Dienstag, 31. Januar 2012

Political correctness


Dirty Dichter schert sich nicht darum, was man "sagen darf", und was nicht. Mein Zorn soll einen Keil in diese Gesellschaft treiben. Dabei lasse ich niemanden aus, nehme keine Rücksicht auf Kranke, Versehrte, Verrückte, Fremde, usw.

Biedermänner können auch Brandstifter sein, nicht wahr? Wir werden vom Gutmenschentum regiert, spenden jedes Jahr für das Waisenkind in Afrika, kaufen Bioprodukte und recyclen unseren geistigen Müll, bis sich die Mülltonne vor Brechen biegt.

Beschäftigen wir uns doch einmal näher mit dem Begriff. Was ist "Intoleranz"?

Einen Menschen aufgrund abweichender Merkmale zu diskriminieren, seien sie physicher oder psychischer Natur. Und von wem wird diese Abweichung definiert? Von einer Gesellschaft, unabhängig wie krank und pervers sie selbst ist. Reicht sie noch dazu, ein Leitbild auszusprechen.

Aufgrund einer Doktrin, die wir billig von den Amerikanern abgekupfert haben, glauben wir unsere Welt besser zu machen, indem wir jeden Menschen gleich behandeln. Das nimmt zuweilen seltsame Züge an. Wir stehen im Bus für rüstige Rentner auf, die sich in ihrem Ehrgefühl verletzt fühlen, weil wir sie als alt und gebrechlich abstempeln. Wir verzehren unser Mittagessen in Kebapbuden, weil es chic ist. Aber wehe, der Stammtisch kommt. Da können wir weiter über diese Ausländer wettern.

Wir gedeihen also allen, die wir als "anders" erachten, eine Sonderbehandlung an, ängstlich und verklemmt, eben typisch deutsch. Durch unser jämmerliches Mitgefühl vermitteln wir ihnen umso stärker den Eindruck, anders zu sein, kein Teil unserer Gesellschaft.

Lasst doch euer verlogenes Mitgefühl mit jenen, denen ihr nie die Hand reichen würdet, wenn nicht der Nachbar am zugehaltenen Vorhang euer Verhalten beobachten würde. Seid ehrlich zu euch selbst. Und seid ehrlich zu euren Mitmenschen.

Alle Menschen gleich zu behandeln heisst eben auch, keinen vor Hohn und Spott zu schützen. Warum lachen wir nur über uns, und nicht über jene, die wir heimlich verstossen? Ist es nicht wesentlich grausamer, ihnen unser Lächeln zu verwehren?

Montag, 30. Januar 2012

Diese Abende


An den Abenden
in verrauchten Bars
zwischen Zweifingerhoch
& der Faust ins Gesicht
knallenden Billiardkugeln
& dem Geschniefe
einer verrotzten Nase
zwischen blumigen Parfümschwaden
und stumpfen Puppenaugen

das Lid: der Schatten
abgeblätterter Nagellack
Schlacht um Schlacht
manchmal ein Blick
in den kleinen Schminkspiegel
aus der Handtasche
in der Mitte ein gezackter Riss
und manchmal, Baby
da möchtest du
in diesem Riss verschwinden.

An den Abenden
wo ich die Liebe suchte
und mir doch nur
die Haut abschürfte
und brennenden Schnaps
in die Wunden kippte.

Sonntag, 29. Januar 2012

Reib mich


Ob am Ballermann, bei der nächsten Strandparty oder für die Pirsch... Mit diesem Shirt seid ihr immer gut dabei!

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Samstag, 28. Januar 2012

Mach's dir selbst


Ach, sie wünschen Service? Drücken sie bitte die grüne Taste, ein Computer wird sich ihrer annehmen.

Ist es euch auch schon aufgefallen? Trotz steigender Preise werden immer mehr Dienstleistungen auf den Verbraucher abgewälzt.

Unsere Überweisungen nimmt ein Terminal entgegen. Einmal vertippt, ist es unser eigenes Verschulden. Kein freundlicher Schalterbeamter mehr, der einem weiterhilft. Sie wünschen ihre Rechnung per Post? Bittesehr, gegen einen geringen Aufpreis bekommen sie, was früher einmal selbstverständlich war. Das Pfandsymbol auf ihrer Flasche konnte der Automat nicht lesen? Dumm aber auch. Dass man früher einen abgebrochenen Flaschenhals vorzeigen konnte, und trotzdem sein Pfand bekam.

