Samstag, 31. März 2012

Narben


Wie ich es hasse
beim Namen genannt zu werden
wie der Teufel
mit dem langen Schwanz
die Angst
vor dem kurzen Flackern der Pupillen
im Moment
des Wiedererkennens.

Traurig zu sagen
dass die erste Frage
die mir durch den Kopf geht

VERZEIHEN SIE
ABER HABEN WIR EINMAL
MITEINANDER GESCHLAFEN?

lautet.

Ich habe Spuren hinterlassen
wie ein Revolverheld
nackte Leiber
pflastern meinen Weg
die Spuren in meinem Gedächtnis
sind die flachen Rinnen
eines Flußbetts im Sommer
belanglose Körper
für die ich Kerben
in mein Bett ritzte.

Freitag, 30. März 2012

Kühe

Wer denkt notmelken 
wäre nur was für Kühe, 
hat nie eine geheiratet.

Donnerstag, 29. März 2012

Wollt ihr die totale Freiheit?


Oh wie gut es mir geht
alle Männlein tanzen
wenn ich es will

ich wähle die Schauspieler
die meine Kultur vertreten
ich wähle die Nachrichtensprecher
die meine Information vertreten
ich wähle die Talkmaster
die die Gladiatorenkämpfe
meiner Konflikte austragen
ich wähle die Clowns
die mich unterhalten
die zu meinem Privatvergnügen
und dem eines Millionenheers an Zuschauern
die rote Nase blecken
ich wähle die Latenight-Huren
die Politpropaganda
häppchengerecht zerlegen
damit es auch Greti & Pleti
wohl bekommt
bevor der Dämmerschlaf
sie übermannt.

Meine Freiheit trägt das Zepter
meiner Fernbedienung
oh wie gut es mir geht.

Warum also
vertraue ich Politikern
die keiner Weisung unterstehen
egal wieviel Stimmen
die Urne erbrochen hat?

Mittwoch, 28. März 2012

Ausschnitt aus "Blutzoll"


