordnung.

Die Zeiten

wo die Wärter noch eingriffen

sind vorbei

mit Fragekärtchen peitschen sie

in die aufgebrachte Menge

schlagen neue Wunden.

Unbeantwortet bleibt dabei die Frage

ob psychologische Nachbetreuung

den Zoo rechtfertigt.

Dienstag, 20. November 2007

New Hamlet

Ich hatte wieder jenen seltsamen Traum. Ich hatte geträumt, dass Blumen wachsen aus den Stiefeln zerfetzter Soldaten. Ich erhob mich aus dem Sessel, ächzend und knackend wie eine alte Frau. Ich erwachte in der U-Bahn. Dutzendweise hingen Menschen erhängt in den Halteschlaufen, sie baumelten in jeder Kurve sie schaukelten wie ein Kinderkarussell bei jeder Erschütterung. Körper werden zur Verfügung gestellt, die Fließbandproduktion kann endlich beginnen, der Tod ist eine haushaltsübliche Menge. Tod für Mami, Tod für Papi, Tod für den Bruder, Tod für die Schwester, Tod für den Nachbarn. Bestattungsunternehmer ziehen die Soutane des Briefträgers an. Versandhauspakete und Eilzustellungen erreichen uns. Grabunterhändler tragen Grundstücksmakler auf ihren Schultern aus der Stadt. Fernseher übertragen die Verwesung: jeder Programmplatz ein Sarg, jede Nachrichtensendung jede Talkshow jede Gameshow eine Hinrichtung. Die Würmer kriechen über unser Abendmahl (Fastfood, also auch schon tot, bevor es geboren wurde, dann gegessen). Wir haben die Todesstrafe längst akzeptiert/ und diskutieren immer noch über sie, als ob sie nicht längst Realität wäre. Ein Schlachthaus: Geruch toten Fleisches so verdichtet in der Luft wie Nebelschwaden, ich griff mir an die Kehle, glaubte selber dort Male vorzufinden, hatte meine Schwierigkeiten zu atmen. Ich glaubte, das Siegel der Ursünde wieder zu spüren. Wir sind wieder im Garten Eden, unsere Gier nach Wissen läßt Ikarus erblassen/ seine Flügel schmelzen in der Sonne. Wieder der Gedanke: Man müßte eigentlich die Schlange zwingen, den Apfel zu essen. Absolution für alle, eine Möglichkeit, den Wahnsinn zu beenden, den wir begonnen haben. Der Apfel stößt uns allen bitter auf, weil wir ihn nicht verdaut haben. Wir fressen einen Apfel nach dem anderen ohne zu kauen ohne zu schlucken. Wir werden eines Tages daran ersticken. Die Atemnot, ein erstes Zeichen dieses qualvollen Geschehens, betrifft uns alle. Sie entzieht den Babys in der Wiege die Lebenssubstanz, bevor sie überhaupt dazu in der Lage sind, sich zu wehren. Sie landen in einer Welt, die sie nicht geschaffen haben. Eine Wahl?