Im Allgemeinen bin ich ja ein Freund von moderner Technik. Mich stört nur die Arroganz, mit der man uns ungefragt primitive Automaten vorsetzt. Vielleicht habt ihr auch vergessen, dass jeder neue Automat einen rationalisierten Arbeitsplatz darstellt.

Die digitale Revolution macht uns zu ihren Sklaven. Ich bitte euch daher, den gesunden Menschenverstand zu nutzen, und euch eine letzte analoge Nische zu bewahren. Sonst mag der Tag kommen, wo ihr euren Personalausweis, eure Krankenkassenkarte, eure Bankkarte, euren Bibliotheksausweis nur noch bekommt, wenn ihr euch online registrieren könnt. Logindaten für eine bessere Welt.

Wir sollen uns also alles schön selbst besorgen. Damit zeigt ihr nur sehr deutlich, für was ihr uns haltet: Eine Bande dummer Wichser!

Donnerstag, 26. Januar 2012

Touch the world


Draußen tobt ein kalter Wind
die reale Welt
kann so garstig sein
voll griesgrämiger Gesichter
die ihre kläffenden Köter
durch den Schneematsch zerren
dir ihre schwerbeladenen Einkaufswagen
achtlos in die Hacken rammen
Anzugaffen mit geschleimten Haaren
die dir Zehn-Jahres-Knebelverträge
für berührungsarme Handys andrehen
so berührungsarm
wie dein eigenes Leben geworden ist
seit der Sonnenuntergang
kein Naturschauspiel vor deinem Fenster
sondern
dein neuer Bildschirmschoner ist
live aus Hawai
die Welt in deinen Händen
klimperst die Tasten
als hättest du mehr Ahnung von Musik
als eine MP3-Datei runterzuladen
der Postbote bringt jedes Paket
bis zu deiner Haustür
du schreibst wütende Briefe an Google
wenn ein realer Artikel
in der virtuellen Welt fehlt
so eine Frechheit aber auch
schickst sie aber nie ab
weil der Briefkasten
in der realen Welt steht.

Mittwoch, 25. Januar 2012

Jimmie du alter Knochen

Sylvester 2007 folgte ich der Einladung eines guten Freundes und machte mich auf nach Paris. Ich war gespannt wie ein Flitzebogen. Was sollte mich in der Stadt der Künstler erwarten?

Ab Strasbourg nahm ich den TGV, beeindruckt über die Geschwin-digkeit, die den deutschen ICE beschämend in den Schatten stellt. Vom Gare de l' Est war es nicht weit bis Appartement meines Freundes. Eine Einzimmerwohnung mit Notküche, Dusche in der Mitte der Bude und Scheißhaus auf dem Gang. Letzteres sollte mir noch lange in Erinnerung bleiben. Denn um auf der Schüssel Platz zu nehmen, musste man die Beine breit machen. Mehr Platz gab die schmale Kammer eben nicht her.
Erschrocken war ich nur über den Mietpreis, der aber fur die Lage noch günstig sein sollte. Immerhin waren wir nur 5 Minuten vom Place de la Bastille entfernt. Ich stellte also meinen Koffer in die Ecke und stürzte mich in eine spätabendliche Besichtigungsorgie inklusive eine Fahrt auf der Seine, um die bunt illustrierten Monumente der Stadt zu bestaunen.

Paris ist die erste Großstadt, die mein Herz erobert hat. Sofort fühlte ich mich wie zuhause. Die Sprache der Landsleute zu sprechen, stellt da gewiss einen Vorteil dar. Deutschlands Städte hat der Krieg zerbombt. In Paris kann man die Historie der Gebäude bestaunen, wenn einen auch die Enge mancher Bistros bedrücken mag. Die Hektik der Pariser war mir vertraut, ihre Versnobtheit dagegen weniger. Der typische Kellner lebt nach der Devise: Ist nicht mein Tisch, was solls? Da labert man in Deutschland über eine Servicewüste, und hier arbeiten Menschen am Kunden, die man besser kreuzigen sollte!

Als Fan der Doors konnte ich natürlich einen Besuch auf dem Père Lachaise-Friedhof nicht missen, der nur eine Viertelstunde mit dem Stadtbus vom Appartement meines Gastgebers entfernt lag. Während die Häuser an mir vorbeiflogen, dachte ich an die letzten Tage, die Jim Morrison in dieser Stadt wohl verbracht haben mochte.