Eine gute Stunde später saß Doktor Sommerberg im Präsidium. Nervös spielte er mit seinem Kugelschreiber. Die Aufregung war ihm anzusehen.
„Er ist uns entkommen.“
„Sind sie sicher, dass es Christoffer war?“
„Wir versuchen der Presse einen Riegel vorzuschieben, aber das hält nicht lange vor. Heute Nachmittag war ein Team in seiner Wohnung. Wir waren mit den Kollegen über Funk verbunden. Von daher wissen wir, dass sich Leichenreste in der Wohnung befanden. Dann zündete eine selbst gebastelte Bombe.“
„Wie bitte?!“
Rutherford lächelte bitter.
„Arnac ist tot, zwei seiner Leute ebenfalls. Die Spurensicherung kratzt sie gerade von den Wänden. Wir wissen noch nicht, welche Art von Zünder er verwendet hat. Allerdings kann man sagen, dass der Mistkerl ganze Arbeit geleistet hat. Passt das zu dem Christoffer, den sie kennen?“
„Die Leichenteile, ja… er ernährt sich zunehmend von Menschenfleisch. Aber die Bombe? Woher könnte er nur das Wissen haben?“
„Nun, die meisten der wirklichen Schwerverbrecher kommen schlimmer aus dem Knast heraus, als sie vorher waren.“
„Wohl war. Er teilte sich längere Zeit die Zelle mit einem Islamisten.“
„Ist der noch inhaftiert?“
„Soweit ich weiß, ja.“
„Dann werden wir dem Herren demnächst einen Besuch abstatten.“
„Was für Erkenntnisse erhoffen sie sich?“
„Erstmal, welche Fähigkeiten sich unser Bursche angeeignet hat. Wo glauben sie, hält er sich jetzt auf?“
„Das hängt auch von den Medien ab, wissen sie. Über welche Ereignisse ihn betreffend wurde berichtet?“
„Schwer zu sagen. Wir hatten die letzten Tage mehrere Meldungen, die ihn betreffen könnten. Erinnern sie sich an den Auslöser der Unruhen in den Banlieues?“
„Wollen sie sagen, Christoffer hätte die junge Frau verbrannt?“
„Die Jugendlichen neigten in der Vergangenheit hauptsächlich zu grobem Vandalismus, Diebstahl und Drogenhandel. Unterbrochen von ein paar gelegentlichen Schießereien mit der Polizei. Eine Straftat wie diese passt nicht ins Raster. Zudem wurde Christoffer gesehen.“
„Wo?“
„Kurz danach kam es zu einer Schießerei in der Metrostation Saint Denis Université. Christoffer wurde verfolgt und beschossen, entkam aber mit der einfahrenden Bahn. Leider wurde die Meldung zu spät an uns durchgegeben. Wohin er danach ist, weiß kein Mensch. Die Polizei richtete zu dieser Zeit ihr Augenmerk mehr auf die sich in konzentrischen Kreisen ausbreitenden Unruhen. Die Jugendlichen, die geschossen haben, wurden noch nicht ermittelt.“
„Wen er das im Fernsehen gesehen hat, ist er nicht mehr in Paris.“
„Sie glauben, er hat die Stadt verlassen?“
„Und brennende Brücken hinter sich gelassen, ja.“
„Ok, ich werde eine Rasterfahndung für ganz Frankreich veranlassen.“
„Denken sie vielmehr an die Anrainerstaaten. Könnte gut sein, dass er außer Landes flüchtet.“
„Das ist der blanke Wahnsinn. Je mehr Staaten er durchpflügt, desto aufmerksamer dürften die Obrigkeiten auf ihn werden!“
„Im Gegenteil. Er will auf diese Art Verwirrung stiften. Und bisher ist ihm das ganz gut gelungen.“
„Wir sind ihnen dankbar für ihre Dienste, aber sie haben mehr von einem Psychologen als einem Kriminologen an sich. Vergessen sie das nicht. Was sie von mir fordern, bedeutet einen finanziellen und personellen Aufwand, den sie noch nicht ganz begriffen haben. Bitteschön, ich mache eine Großfahndung über die gesamte Fläche der EU. Aber erst will ich mich von der Notwendigkeit dazu überzeugen. Dass er sich wirklich nicht mehr in Frankreich versteckt.“
„Sie vergessen da etwas, Agent Rutherford. Ich stelle keine Forderungen an sie. Ich erteile nur Ratschläge.“
„War das ihr Wort zum Sonntag? Gut. Machen sie nur so weiter. Tun sie mir den Gefallen und kehren in ihr Hotelzimmer zurück. Ich melde mich, wenn wir ihre Dienste wieder brauchen.“
„Einen Ratschlag noch auf den Weg.“
„Was denn?“
„Achten sie auf Spuren am Straßenrand. Wie ein normaler Mensch Getränkedosen und Pizzaschachteln aus dem Fenster wirft, wird er unterwegs seine Opfer hinterlassen.“

