Mittwoch, 29. Februar 2012

Dienstag, 28. Februar 2012

Innehalten


Die Kehle vom Krakeelen wund, setze ich heißes Wasser auf für eine Tasse Tee mit Honig. Man kann nicht jeden Tag den Revoluzzer geben. Die Revolution frisst ihre Kinder, und ich bin wohl eines davon. Manchmal ist es wichtig, innezuhalten. Wer verlernt, das Leben zu genießen, vergisst, wofür er kämpft.

Die inneren Batterien laden auf, während der Wasserkocher sprudelt. Vielleicht wasche ich die Teppiche aus, die alle aus unerklärlichen Gründen irgendwann einmal graubraun sind. Vielleicht koche ich mir etwas richtig Gutes, mit frischem Gemüse und wenig Fleisch. Ich sollte mehr auf mich achten. Sprach der übervolle Aschenbecher. Bis auf den Filter runtergeraucht, ich sollte es besser wissen. Wenn ich mich nicht gut behandle, wie sollte ich es da von Anderen erwarten?

Revolution ist ein anstrengendes Gewerbe. Für seine Ideale kämpfen. Reden schwingen. Tut mir einen Gefallen: Verlernt nicht, zu leben. Macht euch und euren Mitmenschen einen schönen Tag. Und verdammt nochmal, lebt die Ideale, die ihr predigt! Es ist keinem gedient, wenn ihr in der Schlacht verschleißt.

Montag, 27. Februar 2012

Eine Frage des Drucks


Notenbanken pressen Währungen aus
so dünn wie mürbes Leinen
das in der Sonne bricht.

Lobbyisten pressen Politiker aus
wir werden
von blutleeren Hüllen regiert
Gruß zum Fähnlein Fieselschweif
die Partei, die Partei, die Partei!

Notstandsregierungen pressen Völker aus
wie Apfelsinen
damit die Herren(fonds)manager
frischgepressten Saft
zum Kontinentalfrühstück schlürfen.

Banken pressen die Demokratie aus
und verwandeln sie in bare Münze
die in der Kasse
besser klingt.

Sonntag, 26. Februar 2012

Abgründe


Abgründe tun sich auf
Abgründe schließen sich wieder

der Zeiger der Uhr
ist stehengeblieben
und manchmal
da gehen mir die Antworten aus
mir
dem Mann der Worte
ROFL und LOL
sind leer wie immer
WTF
trifftst auch nicht gerade
alle Kürzel
hinter denen sich die Menschen verstecken
sind nichts
als hohle Phrasen
du triffst mich ohne Schild in der Schlacht.

Wie klein & brav wir manchmal sind
während andere
an den Perversionen ersticken
die sie sich selbst aufgebürdet haben.

Auf dem Rand deiner Klippe zu stehen
und dem Pfeifen des Abgrunds zu lauschen
nur ein Schritt
und Kieselsteine bröckeln von meinen Turnschuhen
hineinzusehen in den Trichter
und dich deinem Schicksal überlassen.

Samstag, 25. Februar 2012

Ausschnitt aus "Scher den Bär"

www.vollverdummt.de
Ferdi war eine glückliche Filzlaus in Festanstellung. Seit drei Jahren arbeitete er in den Förderfeldern des berühmten Schamhaarmodels Uschi. Dadurch genoss er deutlich mehr Achtung als seine Kollegen in Tine Wittlers haarigem Duschausguss, oder Elton Johns Toupet. Seine Frau hatte eine Halbtagsstelle im Kindergarten von Kratzingen. Als Doppelverdiener konnten sie sich ein großes Haus leisten. Die Partypackung Knabberspaß, die ein achtloser Passant weggeworfen hatte, beinhaltete zehn Kammern. Er fuhr mit dem Bus zur Arbeit, da die Verbindungen zur Arbeitsstelle seiner Frau schlechter waren als die seinen. Momentan sparten sie gerade auf einen Zweitwagen. Kurz gesagt- alles lief zum Besten. Bis zu einem verhängnisvollen Augustmorgen. Der Schweiß floss in Strömen. Den ganzen Morgen hatten sie Pipelines gelegt, um die Brutfelder trocken zu legen. Eine hektische Betriebsamkeit lag über der gesamten Anlage.
„Sag mal Ferdi, du hast da was.“
„Schnell, mach es weg!“
Die stetige Furcht vor Geschlechtskrankheiten prägte die Arbeiter. Wenn man so dicht an der Quelle arbeitete, war Vorsicht geboten. Vor und nach der Arbeit stand die Quarantänedusche an. Wer sich weigerte, wurde zu Dammarbeiten verdonnert, ein wahrer Scheißjob.
„Ich kann nicht, sieht mehr wie ein Ausschlag aus.“
„Was soll ich bloß tun?“
„Am besten gehst du gleich zum Betriebsarzt.“

*

„Und Herr Doktor, was ist es?“
„Tja, sieht eindeutig nach einer Menschenhaarallergie aus. Ich werde sie unbefristet krankschreiben.“
„Sind sie verrückt geworden? Wir sind nicht gewerkschaftlich organisiert. Wie soll ich denn meine Frau und meine zehn Kinder ernähren? Was schlagen sie alternativ vor?“
„Es gäbe noch eine Cortisonkur, aber das wäre blanker Wahnsinn. Sie würden nur die Symptome unterdrücken, ohne die Krankheit auch nur ansatzweise zu heilen.“
„Ist mir egal. Stellen sie schon das Rezept aus.“