Der Friedhof ist hier eine Berühmtheit. Angeblich gib es die Grabbüste eines Messingjünglings, an dem sich die Frauen reiben, um ihre Fruchtbarkeit zu erhöhen. Ich wollte es erst nicht glauben, doch verschiedene andere Touristen bestätigten mir diesen urbanen Mythos. Später sah ich diese Figur, deren Schritt blankpoliert war von den unersättlichen Frauen.

Mit jedem Meter, den ich mich seinem Grab näherte, zog sich der Ring enger um meine Brust. Hier würde ich dem Lizard King persönlich gegenübertreten. Ach Jimmie, wer dich nur als Songwriter begriffen hat, der hat nie deine Gedichte gelesen. Die auch nur ein Fragment waren von der Vision, die du vom Leben gehabt hast. Doch sein geradezu zurückhaltender Grabstein brachte mich doch aus der Fassung. Irgendwie hatte ich mir mehr erwartet. Mehr Prunk, mehr Glanz. Doch am Ende war es nur ein grauer Steinklotz mit einer Plakette aus Stahl. Ein Abschied, wie er einem Soldaten gebührte. Sohn eines Offiziers. Am Ende hatte sein Vater die Schlacht gewonnen.

Wie einem ägyptischen Pharao hatte man ihm Grabbeigaben auferlegt: Zigaretten, Schnaps, Fotos, Blumen. Seine letzte Ruhestätte war von Sicherheitsgattern umzäunt, weil Jugendliche wilde Partys auf seinem Grab feierten. Schade eigentlich. Denn genau das hätte er gewollt. Ich musste an die Zeilen eines seiner späten Werke denken:



"No more money
no more fancy dress
this other kingdom
seems by far the best."








War das das Ende, von dem du immer gesprochen hast? Du hast es gewusst, du alter Drecksack. Dass dir nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Gratulation, du hast es geschafft. Mehr blieb nicht mehr. Als diese Worte. Mach es gut, alter Freund.

Dienstag, 24. Januar 2012

Das böse F-Wort


Ladies und Gentlemen,

reden wir einmal übers F(l)icken. Ein Thema, das jeden interessieren dürfte, allein schon aus Eigennutz. Eine Kunst, die in unserer industrialisierten Gesellschaft in Vergessenheit geriet. Die jüngsten meiner Leser werden verwirrt den Kopf schütteln. Vielleicht hatte die Grossmutter dieses Wort einmal erwähnt, hinter vorgehaltener Hand. Dabei braucht es kaum mehr als Nadel und Faden, sowie eine ruhige Hand.

Natürlich kaufe ich mir hin und wieder etwas Neues. Aber von einigen Lieblingsstücken trenne ich mich sehr ungern. Im konkreten Fall handelt es sich um einen Pullover aus dem Jahre 1997, der seitdem ein paar Mal aus der Mode kam, aber ebenso oft wieder aktuell wurde. Die Zeit arbeitet zu meinem Vorteil. Man muss nur Geduld besitzen. Oder einen eigenen Geschmack, und auf das Werturteil seiner Mitmenschen pfeifen.

Soll ich ihn wegwerfen, wegen zwei kleiner Löcher? Es wäre doch ein Armutszeugnis, dies nicht mit ein paar schnellen Handgriffen beheben zu können!

Montag, 23. Januar 2012

Atlas


Schweiß perlt von seiner Stirn
das Zittern
was vor Jahrhunderten
in den Fingerspitzen begann
hat seinen Lauf genommen
und die Schultern erreicht.

Staubbedeckt
von den Tauben verhöhnt
weil er keine Hand freihat
um sich ihren Gruß
aus dem Himmel
von den Haaren zu wischen.

Unter ihm
sinken die Füße
in den Stein
das Gewicht der Welt
ist zuviel für einen Mann
auch wenn er
ein Gott ist.

Früher
war er stark gewesen
da hätte er die Welt
in seinen Händen zequetschen können
doch die Menschen
rührten ihn zu Tränen.

Heute
ist er zu schwach
um einen Finger zu rühren
und sein Herz
voller Bitterkeit.

Samstag, 21. Januar 2012

Benimmregeln


Benehmen
sagen sie immer
die freundlichen Herren
die mir die Ärmel
hinten zuknoten wollen
benehmen
sollte ich mich

dabei habe ich
das letzte Stückchen Anstand
durch den Schritt gezogen
wie eine Wegwerfwindel
voll mit eurer Scheiße.