*

Womit Doktor Sommerberg Recht haben sollte. Christoffer wusste, dass er schleunigst Frankreich verlassen musste. Er floh sowohl vor der Polizei als auch vor den Medien. Allein auf weiter Strecke. Die Autobahn eine verlassene Gerade in der Nacht. Getragen nur von den Schwingen der schwarzen Krähen, die in Schwärmen durch den Himmel jagten. Aasfresser. Die seine Witterung aufgenommen hatten und hofften, auch für sie würde etwas abfallen. Er leckte sich über Lippen, die sich rissig anfühlten und nach Salz schmeckten. Es juckte ihn gewaltig. Und es gab nur eine Abhilfe gegen diesen Juckreiz, der von innen kam. Christoffer musste sich kratzen, bevor er verrückt wurde.
An der nächsten Raststätte fuhr er raus. Den Staub der Straße mit einem Schluck hinunterspülen. Eine Kleinigkeit essen. Seine letzte Mahlzeit lag etliche Stunden zurück, vor seiner überhetzten Flucht.
Zu dieser nachttrunkenen Stunde war das Restaurant wie leergefegt. Ein paar polnische Fernfahrer saßen gelangweilt vor einer Käseplatte. Eine völlig übermüdete Bedienung, die auf das Ende ihrer Schicht hoffte, schlurfte an seinen Tisch heran.
„Na Schätzchen, was darfs sein?“
„Eine Cola und Merguez mit Fritten.“
„Hamwa nich mehr.“
„Und Spaghetti Bolognese?
„Na, jez verstehn wa uns. Bring ich dir gleich.“
Angewidert sah Christoffer, wie sie eine vorgefertigte Portion in die Mikrowelle steckte. Über dem Tresen lief ein Fernseher ohne Ton. Unangenehm wurde er an seine Flucht erinnert, und daran, dass er nur einen Vorsprung vor den Medien hatte. Nicht mehr. In der Glasabdeckung des Buffets entdeckte er sein Spiegelbild. Missmutig fuhr er sich durch die blonden Haare. Sie gefielen ihm nicht wirklich. Er wirkte wie ein in die Jahre gekommener Technojünger. Wenig vorteilhaft. Immerhin unterschied er sich von den letzten Fahndungsfotos. TF1 wiederholte die Schießerei in der Metro. Christoffer verschluckte sich an seiner Cola und musste husten. Plötzlich gab es zwei Leben, die nur durch eine dünne Schicht voneinander getrennt parallel liefen. Da war ein zweiter Christoffer im Fernsehen, das Gesicht so weit als möglich von Schal und Mütze bedeckt, der Pistolenkugeln auswich wie ein Traumtänzer. Dann war da der blonde Technojünger, der weniger als zwei Meter entfernt auf seine Spaghetti wartete. Zum Glück hatte er bei dem indischen Gemischtwarenhändler am Père Lachese einen Selbstbräuner entdeckt, der seine Gesichtszüge nun neu herausmodellierte. Äußerlich unterschied er sich nun gewaltig von der Gestalt auf der Mattscheibe, und das war gut so.
Draußen auf dem Parkplatz legte er den Kopf in den Nacken, um den Krähenschwarm besser zu sehen, der über ihn hinweg zog. Mit einem Mal wurde die Nacht dunkler, ein roter Filter legte sich über sein Sichtfeld.

*

Als er wieder zu sich kam, stand er über einer Frau, ausgeweidet wie ein junges Reh. In den Händen hielt er die glitschigen Enden ihres Darms, mit dem er sie erwürgte. Ihr Mund war mit Absperrband zugeklebt, damit sie keine Schreie ausstoßen konnte. Er konnte sich nicht erinnern, wo er das Absperrband her hatte. Selbst wenn sein Leben davon abhinge, er konnte sich nicht erinnern. Dann rutschten ihm die Darmenden aus den Fingern und er fiel rückwärts auf den Asphalt. In weiter Ferne konnte er die Lichter der Raststätte ausmachen. Am äußeren Ende des Parkplatz. Dann nur grauer Beton. Und wieder grauer Beton. Ragte aus der Nacht heraus wie vorsintflutliche Ungeheuer. Wenn das letzte Grün gewichen. Wuchs der Betondschungel heran. Sein Mund schmeckte nach Blut. Er wusste, dass er sich in seinen Instinkten wenig von den Tieren unterschied. Ein Umstand, den er nicht begriff, aber zu akzeptieren gelernt hatte. Wie oft schon hatte ihm das einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und genauso oft hatte es ihm den Kopf aus der Schlinge gezogen. Denn der Jäger witterte die Gefahr. Überlebenstrieb, ein uralter Instinkt. Dennoch war es dumm, so kurz nach seiner Flucht der Polizei möglicherweise Anhaltspunkte für sein nächstes Ziel zu liefern. Er wischte sich mit Laub und Blättern das Blut von den Händen. Den Leichnam trat er die Böschung runter, wo er in eine Schneeverwehung kullerte. Pulverschnee stob auf. Da würde er bis zum Frühjahr liegen. Er stieg hinab und schaufelte ihr ein weißes Grab mit seinen Händen.

Dienstag, 27. März 2012

Was ist Kultur?


Wenn wir den Fernseher einschalten, sehen wir pervertierte Zerrbilder unserer Realität. Doch beständig prasselt die bunte Welt auf uns ein, bis wir sie für real halten. Nachmittags ergötzen wir uns an Reality-Soaps, abends dann die Lumpenparade der Hauptschule bei DSDS. Untalentiert, aber mit dem dummen Grinsen der Hoffnung im feisten Schweinsäugleingesicht. Und das Schlimmste daran: ihre Hoffnungen könnten erfüllt werden.