*

Und so schluckte Ferdi jeden Morgen vor der Arbeit eine kleine Pille und alles war gut. Alles? Die Nebenwirkungen übertrafen die Wirkung um ein Vielfaches. Er hatte zu seinem alten Biss zurückgefunden, zahlte aber einen hohen Preis. Sein Körper quoll auf wie eine Dampfnudel. Schweres Asthma quälte ihn. Es hatte Zeiten gegeben, da war er mehrere Monate in Folge zum Mitarbeiter des Monats gewählt worden. Nun schaffte er kaum noch die Charge eines einfachen Leiharbeiters. Er quälte sich. Vergaß er mal einen Morgen seine Medizin, bereute er es bis zum Feierabend. Stets bemüht, die roten Quaddeln auf seinen Armen zu verbergen. Die Stellen, die direkten Kontakt zu den Haaren hatten, sahen am schlimmsten aus. Die Tabletten bekamen den Juckreiz in den Griff, nicht aber den Ausschlag. Ferdi kam sich vor wie ein Aussätziger. Seine Frau war es schließlich, die dem Spuk ein Ende setzte.
„Schatz, du machst dich noch kaputt! “
Ihre monatliche Pflichtübung hatte seinen Ausschlag zu Tage gefördert.
„Wie lange geht das schon so?“
„Ach, erst ein paar Tage.“
„Lüg mich nicht an.“
„Einen Monat.“
„Einen Monat! Und du erzählst mir nichts davon? Wozu hast du denn eine Ehefrau?“
„Weil ich nicht abwaschen kann.“
„Du kriegst gleich eine Standpauke, die sich gewaschen hat! Morgen gehst du zum Arbeitsamt und siehst dich nach einer neuen Tätigkeit um. Ein Mann in den besten Jahren! Die finden im Handumdrehen etwas Neues, was besser zu dir passt.“
Es machte keinen Sinn, sich den Worten seiner Frau zu widersetzen. Wenn sie sich einmal in etwas festgebissen hatte, ließ sie so schnell nicht locker.

*

„Igitt! Eine Filzlaus auf dem Arbeitsamt. Verschwinde!“
„Langsam Jungs, langsam. Erst einmal heißt das guten Tag. Ich werde euch nicht beißen. Deswegen bin ich ja hier.“
„Eine Filzlaus, die nicht beißen kann. Sehr komisch. Na, dann kommen wir zu ihren Personalien. Name?“
„Ferdi Filzlaus.“
„Wohnhaft?“
„Zum wilden Hengst sieben.“
„Ernsthaft?“
„Ja, das ist eine Parallelstraße zu Schlapper Schniepel.“
„Na dann will ich’s mal gelten lassen. Derzeitige Tätigkeit?“
„Ingenieur des Raffineriewesens.“
„Möchten sie wechseln oder sind sie arbeitslos?“
„Ich kann meinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausführen.“
„Können sie das belegen?“
„Hier, das Attest meines Arztes.“
„Na, wegen so einer Kleinigkeit wollen wir uns nicht in die Haare kriegen. Mal sehen, was wir da für sie haben. Haben sie Erfahrung im Umgang mit Pflanzen?“
„Wir haben einen kleinen Garten bei uns zuhause, den wir hegen und pflegen.“
„Prima! Dann wären sie bestimmt als Landschaftsgärtner geeignet.“
„Hm. Arbeiten an der frischen Luft klingt gut. Ich nehme an.“
„Schön. Melden sie sich morgen bei Vorarbeiter A. Meise. Wir machen eine Blattlaus aus ihnen.“

*

Die Umstellung von Menschenblut auf Pflanzensaft war etwas gewöhnungs-bedürftig. Schließlich war Ferdi kein Vegetarier. Er musste nur niesen, wenn er sich seiner Beute näherte. Ein schlechter Jäger, der noch nicht einmal eine Büchse Konservenmilch fangen konnte. Seine neuen Kollegen nahmen ihn unvoreingenommen an. Sie wussten ja nichts von seiner schmachvollen Vergangenheit. Zur Mittagspause erntete er freundliches Schulterklopfen. Und doch würde er in dieser eingeschworenen kleinen Gemeinschaft, die einem Außenstehenden so seltsam anmutete wie ein inzestuöses Bergvolk, immer ein Fremder bleiben.
„Sag mal Kumpel, weißt du eigentlich, worauf du dich eingelassen hast?“
„Ne, wieso?“
„Die Melkerkolonne ist im Anmarsch.“
„Welche Melker?“
„Dachte ich’s mir doch. Das Beste verschweigen sie den Neulingen meistens. Wir dürfen den Pflanzensaft nicht für uns selbst behalten.“
„Mir haben sie Halbpension mit un-eingeschränkter Nutzung der Saftbar versprochen.“
„Und du hast geglaubt, das gelte auch für die Touristenklasse? Mann, du musst noch viel lernen.“
„Was soll ich tun, wenn sie mich melken wollen?“
„Lass uns offen miteinander reden. Du bist keine Blattlaus, stimmt’s?“
„Sieht man es mir an?“
„Die Jungs würden es dir nie offen ins Gesicht sagen. Sie schreiben es lieber an die Klowände in der Kantine.“
„Und warum habt ihr mir nicht rechtzeitig von den Melkern erzählt?“
„Oh, das. Die Jungs wollten sich amüsieren. Wir haben keinen Fernsehempfang. Da sind sie dankbar für jede kleine Zerstreuung. Wenn ich dir einen Ratschlag geben kann: Halt still und denke an Gott und das Vaterland. Wie Generationen von Läusen vor dir.“
Es war grässlich. Nie in seinem Leben kam er sich so geschändet vor. Dass er nicht über die nötigen Drüsen verfügte, kümmerte die Ameisen wenig.