Als ich ans Leben
ausgeliefert wurde
musste ich
keinen Formdruck unterschreiben:
bitte quittieren sie hier
und hier
und da unten

anständig zu bleiben.

Zeigt mir die Stelle
im Kleingedruckten
dann überleg ich's mir

vielleicht.

Donnerstag, 19. Januar 2012

Versöhnungsfick


Es hilft nicht
die Augen zu schließen
die die Erschöpfung
von alleine
zudrückt
so kann ich immer noch
das Knallen der Türen hören
meine Schreie
die sich
mit deinen mischen
die Raubtierklingen auf meiner Haut
Striemen
die man sich im Kampf beibrachte
oder in der Liebe
als wenn es denn
einen Unterschied geben würde
wir uns
nur in die Laken drücken
um die Wut
in den Adern pulsieren zu spüren
keine Versöhnung kennen
nur Glutspitzen von Zigaretten
in der Stille
die so kalt ist
wie der Schweiß
der in den Laken trocknet.

Mittwoch, 18. Januar 2012

Literarische Backpfeife


Einst duellierten sich die Menschen auf nebelumwaberten Feldern. Unglaublich, welch ein Feuerwerk der Genugtuung in meinen Adern brennt, wenn ich den Fehdehandschuh klatschend erhebe, und nach Satisfaktion brülle!

Die Pistolen verstauben auf dem Speicher, Duelle werden heutzutage mit Worten ausgetragen. Doch dürfen wir es an Präzision nicht missen lassen. Je genauer ein Schlag ausgeführt wird, desto sicherer kann man sich der Reaktion seines Adressaten sein.

Ein leichtes Brennen, das kein Schnaps dieser Welt löschen könnte. Frage dich, warum die Worte schmerzen.

Weil die Wahrheit ein Tal der Dornen ist! Und nichts anderes sollen meine Worte sein. Euch die Lügen abnehmen, die ihr euch selbst erzählt, um es leichter zu haben. Ein tiefer Blick in den fauligen Kern dieser Gesellschaft kann sehr hilfreich sein.

Die Backe glüht. Die Worte sinken ein.

Dienstag, 17. Januar 2012

Das Maß aller Dinge


Ein lustiges Statement für meine weiblichen Fans. Warum sollte es den Männern vorbehalten sein, sexistische Sprüche vor sich her zu tragen? Mädels, das könnt ihr kontern!

Montag, 16. Januar 2012

Christa


Sie trägt das "C" im Namen
als wär's heutzutage
eine besondere Leistung
sich auf christliche Werte zu berufen
in einer Gesellschaft
die sich jeglicher
ethischer und moralischer Werte
entledigt
wie lästiger Verwandter
die zu lange
über die Feiertage blieben.

Früher
vernebelten uns die Pfaffen
mit Weihrauch
die Sinne.

Heute
pfeifen die Pfaffen
fröhlich von den Dächern
entspannt wie nie

während andere
mit den christlichen Werten
sich die Klingelbeutel stopfen
Konkurrenz belebt das Geschäft
auch am Altar.

Samstag, 14. Januar 2012

Entschuldigungen


Ich entschuldige mich
für das Essen
das ich gekocht habe
ich entschuldige mich
für mein Unverständnis
eine Serviette zu benützen
ich entschuldige mich
für die Zimmer
die ich nicht gelüftet habe
ich entschuldige mich
für die Basecap
die ich nie abnehme
ich entschuldige mich
für den Regen
den ich persönlich bestellt habe
ich entschuldige mich
dafür
eine eigene Meinung zu haben
und Fragen zu stellen.

Den ganzen Tag
verbringe ich mit Rechtfertigungen
aber deine Einsicht
ist kostbarer
als jeder Diamant
der in der Hölle geschmiedet wurde

sie kommt erst
wenn ich vor Wut
alles kurz & kleinschlagen will.

Freitag, 13. Januar 2012

Folterknechte


Pubertäres Kichern
hitzig und hysterisch
verlegen grunzend
während sie ihre Blasen
über den getöteten Terroristen entleeren.

Bitte lächeln fürs Familienalbum
Postkarten von der Front
Betriebsausflug in Tarnfarben
dafür sind sie in die Welt gezogen
und haben die Pfaffen vergessen
die ihre wütenden Parolen
durch die Kornfelder des mittleren Westens schickten
in Gegenden
wo ausser Gott niemand mehr haust
wo an jeder Veranda
ein bellender Köter angeleint ist
räudig und voller Fliegen.