Ich schäme mich für dieses Land, und dem, was wir der Nachwelt hinterlassen. Dachtet ihr etwa, Kultur würde euch in hirngerechten Happen vorgekaut, auf dass sie leicht verdaulich bleibe? Dachtet ihr, Kultur bedeutet den vollen hedonistischen Genuss, ohne denken zu müssen?

Kultur wurde für den Geist geschaffen, und nicht umgekehrt. Sie soll zum Nachdenken anregen, das Wesen einer Gesellschaft abbilden. Dass dabei nicht nur die schönen Seiten zu sehen sind, ist klar. Aber von dieser Polarisierung lebt Kultur!

Montag, 26. März 2012

Chromherz


Mein Zorn
ist blank gehämmerter Stahl
der in der Sonne glänzt
meine Kälte so klirrend
dass es nicht nur andere fröstelt
sondern auch mich selbst
tief drin
in meinem kleinen Chromherz
bewahre ich die Bitterkeit
in einer kleinen Schale
aus der ich mein Abendmahl nehme
und sie ist Galle.

Ob es dir bewusst war
als du die Wahl der Waffen
in meine Hand legtest?

Die feste Hand des Schnitters
zieht einen Riss
in den Vorhang des Theaters
wo ich allein auf der Bühne stehe
meinen Schädel in der Hand
und mich frage
ob meine eigenen Waffen
mich nicht richten

ob ich mich
an die Kälte gewöhne und den Hass
ob ich andere Dinge
auf diesem Altar opfern werde

die Waffe ist in mir
in meinem Herz aus Chrom
ich drücke den Abzug.

Sonntag, 25. März 2012

Schorle


Wie selbstverständlich wir die Kehle nässen mit all den Softdrinks, die in preiswerten Sixpacks in jedem Supermarkt nur darauf warten, dass wir die Hand in den Tragegriff schieben. Brav so. Nur rein mit der Zuckerplörre.

Ich gebe zu, auch mir fiel es schwer, davon Abstand zu gewinnen. Cola war für mich das Selbstverständlichste der Welt. Mineralwasser ödete mich an, ließ mein antrainiertes Zuckerbedürfnis unbefriedigt. Weil es verdammt nochmal nach nichts schmeckt!

Es gilt, seinem Geschmack ein Schnippchen zu schlagen! Also mischte ich Mineralwasser mit wechselnden Fruchtsäften. Und siehe da, es schmeckte süß! Und ganz ohne Farbstoffe, Aromastoffe und Unmassen von Zucker. Zumal es unterm Strich nicht mehr kostet als eine fertige Schorle oder ein Softdrink.

Freitag, 23. März 2012

Salzig


Wenn ich die Augen schließe
rieche ich das Meer
und es ist salzig
wie deine Haut
ich sehe kleine Fischerboote
die auf dem Horizont reiten
als wollten sie
die Wellen bezwingen
die Planken
voller Algen & Muscheln.

Wenn ich die Augen öffne
ist das Meer verschwunden
es riecht immer noch nach Salz
die Boote sind weg
und alle Wellen schweigen.

In deinen Augen
fliegt eine Möwe
ich wünschte
ich könnte ihr folgen

doch ich bleibe zurück
und deine leeren Augen
sehen mich nicht an.

Donnerstag, 22. März 2012

For Lovers


Auch die Liebe macht vor dem digitalen Zeitalter nicht halt. Beweist, dass ihr auf dem Stand der Zeit seid und zeigt eurem Schatz, was ihr denkt. Tragt eure Gefühle auf diesem T-Shirt vor euch her.

Mittwoch, 21. März 2012

Raster


Die die Arbeitslosigkeit fürchten
wie das Ende ihrer Existenz
vor dem Amt
jeden Hautlappen bloßzustellen
bloß für ein paar Kröten.

Sie fallen duchs Raster
und meine Hände sind leer.

Die die Flachmänner kippen
um ihre Existenz
mit Wärme zu füllen
wenn der nackte Beton
keinen Rückhalt bietet.

Sie fallen duchs Raster
und meine Hände sind leer.

Die ein Leben lang
gebuckelt haben
treudoof
um den Tritt in den Arsch
zum Dank!

Sie fallen duchs Raster
und meine Hände sind leer.