*

Wieder beim Arbeitsamt. Ferdi litt unter den Phantomschmerzen nicht vorhandener Drüsen.
„Sie verdammtes Drecksschwein! Man hat mich missbraucht und gedemütigt! Sie haben mich in unzumutbare Arbeitsbedingungen vermittelt!“
„Was soll ich sagen- es sind halt lausige Zeiten.“
„Darüber kann ich gar nicht lachen.“
„Entschuldigung, den konnte ich mir einfach nicht verkneifen.“
„Im Hochglanzprospekt sah es schöner aus als in Realität.“
„Ich sehe, sie sind bereit für neue Herausforderungen. Ich hätte da eine freie Stelle für sie.“
„Echt? Wo denn?“
„Unter meinem Arm.“
„Wollen sie mich verarschen?“
„Wenn sie mich so fragen- ja.“
„Ich warne sie. Wir Läuse lassen nicht mit uns spaßen. Wenn sie mich weiter ärgern, hetze ich ihnen meine Verwandtschaft auf den Hals!“
„Ok, Scherz beiseite. Sind sie sportlich?“
„Klimmzüge kann ich ganz gut. Auch Lungenzüge. Eigentlich alles, was mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu tun hat.“
„Ach. Wie kommt’s?“
„Tägliches Training. Ich bin fit wie ein Rollstuhl!“
„Könnten sie sich vorstellen, in einem Flohzirkus zu arbeiten?“
„Bei allem Stolz, ich bin eine Laus und kein Floh. Sie können uns doch nicht alle über einen Kamm scheren!“
„Sie waren auch keine Blattlaus und haben dafür ganz redlich in diesem Sektor gearbeitet. Sie schaffen das schon.“
„Wenn sie das sagen…“
„Schauen sie mal, ich habe ihnen einen Spandexanzug gehäkelt. Wenn sie bitte mal probieren würden…?“
„Der passt ja wie angegossen! Woher kennen sie meine Größe?“
„Ich bitte sie, ihre persönlichen Daten sind für alle Behörden frei verfügbar. Über die Homepage des Innenministeriums könnte ich sogar ihre Schwanzgröße abfragen. Soll ich?“
„Nein danke, nicht nötig. Und wo bitte geht es zum Zirkus?“
„Folgen sie den Schildern. Die hängen in der ganzen Stadt aus.“

*

Ferdi brauchte nicht lange nach ihnen zu suchen. Von seinem Standpunkt aus (überragt von allen Dreikäsehochs, Aug in Aug mit den Krümeln) sprangen ihn die roten Lettern regelrecht an. Doktor Alfred Stielmann! Das konnte doch nicht der Ernst seines Arbeitsvermittlers sein! Stielmann hatte ihm vor zehn Jahren eine Peilsonde in den Bauch implantiert, damit er das Paarungsverhalten der Filzläuse besser erforschen konnte. Dieser perverse alte Spanner! Wegen Stielmann hatten Ferdis Eltern den familiären Kontakt abgebrochen. Bloß wegen ein paar Amateurpornos auf DMAX, die der fiese Alte als Dokumentarfilme tarnte, um einen Sendeplatz vor Mitternacht zu ergattern. Nun leitete dieser Hurensohn einen weltberühmten Flohzirkus. Ob er ihn wiedererkennen würde?
„Ferdi, alter Freund! Lange nicht mehr gesehen. Was treibt dich in die Stadt?“
„Ich suche Arbeit.“
„Das trifft sich gut. Mir ist gestern ein Artist vom Trapez gefallen.“
„Dann bin ich mit im Boot?“
„Sozusagen. Wie geht es eigentlich Frau und Kindern?“
„Frag besser nicht.“

*

Ferdi wurde in den Mannschaftsunterkünften untergebracht. Seiner Frau schrieb er eine Karte, dass sie auf Tournee wären, und alles besser werden würde. Er vermisste sie jetzt schon. Er wollte Geld schicken und selbstgeschmierte Butterbrote. Doch er scheiterte schon an der Bedienungsanleitung des Faxgerätes. Also schickte er einen berittenen Investment-banker, der sie mit den besten Grüßen zu seiner Frau brachte. Investmentbanker waren seit der großen Finanzkrise günstig zu mieten, und sie erfüllten dankbar jeden ihnen angebotenen Tagelöhnerjob.
Zu seinen neuen Kollegen zählten Flohrentine Dubrovnik, eine polnische Ausnahmekünstlerin auf dem Trapez. Flohrian Feuerwehr, ein Brandkünstler mit langer Ahnengalerie. Sein Großonkel Flohdolf war Mitinitiator der Reichspogromnacht. Wahrscheinlich, weil die Aktion ursprünglich unter einem Shoppingevent lief. Tag der offenen Tür, Shoppen bis zum Umfallen. Ein verzeihlicher Fehler, wären da nicht die historischen Konsequenzen gewesen. Sein Nachfahre wurde bekannt für seine Künste als Schwertschlucker und Feuerspucker. Natürlich nicht gleichzeitig, denn das hätte zu Sodbrennen und Schluckauf geführt. Als letzter Kollege zu erwähnen dürfte Flohkus sein, der allseits gemiedene Fäkalkünstler. Ähnlich dem Pillendreher formte er große Kugeln aus seinem Kot, auf denen er Pirouetten durch die ganze Manege drehte. Man hatte Ferdi gleich am Anfang angewiesen, ihm unter keinen Umständen die Hand zu schütteln. Auch von den Küchenarbeiten wurde Flohkus geflissentlich ausgeschlossen. Pünktlich jeden Winter bei Kälteeinbruch jedoch wurde er zum Held der Stunde, da seine Fürze die Biogasanlage befeuerten und für eine behagliche Wärme sorgten.
Von allen Berufen, die er nach seiner Allergie angenommen hatte, stellte sich der des Zirkusartists als der beste heraus. Er war Flohkules, die Kraftmaschine. Der Schwarzenegger unter den Flöhen. War er früher schon ein trainierter Bursche gewesen mit den sehnigen Muskeln eines Arbeiters, stählte ihn nun das gezielte Krafttraining, dass er vor Kraft kaum laufen konnte. Voller Stolz trug er ein Halssixpack, auf dem man Walnüsse knacken konnte. Vom Rest ganz zu schweigen. Doktor Stielmann ließ den Schneider kommen, auf das er ihm neue Hemden nähte. Der alte Groll schien begraben. Stielmann zahlte eine vernünftige Gage, Spesen und Getränke frei. Während die anderen sich an Groupies gütlich hielten, verkroch er sich in seine Schlafkoje, ein Bild seiner Frau unter dem Kopfkissen. Das Leben im Tourbus glich dem einer Rock N Roll Band, wenn auch ohne Drogen. Endlich war es ihm gelungen, sich selbst zu verwirklichen. Ein freier Künstler in Festanstellung, das war Welten entfernt von der einfachen Filzlaus auf den Förderfeldern.

