Samstag, 28. November 2009

Das leere Herz


Ich dachte
meine Straßen zu kennen
doch nun finde ich
nicht einmal mehr im Hellen nach Hause.

Der Asphalt ist morsch
durchzogen von Rissen
& bröckelt an mehreren Stellen
die großen Plätze
wo ich immer im Kreis lief
vor Bombenkratern
nicht mehr zu erkennen
wer sein Königreich
auf Sand gebaut...

erkennt die Natur
erkennt das unberechenbare Element
das zwischen den Spalten ausbricht
vom Versuch
alles zu planen
ich muß funktionieren um jeden Preis
habe keine Planierraupe
die das Elend eindämmen könnte
aber Bergstiefel
mit denen ich über die Schlaglöcher stolpere
nichts würde mich glücklicher machen
als wenn ich weinen könnte
damit aus meinen Tränen
neues Leben entsteht
doch ich stehe nur stumm da;

und zittere.

Die Litfaßsäulen
nur abgerissene Papierschnipsel
keine Nachrichten mehr
alle meine Brieftauben
hat man erschossen
ich sehe nur noch Sackgassen.

Sag mir
wo ich zu Hause bin
in meinem Herzen
ist kein Platz mehr

für mich.

Notabschaltung


Strg + Alk + Entf

Montag, 23. November 2009

Reizüberflutung


Bilder rattern vorbei
wie im Daumenkino
stellt sich nur die Frage
wer den Daumen draufhat
von Reizen so überflutet
dass ich nun gar nichts mehr spüre.

Ich friere nicht mehr
aber zeig mir ein Bild von Schnee
und ich bekomme eine Gänsehaut
ich schwitze nicht mehr
aber zeig mir ein Bild vom Schwimmbad
und der Saft läuft in Strömen
schlag mir mit dem Hammer
auf den Daumen
und nichts ist mir ferner
als dieser Schmerz
aber mach ein Polaroid davon
und ich schreie auf.

Bitte serviere mir alles
in portionsgerechten Häppchen
die Realität und ich
haben die Geschäftsbeziehungen abgebrochen
zeig mir wieder
was ziviler Ungehorsam ist
lass uns friedlich protestieren
lange Märsche in bedrückender Stille
wir Deutschen haben schon einmal bewiesen
dass wir Mauern einreißen können.

Sag mir meine Meinung
sag mir was in dem ganzen Drecksstall
meine eigene Meinung ist
und hilf mir
sie nach draußen zu tragen
lehre mich
ihnen voller Stolz ins Gesicht zu spucken.

Schwingen aus Stahl

Ausbreiten der mächtigen Schwingen
meine Federn sind aus Stahl
hauchdünn gehämmert
& scharf wie Rasierklingen
die Knie gespannt wie ein Sprinter
verschließe ich die Augen.

Unter mir die Stadt
mein Herz pocht
elender Phantomschmerz
dass Wesen wie ich
kein Herz haben
und doch Wut empfinden können
Hass
ein nagendes Gefühl wie Hunger
all meine Bedürfnisse zu stillen
ein Geschmack im Mund
schon faul
solange es noch Vorfreude ist
ich schlage meine Zähne
in totes Fleisch.

Und doch sabbere ich
wird meine Gier
noch weiter angestachelt;
ich will ihr Blut trinken.

Die untergehende Sonne
verfängt sich in meinen Schwingen
schickt Lichtblitze
Korona
eines wütenden Gottes
der sich auf euch stürzt.

Eine gnädige Natur
hat ihm Flügel verliehen
die euer Fleisch durchtrennen
wie Papier
und statt einem Schnabel
das Maul eines Schakals.

Oh ich will euren Tod
wie ich ihn
herbeisehne.

Sonntag, 22. November 2009

Geheimnisse

Stille Wasser sind tief
und vor allem schmutzig.

Dein Nachbar ist ein Schwein
der Schaffner säuft
der Herr Pfarrer missbraucht seine Messdiener
die Sekretärin
spuckt ihrem Chef in den Kaffee
deine keusche Tochter
ist ein schulbekanntes Flittchen
ihr Klassenlehrer
versteckt die Latexmontur im Schrank
deine seriöse Bankerin
trägt die Spermaspuren der letzten Nacht
sicher unter ihrem Kostüm versteckt
der Tankwart ist schwul
der Bürgermeister korrupt
der Polizist
der dir den Strafzettel fürs Falschparken ausstellte
raucht nach Dienstschluss Gras.

Alles Makkulatur, alles Oberfläche

Pervers sind immer nur die Anderen
ein jeder kehrt
vor seiner eigenen Haustür.

Montag, 16. November 2009

Wir kommen wieder


Stille

gepriesen sei es & getrommelt
die Stimmen sind verschwunden!

Vielleicht aber
bin ich im Auge des Hurrikans
es ächzt im Gebälk
als wollten sie mich verspotten

Pass bloß auf du Arsch

sonst hol ich meinen großen Bruder

Dass sie schweigen heißt noch lange nicht
dass sie fort sind
sie kommen wieder mit Verstärkung
mit besseren Argumenten
mit der süßen Kraft der Verführung
ihren Worten zu erliegen
und für bare Münze zu nehmen
was sie mir verkaufen wollen.

Ihr Rädelsführer will nur mein Bestes
doch in Wirklichkeit
quält er mich
er hat eine Armee
und ich bin alleine
kann nicht fliehen
denn sie sind in meinem Kopf.