Die Alten im Park
denen die Demenz
die letzten Tage stiehlt
füttern die Tauben
aber sie wissen es
nicht besser.

Dienstag, 20. März 2012

Inflationär


Bin ich schon zu lange hier draußen? Zweifel überkommen mich beim Anblick der schieren Menge an Texten, die ich wie Treibholz am Strand aufgeschichtet habe. Was habe ich mir da bloß aufgebürdet?

Wer zuviel zu sagen hat, läuft Gefahr, dass seine Worte ihr Gewicht verlieren. Sich das Gewand des Revolutionärs anzuziehen ist in diesen Zeiten nichts Besonderes mehr. Die Suche nach der Wahrheit hinter den Dingen ist inflationär geworden. König Arthur würde sich in seinem fauligen Grabe umdrehen. Welcher Ritter hat noch den Schneid, den heiligen Gral zu suchen?

Ich habe mich verloren im Märchenwald. Irgendwo hinter dem Gestrüpp lauert die Hexe in ihrem Häuschen aus Pfefferkuchen fein. Sie wird meinen hocherhobenen Mittelfinger prüfen und über meinen Nährwert entscheiden.

Montag, 19. März 2012

Strömung


Wie Puzzlesteine
haben wir ineinander gepasst
in jenen Tagen
als die Nachmittagssonne
in unsere Küche schien
die Kochtöpfe
verlassen & schmutzig auf dem Herd
während wir den Tisch
einem neuen Zwecke zuführten.

Nun liegt zersplittertes Geschirr
im Ausguss
und eine Stille in der Luft
die nicht einmal
das stumpfe Brotmesser
schneiden könnte.

Das Leben hat uns abgeschliffen
wie zwei Kiesel im Flussbett
uns die Konturen genommen
bis wir nichts mehr hatten
um es der Strömung
entgegenzusetzen.

Sonntag, 18. März 2012

Ausschnitt aus "Logbuch eines Psychonauten"

Der folgende Text erschien im Jahr 2002 unter dem Namen "Großstadtjunkie" in meinem Gedichtband "Logbuch eines Psychonauten".


Die Stadt stinkt
eine einzige Kloake
Menschen in Moderwolken
zuviel Hektik
zu viele Menschen
Ekel vor den Gesichtern
häßlich
verrückt
man sollte eine Waffe haben
um auszuwählen.

Polizisten
an jedem großen Platz
schützen sie uns vor den Anderen
oder die Anderen vor uns?
Was wo
seht mich nicht an
Übermacht der Augen
Baseballschläger und Butterflymesser.

Flucht des Nachtreisenden
zwischen S-Bahnen und U-Bahnen
flitzende Lichter
Spiegelreflektionen in der Scheibe
Haltestellen haltend
ungewisser Fahrplan
an der Torpforte zur Hölle.

Zuhause
in einem Meer von Plastiktüten:

Die rote Lichterwelt
beginnt hinter der Mauer
flackert im Uhrzeigersinn
meine Augen hinauf
Blut Spritzen
eine Regenbogengestalt
hält mir den kalten Dolch an die Kehle

Lichterschein in hohen Räumen
wabernd drehend
die Unendlichkeit in Sofakissen
weich umarmt.
Flitternde Glanzwolken rufen:
„All that glitters is gold“
fliegend
             im Echo des Raums
schallend zurückgeworfen.

All die vielen
kommen wieder
zu mir zurück.

Samstag, 17. März 2012

Der Bauer bestellt den Acker


Während draußen die Temperaturen in den zweistelligen Bereich rutschen, pflüge ich die Erde um und bereite sie für die Aussat vor. Mein Beet ist klein, es misst nicht mehr als die Länge eines Blumenkastens, der am Geländer im Treppenhaus hängt. Mir reicht eine Gabel als Pflugschar.

Letztes Jahr habe ich bewiesen, dass man Gemüse im Treppenhaus hochziehen kann. Bloß mit den Erträgen war ich unzufrieden. Neues Jahr, neues Glück. Mein Fehler war, die Saat zu spät gepflanzt zu haben. Doch nur aus Fehlern lernt man. So fange ich dieses Jahr früher an. Die alte Erde habe ich umgehoben, und neu gewässert. Bald kann ich meinen Samen verschleudern, auf dass er fruchtbar sei!