Freitag, 24. Februar 2012

Spätschicht


Tausche mich aus
in jenen späten Stunden
die das Internet mir bringt
die Stechuhr sticht den Takt
zur Spätschicht
der düsteren Gedanken
alle sind an Deck
während der Bug sinkt
spielen einen schwarzen Marsch
jeder mit seinem Instrument
doch vereint
sind wir ein Orchester.

Mittwoch, 22. Februar 2012

Duldsam


Zerrissen
zwischen der klatschenden Hand des Vaters
Gott der Allmächtige
Kreischen bis an den Rand des Trommelfells
einer Mutter
die ihre Arme schützend
immer nur um den eigenen Kopf legt
wie einen Zopf aus Verzweiflung
um nichts abzubekommen
von den Prügeln
die auf der Tageskarte stehen.

In den Scherbenresten
dumpf-brütender Wut
dem Schnarchen aus dem Türspalt des Schlafzimmers
schmiert er sich ein Pausenbrot
Gedanken an Flucht
wie der Alte so der Sohn
Probleme mit eiserner Faust zu durchschlagen.

Die Romantik der Bahnhofstrasse
Gleise
die in alle denkbaren Welten führen
doch wieder einmal
wird er duldsam
die andere Wange hinhalten
gebannt geschlossen
die Augen vor dem Schmerz.

Dienstag, 21. Februar 2012

Ungereimtheiten


Meinen regelmäßigen Lesern dürfte bestimmt aufgefallen sein, dass ich ein Fan moderner Lyrik bin. Jeder Dichter steht irgendwann einmal vor der Wahl, welcher Kunstform er sich verschreiben soll. Da der klassische Reim mir nicht liegt, wählte ich die freie Form.

Es gibt zwei Methoden, an einen Text heranzugehen. Die klassische Methode stellt die Form über den Inhalt. Aus der Notwendigkeit des Reims ergibt sich ein enges Korsett an Vorschriften. Nennen wir diese Form die reine Askese.

Die moderne Version stellt den Inhalt über die Form. Nennen wir es den "Flow", was man auch aus dem Hiphop kennt. Nicht mehr das Versmaß ordnet die Wörter, sondern das Gefühl, welches im Text mitschwingt. Freie Improvisation. Einzelnen Worten wird eine besondere Bedeutung beigemessen, die Wichtigkeit einzelner Phrasen bestimmen ihren Zeilenwert. Wiederholende Elemente können eine Aussage verstärken und wie eine Strophe wirken, ohne eine Strophe im klassischen Sinne zu sein. Im Jazz nennt man sowas Bebop. Ich nenne es die Freiheit meiner Worte.

Andy Warhol war einer der ersten, der Popart bekannt machte. Dazu gehören auch Techniken wie Cut-up, Collage, Trivialkultur und absurde Realität. Das beste Beispiel einer literarischen Umsetzung dieser Kunstform dürfte William Burroughs "The naked lunch" sein. Sprache ist nicht Tinte auf Papier. Sprache ist ein Wirbelsturm, der das Gehirn mitreisst und erst in Kansas wieder absetzt.

Ziemlich viel Theorie für heute. Aber eine Anleitung? Mitnichten. Es gibt kein "Gut" oder "Falsch" in der Poesie. Ich wollte euch nur ein wenig in meine Welt mitnehmen.

Montag, 20. Februar 2012

Ausschnitt aus "Lass mich dein Raubtier sein"



Nun, wo Anna fort war, blieb keine schützende Hand mehr übrig. Ich erwachte nach drei durchfickten Nächten, die nur den Katzenschlaf kannten zwischen dem Einschlafen der Frau und dem sich zur Tür schleichen. Benommen in einem fremden Bett, den Rücken von Fingernägeln zerkratzt. Zur Flucht zu spät. Zum Kaffee genötigt. Wie konnte mir so ein Patzer geschehen. Dass ich über Nacht geblieben war?
„Du hast an eine Andere gedacht, als du mich gefickt hast, nicht wahr?“
Ich dachte nicht daran, auf diese Frage zu antworten! Was erdreistete sie sich? Sie hatte mit dem Fickmeister geschlafen!
„Schon okay, brauchst mir nicht sagen. Du wirkst unglücklich.“
„Bin ich nicht!“
„Ach. Dein Körper sitzt hier in meiner Wohnung, seit Mitternacht. Und trotzdem bist du kilometerweit von mir entfernt.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Und von dir auch.“
„Ich habe eine Trennung hinter mir.“
„Relativ frisch?“
„Kann man so sagen.“
Ich biss mir auf die Lippen und studierte das Kleingedruckte auf der Kaffeesahne. Ich sah nur wie sie um den Tisch herumkam, wie in Zeitlupe, und ihre Arme tröstend um mich schlang. Was hatte ich denn verbrochen? Tränen krochen meine Schienbeine hoch, verkrampften meinen Magen auf ihrem Weg und kämpften sich nach oben durch. Wie ein Leichtschwimmer, der sich in tiefe Gewässer vorgewagt hatte, schlug ich mich frei und stürmte zur Tür. Raus aus diesem Alptraum. Zurück blieb nur eine halb geleerte Kaffeetasse.

*

Dokumentarfilmer in der Minoritenstraße, irgendeine saudämliche Einstellung für eine ZDF-Vorabendserie, ich rannte den Protagonisten mitten durchs Feld, ein wütender Regisseur verfluchte mich. Dabei floh ich nur vor meinem eigenen Film. Rannte. Immer weiter. Mir wehender Jacke die Marspfortengasse hinauf. Weiter. Über den Domplatz, durch das Marktgeschehen des Wochenmarktes. Die Pforten des Domes, sie öffneten sich unter meinen zitternden Händen und gewährten mir Einlass.
Wie viel Zeit verging? Schwer zu sagen. Ich war zwischen den Kirchenbänken eingeschlafen, ein traumloser, fast komatöser Schlaf der völlig Erschöpften. Ich weiß, ich hatte Stimmen gehört. Doch es war nicht Anna, die zu mir sprach. Nur ein Priester, der mich wachrüttelte.
„Junger Mann, wir schließen jetzt. Bitte gehen Sie nachhause.“
Der hatte gut reden. Was man nun zuhause nannte. Die majestätische Leere einer Kaverne. Die Kühlschrankglut meiner Vierwandzelle. Kein Obdach ohne Anna.