Samstag, 14. November 2009

Theiresias



Hugh Heffner allein in seiner Villa
wenn die letzten Häschen
ihre Ohren in den Wäscheschacht geschmissen haben
zur Reinigung für den nächsten Tag
voll von Männerflecken
wenn also
die Dunkelheit sich über der Mansion senkt
dann kommt der blinde Seher ins Grübeln
der die Welt nur zu greifen wusste
und sie nie sah.

Das Fleisch an seinen Händen
ist ihm alt geworden
fleckig & voller Falten
seine Potenz aus der Retorte
blaue Glückmacher auf Rezept
er kennt alle Ärzte
die ihm sein liebes-Leben verlängern
das Freificker-Abzeichen
auf der Unterhose.

Die Tür geht auf
und die Todessirene tritt ein
blasse Sybille, Wassergeschöpf
die Augen so farblos und leer wie ihre Seele
und doch ist er ihrem Körper hörig
die einzige Droge
die er sich noch gestattet
ihr Körper eine weiße Leinwand
auf der der alte Herr
seine Phantasien projeziert

glaubt noch einmal
mit allen Sinnen
ihren Geruch einzuschließen
in seine Erinnerung
sie zu riechen und zu schmecken
als wäre sie die eine
und nicht die Letzte.

Donnerstag, 12. November 2009

Lynchmob


Es klopft an die Tür
falsche Freunde
die ich längst enttarnt habe
die wild durcheinander schreien
als hätten dreißig Radiostationen
sich gegen mich verschworen
um mich zu zerstören.

Was an die Tür klopft
ist mein verängstigter Schädel
der sich keinen anderen Ausweg mehr weiß
um die Quälgeister
ruhig zu stellen.

Am Rande meines Gesichtsfeld
lauert stets der Abgrund
oder die wütende Meute
die mein Blut fordert
wenn ich mich umdrehe
verschwinden sie in die Dunkelheit
doch ich weiß dass sie da sind
und sie wissen um mich
wir belauern uns
wie Löwen einen Kadaver
in der Wüste.

Teilung

Wir haben gelernt:
Durch Zellteilung
entsteht entweder neues Leben
oder Mutationen;
die Natur gleicht einem Glücksspiel.

Ähnlich verhält es sich mit der Seelenteilung
zerstückelt
wie ein morscher Ast
bloss um in Gesellschaft
mit einer neuen Maske
angeben zu können.

Ein Colt für alle Fälle
eine Persönlichkeit für jede Gelegenheit.

Manche halten sich gar für Diamanten
bloss weil sie
eine schier unüberschaubare Vielzahl
von Facetten besitzen
die nie wieder zusammenfinden
innerlich gleichen sie
einem ausgebrannten Bienenstock
dessen Königin
nur das hohle Pfeifen des Windes hört.

Die Wissenschaft ist gerade dabei
neue Organe zu züchten
auf der Basis von Zellkulturen

ein echtes Herz das fühlt
ein echtes Hirn das denkt
echte Hände
die nie morden würden
was ihnen lieb und teuer.

Doch manchmal passieren Fehler
der Zellverband wird instabil
bricht in sich zusammen.

Aber was soll's?
Kollateralschäden
wurden in der Kalkulation des fertigen Produkts
bereits eingepreist.

Sonntag, 8. November 2009

Kokon


Der Kokon öffnet sich
doch es ist nur eine Illusion
das Wegbrechen
der ersten Schicht
eine Scheiß-Geburt:
ich werde als Arschloch geboren
dummer Büttel
für die Obrigkeit
glaube die Freiheit zu begreifen
bevor ich an die Decke
der nächsten Hülle stoße.

Eine ewige Metamorphose
schreie mich durch alle Schichten
taub bis auf den Knochen
vom Platzen der Seifenblasen
spucke Fruchtwasser
auf verödete Äcker

erbreche meine Träume
meine Hoffnungen
mein Gottvertrauen

die alle wertlos geworden sind.

Der Frosch sprach Fick dich selbst
das macht dich glücklich
deine Hundeleine
ist aus weichem Ziegenleder
sie schnürt kaum ein.

Dienstag, 3. November 2009

Granatsplitter


Es ist keiner da
wenn die Mauer fällt
wenn einem
das ganze Paket Leben
um die Ohren fliegt
wie eine Splitterbombe.

Kein Freund, keine Freundin
kein Bruder, keine Schwester
kein Vater, keine Mutter
nur man selbst.

Die trügerische Ruhe
in den Schützengräben
just wie
im Auge des Orkans
bevor ich den Mut aufbringe
den Blick zu senken
ob meine Innereien
zwischen den Kniekehlen baumeln

wie Weihnachtsgirlanden;
echt nur
wenn ich es zulasse.

Montag, 2. November 2009

Neon


Leer so leer
sie schreien die Kinder
die Kinder schreien
die Tiere unter meiner Haut
die besänftigt werden wollen
wilde Tiger
die nach dem Dompteur fauchen.

Muss denn immer erst Blut fließen
bevor einer glücklich ist?

Das Kaninchen versteckt sich
in seinem Bau
wo die Welt draußen bleibt
und niemals hereinbricht.

Verzweigte Wege
rote Striemen auf blasser Haut
die Neonröhren in der Nacht
sagen !ja!: Die Party hat begonnen
ein Feuerwerk gegen die Unterdrückten
die Zensur des Alltags.

Hört ihr sie schreien?
Seht ihr sie bluten?
Riecht ihr ihren Angstschweiß?

Leer so leer
entleertes Gefäß
bis keine Gefühle
mehr übrigbleiben.

All ihre Spuren
die ich über die Jahre
gesammelt habe
verraten mir mehr über mich
als über sie.

Kerbholz der Illusion
dass ich ohne auskäme
dass ein Mensch
ohne ein Ventil existieren könnte
das den Druck abmildert.