Freitag, 16. März 2012

Ghosts of love


Why still marching
into war
brave soldier?

Soldier said:
Because there's nothing left to loose
old friend
and that's why
i keep on marching
facing the enemy.

Oh... so weird.

I asked a lover
and got
the same response
clinging to something
that's already broken
in fury & disguise.

Love is a crippeled walking-stick
but at least
better
than walking alone
fearing all of them ghosts
finding their birth
in a stormy night.

Mittwoch, 14. März 2012

Karstadt Hertie Schlecker


Mal wieder
stößt eine Kette
unrentable Fillialen ab
mal wieder
reißt es ein Loch
ins Gefüge der Innenstadt
und auf der grünen Wiese
inmitten von Beton
klatschen die Konsumenten
unisono in die Hände
als ein neuer Chrompalast
seine Pforten öffnet.

Weit abgeschlagen die Rentner
mit ihren Einkaufstrolleys
die fortan
den Bus nehmen müssen
um ihre Besorgungen zu erledigen.

Ich sprach mit der Kassiererin
Ende fünfzig, schwer vermittelbar
die Ende des Monats
in den Rachen
des freien Arbeitsmarkts
stürzen würde

ich wünschte ihr
alles Gute
und packte meine Waren
in den Korb.

Dienstag, 13. März 2012

Soldatenseele


Wie weit bist du gewillt zu gehen? Solange, wie die Worte mich tragen. 

Ich bin gottlos, doch ich habe einen Glauben. Brauche keine Krücke für meinen Verstand, denn ich glaube an mich selbst. Was ist Religion wenn nicht eine Ausrede, warum man seinen verdammten Arsch nicht in Bewegung setzt? An himmlische Fügung zu glauben ist Narrentum, an das nicht einmal mehr Kinder glauben.

Ob man in der Armee Gottes sein Banner schwingt, oder als Wortkrieger in die Schlacht zieht, spielt keine Rolle. Es ist eine heilige Schlacht, und es gilt die Ungläubigen zu bekehren. Gefangene werden keine gemacht.

Montag, 12. März 2012

Graue Blöcke


Waschmaschinen
Trockner
Kühlschränke
Stereoanlagen
I-pods, pads, und da sind wir wieder
in der Pattsituation
dass die Fliessbänder schneller laufen
als du rennen kannst
in deinem kleinen Hamsterrad.

Während ständig neue Waren
aus Containern fallen
spiele ich Tetris
aber ich weiss
ich bin allein.

Sie stapeln sich vor meinen Füßen
wachsen
in den Hafenhimmel
verdrängen die Möwen
die kreischend das Weite suchen.

Auch du bist nur
ein Stein in der Mauer
von Moosadern durchzogen
und brüchig.

Ich habe es längst aufgegeben
das Rennen zu gewinnen.

Sonntag, 11. März 2012

Ausschnitt aus "Christoffer"