*

Im Andres, am Kartäuserwall. Weg von den Diskotheken. Sprach ich nicht von einem System der Mäßigung? Ich tauschte eine Sünde gegen die nächste aus und ließ mich volllaufen bis selbst der Wirt mir nichts mehr ausschenkte.
„He Kai, wie geht’s?“
Guido die alte Hackfresse. Lange nicht gesehen. Konnte man in so einer großen Stadt nicht einfach alleine bleiben?
„He Alter, ich hab grade eine voll krasse Lieferung Speed bekommen. Magst du Party machen? Komm, ich lade dich ein.“
Es empfiehlt sich, seine Freunde gut auszusuchen. Diesen zählte ich auch nicht zu meinen Freunden. Er war der dunkle Schatten, der mir folgte. Der mich immer wieder fand, wenn es mir schlecht ging und nie eine ratsame Lösung für meine Probleme parat hatte. Wenn mein Willen zur Selbstzerstörung ein Gesicht getragen hätte. Dann wäre es dies von Guido gewesen. Manchmal fragte ich mich, ob er wirklich real oder nur eine Manifestation meines Geistes war.
Wir spülten die kleinen orangeroten Fitmacher auf der Toilette runter. Das Wasser war kalt und schmerzte an den Zähnen. 

*

Im Übernacht.  Einhundertachtzig Beats per Minute rasten durch meinen Körper. Wieder eine Disko. Back to the roots, wie die gealterten Ghettokinder sagen würden (ihre Gesichter Momentaufnahmen der Coolness). Meine Party, die kein Ende fand. Die schiere Vernunft hielt mich an, auf Softdrinks umzusteigen. Mein Körper lief auf Reserve. Mutete ich ihm zuviel zu, wäre er früher oder später sehr effektvoll zusammengebrochen.
„Bist du öfters hier?“
So dämlich es klingt, manchmal sind die Standardanmachen die besten. Ich gab ihr einen GinTonic aus, ihr Lächeln wie Eiswürfel, kalt und berechnend. Ich war erleichtert, dass wir uns nichts vormachen mussten. Wir wurden durch einen unseligen Stern geeint, doch das Universum drehte sich weiter auf seiner steinigen Achse. Ich hörte Guido schrill kichern, wie einen interstellaren Kuppler.

*

Das Leintuch trug noch die Spuren anderer Männer und anderer Nächte, die dieses Geschöpf gelebt hatte. Es war fleckig und krümelig, Dreck wie Straßenschuhe. Über uns, am Dachfensterfirmament die bleiche  Scheibe des Vollmondes. Fiebrig und ranzig der Geruch ihres erhitzten Fleisches, suhlend in der Kloake. Ich kam & schrie nach meinem Engel, den ich verloren hatte. 

Sonntag, 19. Februar 2012

Killing for company


I saw
the police lines
crawling through your face
like a dead body
swimming in the sea
you were the tattoed grace
on a sailor's chest
you were the red flower
on an afghan field
you were the light of god
in my veins.

Scattering dreams
gaping scars
in the white curtain of reality
shows end
spectators leaving
i want my money back.

Some
are killing for company
some are killing
to be left all alone.

I always told you
you have a choice
but never said
it's a good one.

Samstag, 18. Februar 2012

Mein Zauberstab


Schnauze voll von Suppen aus dem Beutel? Dann sollte man sich einen Pürierstab zulegen. Für Anfänger empfehlen sich Experimente mit diversen Gemüsesorten. Mein Rezept:
  • 1 Brokkoli
  • saure Sahne nach Belieben
  • Salz
  • Pfeffer
  • eine Prise Muskatnuss
  • Wer will, kann noch ein paar Brot- oder Schinkenwürfel rösten.
Merke: Alles ist pürierbar. Setzt eurer Phantasie keine Grenzen. Alles ist besser als die vorgefertigten Pülverchen unserer Lebensmittelindustrie. Vor allem ist es so einfach, dass es schmerzt: Vorkochen, zermatschen, fertig. Ihr werdet euch wundern, wie kristallklar und natürlich der Geschmack ist. 

Zum Schluss noch einen kleinen Geheimtipp: Was für Suppen gilt, gilt auch für Saucen...

Freitag, 17. Februar 2012

Straßenstrich


Manchmal ist mir
als hätte ich mit der halben Welt geschlafen
während die Straße
in der Nacht versinkt
und die ersten Scheinwerfer
am Horizont erblühen.

Schönheit
kann eine inflationäre Waffe sein
wenn alle Mädchen schön
und keines hässlich.

Völkerverständigung
findet auf dem Rücken statt

gib mir deine Haut
ich geb dir meine dafür

ob im Gebüsch
oder auf dem Rücksitz
feilschende Hände streicheln eine Falte
die ihr Geheimnis
nicht preisgeben mag.

Hässlichkeit
kann eine inflationäre Waffe sein
wenn alle Freier hässlich
und keiner schön.

Donnerstag, 16. Februar 2012

Die feinen Herren



Lasst den billigen Pöbel einfach draußen. Ein Shirt für erhabene Herrenabende mit Zigarren und Brandy... Dekadenz ist eine Lebenseinstellung.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Lass mein Volk ziehen


Lass mein Volk ziehen

Händler treiben ihr Unwesen
in den heiligen Hallen des Tempels
Buchmacher nehmen Wetten
auf den Hunger an
jagen
Reis Weizen Mais in die Höhe.

Lass mein Volk ziehen

Tempofreaks
jagen Lebensmittel durch den Tank
um ihr Gewissen zu beruhigen
in den Dörfern
sterben die Menschen.