Erinnerst du dich?

Das waren die Jungs
die dich anrempelten
wenn du dein Essenstablett trugst.

Das waren die Jungs
die dich in den Spind stopften
und lachten wie Menschen
denen niemand Einhalt gebietet.

Es sind immer die Gleichen
ob der Ort Srebrenica heisst
oder Bergen-Belsen
ob es eine verlassene Fabrikhalle ist
wo es nach Ozon riecht
und nach verbrannter Haut
oder Maschendraht in der Wüste
wo ausgemergelte Gestalten
gezwungen werden
ihre eigene Religion zu entehren.

Guantanamo als Bausatz in jedem Baumarkt
neben der Heimsauna
gekauft von Bauernlümmeln
mit vierschrötigen Gesichtern
die zur richtigen Zeit
das falsche tun werden.

Donnerstag, 12. Januar 2012

Raketenstart


Die Rakete geht ab
und ich kann
nur noch Sternchen sehen
der Kinnhaken sitzt
halb bei Bewusstsein
während es
in den Himmel geht
mit dem Rücken
auf das kalte Blech geschnallt
halb bei Bewusstsein
& irre kichernd
seit dem Moment
wo ich
die Übersicht verlor
mit drei G
gepresst
wie Herbstblätter
in ein Poesiealbum.

Dinge
die sich entfernen
klein wie Punkte.

Dinge
die näher kommen
mit schwindendem Sauerstoff
schön so schön
wenn alles schwarz wird
blühen die Sterne.

Mein Gott
es sind Rosen
rot und
meine Augen platzen.

Mittwoch, 11. Januar 2012

Als Dichten noch was wert war


Auch ich bin ein Fan von Poetry Slams. Eine neue Generation erlebt Gedichte auf eine unbeschwerte Art, von der wir nur träumen konnten. Wer sich einmal durch einen Leistungskurs Deutsch gequält hat, der kann meine Pein verstehen. Das Schulsystem zwingt uns dazu, Texte solange zu zerpflügen und analysieren, bis nur noch Trümmer übrig sind.

Die neuen Gedichte, die bei der Jugend ankommen, sind leicht konsumierbar. Vielleicht zu leicht. Denn genau dadurch verkommen sie zu Wegwerfprodukten. Auch einen MP3 kann man schnell laden, aber auch schnell wieder löschen. Was aber ist hängengeblieben? Was, wenn die Texte nicht nur unterhalten sollen, sondern auch Stein des Anstoßes sein wollen? Mehr, als nur ein kurzweiliges Vergügen?

Es gab Zeiten, da haftete den Dichtern der Hauch des Verruchten an. Revoluzzer, die in ihrem Hinterzimmer wirre Notizen auf zerknittertes Papier brachten. Sie waren den Mächtigen ein Dorn im Auge. Sie mussten damit rechnen, verfolgt zu werden, des Landes verwiesen, oder ihre Werke auf dem Scheiterhaufen der Bücherverbrennung zu sehen. Biermann. Erich Kästner. Kurt Tucholsky. Mutige Männer, die ihre flammenden Worte Staat und Gesellschaft vorhielten wie einen Spiegel.

Ein Dichter muss mehr sein als nur ein Unterhaltungskünstler. Ein Vordenker, der den Menschen neue Wege weist. Sich im sicheren Schoß der Demokratie zu wiegen, ist gefährlich. Die Zeiten mögen sich schneller ändern, als einem lieb ist.

Montag, 9. Januar 2012

Kind der alten Welt


Manches setzt Staub an
doch die Dinge
von denen
ich mich schwer trenne
behaupten ihren Platz
in Regalen und Schubkästen
Kartons und Taschen

Larrys Charthits auf Kassette
ein alter Rubikswürfel
Fotoalben
mit analogen Bildern
Disketten
von denen ich nicht mehr weiss
was auf ihnen ist
Papiere
Schnipsel
der alten Welt.

Archäologen
wühlen sich
durch meine Fundstücke
versuchen ein Leben
in den frühen Neunzigern
zu entziffern
als wären es
Keilschriften
Höhlengemälde
aus meiner kleinen Zeitkapsel.