Rückblickend redete er sich ein, dass er harmlos die Strecke hätte entlangfahren können, ohne Zwischenfälle. Ohne Aussetzer. Doch wie schon oft erwies sich die Gelegenheit als besonders günstig, buchstäblich unwiderstehlich.
Er fuhr gerade durch eine kleine Ortschaft Richtung Bundesstraße, als er Melanie Deuner am Straßenrand sah. Nach Manier der Anhalterinnen streckte sie den Daumen raus. Der Zufall wollte es, dass auf ihrem Schild Nürnberg stand. Der Zufall konnte grausam sein.
Christoffer der Kavalier. Er konnte die junge Frau nicht einfach so stehen lassen. Er setzte den Blinker & fuhr rechts ran.
„Sie haben Glück junge Frau, ich fahre auch nach Nürnberg. Springen sie rein.“
„Soll ich meine Reisetasche auf den Rücksitz legen?“
„Moment. Ich mach mal den Kofferraum auf.“
Christoffer verstaut ihre Tasche. Die Türen schließen sich für sie wie ein Sargdeckel.
„Ich heiße Melanie- und du?“
„Sascha.“
Im Radio sprach jemand vom Wetter. Es sollte schlechter werden. Möglicherweise Regen.
„Was machst du in Nürnberg?“
„Ich besuche ein Musikfestival. Britpop total- Oasis, Blur, Robbie Williams und so.“
„Du wirst da ganz schön nass werden.“
„Ne, das Konzert ist in einer Halle.“
Das sonore Dröhnen des Motors.
„Und du?“
„Hm?“
„Na ich meine, was führt dich nach Nürnberg?“
„Ach so. Ich nehme teil an einem 5-tägigen EDV-Lehrgang. Demnächst wird bei uns in der Firma ein neues Anwendersystem eingeführt. Mein Chef hatte ja erst die glorreiche Idee, Vorerst nur einen Mitarbeiter pro Filiale zu schicken, der dann von Haus geschickt wird, um es den anderen dann beizubringen. Meine Güte! Allmählich wird der Alte etwas seltsam. Das hätte nie funktioniert.“
„Zum Glück arbeite ich noch nicht.“
„Du gehst noch zur Schule?“
„Ja. Ich mache nächsten Monat mein Abi.“
„Hm. Mit was Leistungskursen?“
„Deutsch und Geschichte.“
„Klingt interessant. Weißt du schon, was du später damit studieren willst?
„Ich denke mal Germanistik. Eigentlich bin ich mir selbst darüber nicht ganz im Klaren.“
Auf der Höhe von Oettingen fiel Christoffer etwas ganz anderes ein. Wenn er seine Route beibehielt, würde er an Dinkelsbühl vorbeikommen. Er erinnerte sich an letzte Dienstreise.

*

Er hatte dort Halt gemacht, um eine Stelle zum Austreten zu suchen. Hatte sein Auto in einem Feldweg abgestellt. Er wollte nicht direkt an der Straße pinkeln, also war etwa hundert Meter in den Wald hinein gegangen.
Nach dem Abschütteln war sein Blick auf eine verrostete Eisentür in einem Erdhügel gefallen, der von losen Blättern bedeckt war. Angestachelt von seiner Neugierde hatte er sich das näher ansehen wollen. Probeweise hatte an der Tür gerüttelt. Mit einem ächzenden Quietschen hatte sie sich geöffnet. In der Finsternis der Katakombe hatte er sein Feuerzeug angeschnippt. Der schwache Widerschein beleuchtete eine Art Korridor mit vier Kammern. Er hatte vermutet, dass das früher ein Bunker war.

*

An diese unterirdische Anlage dachte er jetzt. Eine schöne Gruft. So tief, wie sie im Wald lag, wäre sie bestimmt schalldicht. Schreidicht. Selbst noch bei Todesqualen. So wie es aussah, würde er mit Verspätung in Nürnberg eintreffen.
Die ersten Tannen rückten in die Nähe. Led Zeppelin im Radio mit „stairway to heaven“.
„Könntest du mir bitte meine Sonnenbrille? Sie lag im Handschuhfach.“
Melanie öffnete das Handschuhfach und holte ein blaues Plastiketui heraus. Öffnete es.

*

Oft plante Christoffer seine Taten eher zufällig. Er hielt es mit dem Pfadfindermotto „Allzeit bereit“. Das mochte auch der Grund gewesen sein, warum er seine Sonnenbrille im Handschuhfach aufbewahrte. Das Etui enthielt nur einen fleckigen Wattebausch, den er vor jeder Fahrt ausgiebig mit Chloroform tränkte.
Die Anhalterin blieb ein kurzer Moment, um sich über den Inhalt der Box zu wundern, bevor Christoffers rechte Hand das Lenkrad verlies und ihr den Bausch ins Gesicht drückte.
Der Wagen geriet ins Schlingern, fuhr Schlangenlinien über die gesamte Fahrbahnbreite. Gewann dann wieder an Stabilität, fand schließlich in die Spur zurück.
Wären andere Fahrzeuge in der Nähe gewesen, hätte er es nicht gewagt. So aber hatte er freies Spiel.
Melanie fiel betäubt in ihren Sitz zurück. Christoffer fuhr lächelnd in den nahen Feldweg.

*

Er blickte auf die Uhr und zählte bis 30. Dann nahm er den Wattebausch aus ihrem Gesicht. Sicher war sicher. Er schleifte sie über die Grasnarbe Richtung Bunker. Schmiss sie ins Dunkel und kehrte zum Auto zurück. Stück für Stück schleppte er die Requisiten heran. Abschleppseil. Taschenlampe. Kassettenrekorder. Zu guter letzt den Gummihammer.