Lass mein Volk ziehen

Menschen zertrampelt vor den Bäckereien
ihre Träume & Hoffnungen
zerbrochen wie Eierschalen im Morast
die Spiele sind vorbei
das Volk braucht Brot!

Lass mein Volk ziehen

Weizenkörner
rinnen durch die Hände des Pharaos
Lebensader eines Volkes
dein Blut in meinen Händen.

Was für ein armer alter Narr!

Wenn ein Volk verhungert
frisst es die Hand
die es nicht füttert
verspeist es den Pharao
den seine Arroganz blind gemacht
wie auch die Händler
die den Tempel beschmutzten.

Dienstag, 14. Februar 2012

Ausserparlamentarische Opposition


Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen unsere gegenwärtige Regierung. Ich glaube nur nicht, dass ein Austausch der Marionetten das Gefühl ändern würde, verraten und verkauft zu werden. Da hatten es unsere Genossen in der DDR noch einfacher, bei ihnen gab es nur eine Blockpartei. Im freien Westen (der den sich den Osten einverleibte wie ein Kanibale ohne Salz und Besteck), war man schon immer schlauer gewesen. Indem man den Block in ein paar Parteien aufteilte, die mit wechselnder Rollenbesetzung das gleiche Theater spielen, erschuf man eine perfekte Illusion von Demokratie. Wir erleben Durchwinker und Egomanen, denen der persönliche Vorteil näher ist als der Bürger.

Wenn wir eines aus der Vergangenheit gelernt haben, dann dass sich Geschichte widerholt. Wenn die Opposition nicht mehr im Parlament stattfindet, dann verlagert sie sich auf die Strasse. In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte eine abgehobene Politkaste es erfolgreich geschafft, sich vom Volk zu lösen, das es laut Stimmzettel vertrat.

Die Strasse des 21. Jahrhunderts ist das Internet. Und es ist die verdammte Aufgabe der "Dichter und Denker", für die Deutschland nun einmal steht, sich zu erheben. Mit ihnen fängt es an. Wenn die Worte einmal gefallen sind, gibt es kein zurück mehr. Die Menschenmassen in den Gassen, die wütenden Transparente, das alles kommt später. Aber es ist nur eine logische Konsequenz des Weges, der eingeschlagen wurde. Alles was wir wollen, ist mehr Transparenz und echte Demokratie. Soziale Gerechtigkeit und die Freiheit, nicht jeden Toilettengang per Gesetz regeln zu müssen. 

Und mit Demokratie meine ich nicht die billigen Lügen des Propaganda-ministeriums!

Montag, 13. Februar 2012

Zeitalter des Wassermann

Tanzend & jubilierend
tiefes Knurren in der Kehle
wie ein Wolf
oder ein Schamane
während die Geister der Ahnen
über die Hügelkette ziehen
Wolkenkombinationen in der Wüste
reiten den Wind
wie sonnenverbrannte Himmelssurfer
die Haare blondes Chlor
Ikarus
mit Flügeln aus Adlerfedern & Talg
der große Traum
von kapitalistischer Freiheit
Gott ist eine Scheibe
so wie die Welt
mit dem Viehstempel
aus der Notenpresse.

Möwen stürzen
Wellen steigen
das Zeitalter des Wassermanns
ist angebrochen.

Samstag, 11. Februar 2012

Liebe im Fernsehen


Der einsame Kirchgänger
der fröhliche Flötenspieler
der schüchterne Sportfreund
der tierliebe Busfahrer
der rüstige Ruhrpottler
der raubeinige Feuerwehrmann
die romantische Regal-Servicekraft
das bayrische Cowgirl
der sanfte Schneekugelsammler.

Das Fernsehen schafft es
bemitleidenswerten Existenzen
Ikonenschimmer zu verleihen
der so falsch ist
wie Katzengold.

Niemand klärt sie auf
wie sehr sie sich zu Mus machen
nachdem der Vertrag unterschrieben ist
wohin der Wunsch nach Liebe
sie gebracht hat.

Brot und Spiele
Liebe, Triebe, Heiterkeit
seid zur Heiterkeit bereit!

Wie soll ich meinen Kindern
den Untertitel erklären
der auf meinem Grabstein steht?

Freitag, 10. Februar 2012

Die zwei Stimmen in meinem Kopf








"How does it feel?"
"Feels like Massenmord."
"Oh really? That sounds interesting to me!"
"It's just a job to do."

Donnerstag, 9. Februar 2012

Desert Macbeth


Ich suche dich
in einer Wüste aus Staub
über die Krähen herabstürzen
wie gefallene Engel
um die letzten Fetzen Fleisch
von den Gerippen zu ziehen
die liegenblieben
wie Pottwale
in falschen Gefilden.

Blind von der Wüstensonne
torkle ich
tastend
hustend vor Sand
mich vor

werde von Skorpionen gebissen
und Schlangen gemieden
die ihre schuppige Haut
an meinen Knöcheln reiben

meine Füße versinken im Sand
mit jedem Schritt
rudere ich nach unten.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Weg mit dem Winterspeck!

Na, auch noch ein paar Pfunde zuviel auf den Rippen? Dann ab zum Training mit einem lustigen Spruch auf der Sporttasche!

Dienstag, 7. Februar 2012

Brüder im Geiste


Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Aber manchmal ist es die kindliche Neugierde, die uns hilft, das Gute in jedem Menschen zu suchen. Wäre ich ein Politiker, würde ich es als ergebnisoffene Diskussion verkaufen.

Nach Jahren des Alleine-Werkelns an meinem Blog streckte ich meine Fühler nach Gleichgesinnten aus. Freunde müssen zusammenhalten, nicht wahr? Und mit solchen Texten macht man sich wenig Freunde. Die Zeit der düsteren Monologe war vorbei.

Ich redete mit meinen Fans, hörte ihnen aufmerksam zu, und ließ ihre Worte auf mich wirken. Manch einer von euch lieferte den Gedankenanstoß zu einem meiner Texte. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn ihr seid meine Lektoren. Leider ist ein Blog denkbar ungeeignet, um Feedback zu erhalten. Eigentlich traurig. Aber dafür gibt es die sozialen Netzwerke. Wer das Gespräch sucht, muss heutzutage wohl beide Systeme miteinander verknüpfen.