Ich habe Angst vor diesen Menschen ich habe Angst vor diesen Leibern. Sie machen mich lebendig begraben. Ich schreie auf unter den toten Leibern, die mich erdrücken. Prinz Hamlet erwächst aus Buchstaben und Wörtern, sein Umhang ist eine Redewendung. Seine Haut ist aus Glas. Durchsichtig, man kann seine Gedanken arbeiten sehen. Maden kriechen träge über den Schädel seines Vaters, den er in der Hand hält. Er hat sich selbst gezeugt, dieser Schädel ist sein Schädel seine alte Illusion. Ein Relikt für seine Blindheit. In Wirklichkeit war er immer vital gewesen, noch strotzend vor Kraft selbst in seinen bittersten Niederlagen. Sein Zynismus sein zitternd schiefes Lächeln waren Gesten der Kraft, wie sie sich nur die Mächtigsten erlauben können. Hamlet verfärbt sich Purpur, eine Krone sprießt aus seinen Haaren. Er schreitet die Grenzen seines Reiches ab. Sein Kopf steht kurz vorm Platzen, ein Dauerzustand. Er lebt für seine Grenzen. Ja, für seine Grenzen. Das ist der Lauf der Welt, das ist es, worum sich alles dreht. Schon allein das hätte ihm zeigen müssen, wie stark er ist. Er ist ein Extremist, royal member of the RAF. Einer der stets aufs neue seine Grenzen ausloten muß. Der nicht scheut, der nicht zurückweicht, dem das Risiko egal ist, für den nur die Erfahrung zählt. Eine Werterelation gibt es für ihn nicht. Kühn sagt er: mir ist alles egal. Wenn er leidet, leidet er ehrlich, suhlt sich in seinen Tränen badet in seinem Angstschweiß. Seine Schwächen/ Macken/ Neurosen erhebt er in den Adelsstand.

Dadurch dass er sich sein Handeln bewußt macht, fängt er an zu handeln. Das Gefühl, vom Leben gelebt zu werden statt umgekehrt, schwindet. Eine Wüste explodiert in grellem grünen Leben. Höhenflug, Ekstase.

Dienstag, 13. November 2007

Invasion der Mutanten

Unser Experiment

ist zu weit gegangen

alle sind sie tot

unsere Freunde & Feinde

Bekannte & Verwandte

alle die wir kennen

alle tot.

Inmitten eines wüsten büscheligen Feldes

sitzt die altehrwürdige Mutter

verwandelt:

ein in sich

kriechender Klotz

gebiert pausenlos

Affenmutanten

die durch

das Unterholz kriechen

schmelzende Gesichter

flinker Monster.

Jetzt

wo sie

aus der Wiese

auf mich zuschießen

tragen sie

die Gesichter von Wölfen;

eine Übermacht von Zähnen

die sich

in meinen Beinen verbeißt.

Ich greife

einen nach dem anderen

bei den Hinterläufen

und schlage ihre Köpfe

auf die Steinmauer

(Krachen zersplitternder Gedanken

Thesen im Anfang beendet

Sätze abgehackt

Seelen ausgelöscht)

meine Hoffnung

; ja mein Glaube

sie sind seelenlos!

Die Flut der Mutanten

hört nicht auf

auch aus den Baumkronen

kommen sie gesprungen

Herbstfallobst

säuerliche Früchte

wie Schweiß oder Wahnsinn.

Der Kopf der Hydra:

schlägst du

einen ab

wachsen hunderte nach//

sinnlose Zermürbungen

// mein Kopf zerspringt

mit denen

//

die ich zerschlage.

Tod Wiedergeburt

Mörder Opfer

Angst Triumph

Angriff List Tücke Kriegsstrategie

ich bin der Soldat ich bin die Patrone

mein Arm das Gewehr haltend

ich bin meine Todesqualen mein Schmerz

ich bin das Rad der ewige Kreislauf

ich bin die Speichen

ich bin der steinige Weg

über den

das Leben rollt.

Sonntag, 4. November 2007

Falscher Priester

Falscher Priester willst du helfen

willst du Jünger

ihre Sorge ihre Nöte

alle anhören

hast du Angst zu helfen

und die Seliggemachten

gehen zu lassen?

Welche Hilfe

bietest du ihnen

denn an?

Du bringst ihnen Leiden

so bindest du sie

an dich

die Kranken.

Nur Trost hast du zu bieten

denen

die eigentlich

Hilfe suchen.

Sie halten das für Hilfe

du verlogenes Schwein

weil du es ihnen sagst.

Ja,

du machst es ihnen leicht

du triffst sie

in ihren schwächsten Momenten

und mästest dich

an ihrem Leiden.

Du bist selber schwach

deine Genugtuung ist es

über die Kraftlosesten zu herrschen

dein Gefühl der Macht

das dich glauben macht

du seist stark.