Manchmal
da glaube ich im Spiegel
den kleinen Jungen zu sehen
der die Welt
mit offenen Augen aufnahm
gierig
wie einen Softdrink.

Die Illusion zerbricht
an den tiefen Ringen
unter meinen Augen
die in fünf Jahren
zu Krähenfüßen heranwachsen.

Geblieben ist die Neugier
auf alles
was die Welt verändert
bloss weil ich
nich in diese Welt hineingeboren wurde
heisst nicht
dass ich nicht ihr Kind wäre.

Samstag, 7. Januar 2012

Ratten


Schrill fiepend
Krallen scharrend
wie Kreide auf einer Schultafel
winden sich
beißen sich
vor Wut
in die eigenen Schwänze
denn der Kopf
in dem sie wohnen
ist ein Gefängnis
mit goldenen Pritschen
sofern nicht gerade
die Bluthunde losgelassen werden
dann rasen sie
die Ratten.

Du sagtest
ich wäre blass
dabei sind es nur
die Ratten in meinem Kopf
die mich
um den Verstand bringen.

Ich laufe
durch meine Tage
auf Samtpfoten
um den Schlaf der Ratten
nicht zu stören
dabei
wachsen ihre Barthaare
bereits
aus meinen Ohren.

Donnerstag, 5. Januar 2012

Hiob


Manchmal
da klaube ich
die Worte aus der Luft
als wüchsen sie
auf einem Baum
wurmstichig & gelb
die einzige Frucht
die er mir trägt
er
der weder Schatten spendet
noch Trost.

Gott versucht uns
seine Schöpfung zu hassen.

Ich versuche
eine neue Welt zu schaffen
aus den schmutzigen Worten
denen ich
den Straßenstaub abklopfe
bevor ich sie
in die Schlacht schicke.

Der betörende Duft
von Blut
erfüllt den Raum
wie Weihrauch
der die Opfer heiligt.

Mittwoch, 4. Januar 2012

Der Mann mit der Brille II


Was ist denn da passiert? Der bekennende Hornbrillenfetischist Dirty Dichter tritt mit einem geradezu dezentem Modell vor die Kamera? Geht damit eine Ära zu Ende? Wo ist die Dekadenz geblieben, die Bohème? Das Kastige, was fleischlicher Bestandteil seines Gesichts geworden zu sein schien?

Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Ich bin ein Kind der neuen Medien. Im Internet erlebte ich meine zweite Geburt, da kam ich wirklich in die Welt. Meine Gedanken verjüngten sich, flossen zum Heißsporn meiner Jugend zurück. Und die Hornbrille passte irgendwann nicht mehr zu diesem neuen Menschen. 

Hornbrille, ich werde dich immer in guter Erinnerung behalten. Eines Tages kehre ich auch wieder zu dir zurück. Für den Moment tun es die dicken Bügel, die dir huldigen. Die mich daran erinnern, woher ich kam, und wohin ich wieder heimkehren werde.

Montag, 2. Januar 2012

Neujahrsspringen


Blind auf Skier genagelt
den Blick nur vage
auf die Piste unter mir
auch wenn
der Blick kristallin bröckelt
und sich
alles in mir neigt
beuge ich mich vor

-----

vorbei

an den Fabrikhallen
die da brummen
rund um die Uhr
Deutschland-Unser
Exportweltmeister
trampelst alles nieder
um deinem Ruf
hinterherzurennen

vorbei

an einer jungen Mutter
die rastlos wachliegt
ob ihr Mann heimkehrt
oder ob er
auf eine andere Schlampe
reingefallen war
die ihn noch tiefer
in die Scheiße reinreiten würde

das Baby gurgelt
es ist noch zu klein
um zu verstehen

vorbei

an einer Gruppe Jugendlicher
offensichtlich betrunken
die einem
Obdachlosen ins Gesicht pinkeln
(zur Entschuldigung sei gesagt
dass der Obdachlose
noch betrunkener war)
dabei
hämisch kichernd

vorbei

am Brückengeländer
am Blick
in die trüben Fluten
an einem Mann
der in Gedanken versinkt
bevor er ertrinkt

vorbei

an streunenden Hunden
die sich
um einen Kadaver balgen
der bislang
noch nicht als vermisst
gemeldet wurde

vorbei

tausendfach & anonym
wie jede Nacht
in diesem Land
das von führenden Wirtschaftsmagazinen
zu den reichsten
dieser Welt gewählt wurde.