Auch unter den Bloggern machte ich mir Freunde. Solche Menschen fallen einem im realen Leben nicht in den Schoß. Bloggen kann sehr einsam sein. Umso tröstlicher ist es da, sich mit den "Kollegen" zu unterhalten. Erst da lernte ich, Ziele und Aufgaben meiner Funktion als Blogger zu definieren. Den Weg, den Dirty Dichter einschlagen muss. Ich hoffe, das beruht auf Gegenseitigkeit. Wege, die man gemeinsam beschreiten sollte.

Montag, 6. Februar 2012

Nachtwache


Was es heißt
nicht flüchten zu können
wenn wir uns umschleichen
tagein tagaus
wie zwei Tiger im Käfig.

Du findest mich abweisend
wenn ich Papiere in den Kamin werfe
dass es munter prasselt
oder mir die Fingernägel einreiße
während ich den Frost
von den Scheiben kratze
wie ein gefangenes Tier.

Meine Unfähigkeit
ein menschliches Wesen
um mich herum
zu ertragen
lodert wie das Kaminfeuer
der Gedanken die ich verbrenne.

Stumm fülle ich mein Tintenfass
und halte die Nachtwache.

Samstag, 4. Februar 2012

Affaire für die Karriere


Zwei die ihre Körper
insbrünstig mit den Fingerkuppen erkunden
unbeholfen
über fremde Haut eilen
die es nicht müde werden
ihre Gefühle auszubreiten
sobald eine Kamera
aus dem Nichts aufblitzt
wie eine Radarfalle

dann aber hektisch
alle Kleidungsstücke zusammengerafft
wie Beweisstücke vor die Linse gezerrt
um sagen zu können:

Schatz, weisst du noch
unser erstes Interview
wie romantisch?

Loslassen können
ist ein wichtiger Bestandteil
für eine Beziehung
auch für eine Beziehung zur Presse
zu wissen
was besser für einen ist
dass auch der Verlust der Würde
nicht bewahrt
vor dem Absturz
in die Gewöhnlichkeit.

Freitag, 3. Februar 2012

Ausschnitt aus "Wunschmünzen"

Die Ebene, zu der er sich heute aufgemacht hatte, lag weiter oben. Der Aufstieg war mühsam, da der einzige Weg steinig war. Der restliche Hang war Sand, den die Zeit langsam abtrug. Vielleicht würde es diese Stätte einmal nicht mehr geben. Gegangen mit dem Wind. Dieser wehte kräftig, Sand gelang in die Lunge. Nun wurde er von einem trockenen Reizhusten begleitet. Sein linkes Kniegelenk brannte wie Feuer. Noch zwei Jahre bis zum Ruhestand. Sein Körper, einst zuverlässig wie eine deutsche Eiche, beharrlich allen Beanspruchungen trotzend, verließ ihn mehr und mehr. Er wurde zu alt für diese Arbeit.
Die Ebene war nicht groß, sie maß wohl zweihundert Ellen in der Länge und dreihundert in der Breite. In ihrer Mitte standen drei Kreuze. Kinder hatten sich eingefunden. Sie waren wie die Ratten, sie kreuchten und fleuchten überall herum, wo es sie nichts anging. Das Strobermädel hatte einen leinenen Sack dabei, aus dem sie die Raben mit trockenem Brot fütterte. War das Wut in ihren Augen? Genugtuung? Sie gab den Tieren Stärkung, die ihren Vater zerfledderten. Er hing dort oben, weil er das arme Ding mit der Schande des Blutes besudelt hatte.
Am linken Kreuz hing der alte Kilian. Ansgar schauderte. Dieser unscheinbare Mann hatte wie ein Wolf unter den Menschen gewütet. Vor langer Zeit waren sie zusammen in die Volksschule gegangen. Wie hätte er ahnen können, dass sie sich unter solch unglücklichen Umständen wieder über den Weg liefen? Wie gerne hätte er im Prozess für Kilian ausgesagt, denn er konnte ihn immer noch gut leiden. Aber als Henker stand ihm keine Stimme zu. Er mochte nicht glauben, dass dieses Monster, was die Trutzinger verstießen, einmal ein kleiner Junge gewesen war mit aufgeschürften Knien und fettigen Haaren. Die Zeit war ein grausamer Herrscher, der unvorhersehbare Wege ging.
Auch hatte er ihn alle paar Wochen in seiner Hütte besucht, und mit ihm eine Tasse Tee getrunken. Dabei war ihm nichts Besonderes aufgefallen. Wo sollte er denn die immensen Vorräte an Dörrfleisch verstecket haben, von denen die Bürger hinter vorgehaltener Hand tuschelten? Für Ansgar war Kilian ein friedfertiger alter Mann, der alleine draußen im Wald wohnte. Eher melancholisch als verschroben. Auch nachdem die Leichen auf seinem Grundstück gefunden wurden, war Ansgar zu keinem anderen Gefühle als Mitleid fähig. Obschon er wusste, dass es vielleicht an ihm sein würde, ihn zu richten. Und als er ihm die Nägel in die Handgelenke schlug, dachte er Ich habe ihn nie gekannt. So war es dann auch.
Unter dem mittleren Kreuz spielten zwei Jungen mit Klickerkugeln. Ansgar kannte diese Sorte nicht, sie waren weiß, in ihrem Inneren glomm ein grünliches Licht. Wenn sie gegeneinander prallten, wurde es heller. Offensichtlich handelte es sich doch nicht um Klickerkugeln, vielmehr spielten sie mit Glühkäfern. Kaum hatte er es erkannt, schnipste der Bengel mit den blonden Haaren eines der Tiere gegen einen der Balken, wo es mit knackendem Geräusch verstarb.
„Macht, dass ihr verschwindet, elende Rotzgören!“
Die Kinder zuckten zusammen, packten ihre Spielsachen und zogen in einer Karawane an ihm vorbei. Keines zog eine Grimasse, und doch mangelte es ihnen an Respekt. Sie waren verdrossen, hatten sie doch das vollste Recht, hier oben zu spielen.
Scharfrichter war ein angesehener Beruf. Sein Vater war einer gewesen, sein Großvater. Eine Familientradition. Die Menschen hatten Ehrfurcht vor ihm, sie achteten ihn als ein notwendiges Übel. Jedoch sein eigener Sohn scherte aus. Er hatte das Handwerk des Bäckers erlernt. Dennoch liebte er ihn. Doch wer würde nach ihm in Trutzingen das Henken übernehmen? Er war schon sehr alt, er würde keinen Burschen mehr in die Lehre nehmen können. Die Zukunft lag anderswo. Die Allmende würde im Fürstentum eine Stelle ausschreiben müssen.
Ansgar seufzte. Er zog den Sack von seiner Schulter und näherte sich den Toten. Mit einer Machete schlug er die Füße ab. Die Körper, nunmehr nur noch von den Nägeln in den Händen gehalten, sackten nach unten. Dabei knackte es ordentlich in den Schultergelenken. Von Leichenstarre keine Spur mehr. Sie hingen drei Tage, mussten Platz machen für die morgigen Hinrichtungen. Mit dem letzten Streich trennte er die Handgelenke durch, die Körper fielen nun zu Boden, wo sie aufplatzten wie reife Früchte. Einige Stücke hatten sich gelöst, was nicht weiter schlimm war. Die Raben flatterten bereits heran. Sie würden die Erde reinigen. Mit einem Brecheisen löste Ansgar Hände und Füße vom Holz. Die Kreuze selber blieben stehen, sie wurden einmal im Monat getauscht. Stehen blieben stets die Fundamente aus Knochenmörtel, die im Boden eingelassen waren. Zwei von ihnen ragten zu einem großen Teil aus dem bröseligen Boden heraus. Er würde mit Friedhelm sprechen müssen, damit er nach den Fundamenten sah. Ansgar schleppte die Körper zur Feuergrube. Mit einer Handkurbel warf er die Pumpe an, die das Maisöl von den tief darunter verborgenen Tanks zur Anlasserflamme beförderte. Ansgar warf die Leichen in die Blechwanne, drückte einen Hebel. Alles verschwand unter einem Schiebedeckel. Durch das rußige Sichtfenster verfolgte er den Verbrennungsprozess. Stinkende Schwaden quollen aus dem roten Backsteinkamin. Die Dorfbewohner würden wieder Fenster und Türen schließen. Plötzlich richtete sich einer der Körper auf, der halbverbrannte Totenschädel grinste ihn an. Ansgar schrie auf. Alterchen, es war nur eine normale biologische Reaktion. Wenn sie brennen, verziehen sie sich. Kein Grund zur Sorge.

Donnerstag, 2. Februar 2012

Verblender


Er fragte mich, wer ich sein wolle, wenn ich nicht ich selbst seine müsste. Ich erschauderte an den Möglichkeiten, die von Verrat bis heimtückischen Mord reichten. Ich erkannte die Matrizen der westlichen Welt, lernte meinen Ellenbogen das Denken beizubringen.

Manchmal sitze ich da, wische vertrocknete Fliegen von einem staubigen Fenstersims, und frage mich, wie es soweit kommen konnte. Im Mülleimer liegt der Putzplan der letzten Woche. Reliquien einer Zeit, als wir noch alle Entscheidungen in der großen Runde beschlossen. Das war, bevor er kam. Nun sitzt jeder auf seinem Zimmer und schweigt. Nachts höre ich das Schaben von Kugelschreiber auf Papier. Sie tun es heimlich, so wie ich. Und doch öffnet keiner seine Tür, um mit den nackten Füßen in den Flur zu treten. Das geheime Leben der Nacht. Klickende Feuerzeuge, gurgelnde Heizkörper, unterdrückte Schluchzer. So mag es in den Gefangenenlagern dieser Welt klingen, wenn die Wächter schlafen gehen. Blechtassen, die gegen Gitterstäbe aus schwerem Stahl schlagen. Eine eingängige Melodie, fast ein Lied. Ganz Deutschland singt die Internationale.

Wachzuliegen, im Strudel all dieser verzweifelten Geräusche. Wie kann ich ihre Hilferufe ignorieren? Ohne mich selbst schuldig machen? Ich frage mich, wie frei einer ohne Gewissen wäre. Unglaublicher Schub, nun spüre ich es auch. Er hat recht.

Nun der Spiegel. Ich wische mir die Zweifel aus dem Gesicht, wie ich mir die Brauen gerade ziehe. Meine Sorgen waren unbegründet. Mein blütenweißer Kragen ist gestärkt von den Wehklagen der Nacht. Wie konnte ich nur an ihm zweifeln? Oder den Lehren, die er mir zwischen Butterbrot und Schwarztee schmackhaft machte? Draußen zwitschern die Vögel. Der Flur hat alle Klagen vergessen. Man könnte eine Stecknadel fallen lassen, niemand würde sie hören. Meine Mitbewohner schweigen.

Er hat mir versprochen, die Wohnung heute zu verlassen. Noch zweifle ich, doch er versicherte mir, das Tageslicht seie gnädiger als die Nacht. Ich vertraue ihm, weil ich sonst niemanden mehr vertrauen kann. Auch daran ist er schuld, doch seine Worte zerstreuen jeden Zweifel.

Update 24.02.12: Dieser Text nimmt auch am Februar-Schreibwettbewerb bei Buch-ist-mehr.de teil.

Mittwoch, 1. Februar 2012

Nominiert für den Besucheraward

Besucher-Award - Das Original! Dirty Dichter ist nominiert für den Besucheraward in der Kategorie "Kunst & Literatur". Bis zum 29. Februar könnt ihr dort für mich abstimmen. Ich freue mich über jeden Fan, der mir den Rücken stärkt. Also folks, let's vote!