*

Das Verhörlicht hatte sie geweckt. Ein heller Strahl, mitten in ihr Gesicht. Geblendet blinzelte sie. Schnell merkte sie, dass sie sich nicht bewegen konnte. Ihre vom Körper abgespreizten Arme waren irgendwo in der unergründlichen Dunkelheit angebunden. Angst stieg in ihr auf.
 „Ich weiß dass du wach bist. In den nächsten Stunden wirst du ein paar gute Freunde kennen lernen.“
Christoffer kicherte amüsiert.
„Meinen ersten Freund kennst du bereits. Fred, die fröhliche Taschenlampe. Und wen haben wir denn da? Wenn das nicht Klatschi der Gummihammer und Sony der Kassettenrekorder sind. Sony wird sich liebevoll all deiner Schreie annehmen. Lass dich ruhig gehen.“

Samstag, 10. März 2012

Hundstage


Wir hatten gesoffen
wie englische Touristen
am Mittag
machten wir Risotto
und schleppten es in den Garten.

Später
fuhr ich deinen Kumpel
in den Puff
zur Thaimassage
und fragte mich
ob die Welt
vor die Hunde geht.

Freitag, 9. März 2012

Lesen ist sexy

Und da sag noch einer, Bücher wären unerotisch. Mit diesem T-Shirt könnt ihr es der Welt zeigen!

Donnerstag, 8. März 2012

Gottesanbeterin


Ich erinnere mich daran
wie ich dir Drinks spendierte
um deine Moral zu torpedieren
und wie sie meine
in die Tiefe riss.

Ich erinnere mich daran
wie ich über deinen Anhänger lachte
ein kleines silbernes Kreuz;

BABY
DU HAST DEINEN GLAUBEN
LANGE VOR MIR VERLOREN

Ich erinnere mich daran
wie meine Hand
unter dein T-Shirt glitt
und kurze Zeit später
deine Hand
in meine Hose.

Ich erinnere mich daran
wie ich laut gellend
nach einem Taxi schrie
und Passanten sich umdrehten.

Ich erinnere mich daran
wie Tiere übereinander herfielen
als wollten sie mit ihren Körpern
sich ihr verpfuschtes Leben heimzahlen.

Ich erinnere mich daran
wie ich leise zur Tür schlich
und du noch schliefst.

Ich erinnere mich
an meine Angst vor der Gottesanbeterin
die das Männchen
nach der Paarung tötet.

Doch ich erinnere mich nicht
an deinen Namen.

Mittwoch, 7. März 2012

Dienstag, 6. März 2012

Perlen vor die Säue


Mögen meine Fans mir den Zorn verzeihen. Aber manchmal quillt selbst mir die Galle über. Auch wenn derbe Worte das Mittel meiner Wahl sind, so stelle ich doch den Anspruch, einen literarischen Blog zu führen. Nennt mich von mir aus den Prolet-Poet, wenn es euch beliebt. Bukowski wurde verlacht und angefeindet ob seiner Gedichte, die doch nur das Leben der Underdogs dieser Gesellschaft schilderten. Und doch trug er einen wesentlichen Beitrag zum Literaturbetrieb bei!

Das Arbeiterkind kann sich nur auf seinem Niveau artikulieren. Sei es drum, ich gehe einen Schritt weiter. Ich will eure Sprache sprechen, in eure kleinen Herzen schauen. Als wären es meine eigenen Abgründe, die mich um den Schlaf bringen.

Ihr könnt mir in die Rippen treten und mir ins Antlitz pissen, und doch mein Rückgrat nicht brechen. Kunst kennt viele Formen. Ich kann nur meinen Weg gehen.

Montag, 5. März 2012

Eidechse


In der digitalen Welt
streife ich meine menschliche Hülle ab
und löse mich in Bytes auf
schlüpfe in reichverzierte Ornate
spiele den Priester
kratze mir den weißen Kragen
wie eine elektronische Fessel
großtrabend
wie ein Eunuch
der sich über Sex auslässt
ich adde ich like
und doch sitzen am anderen Ende des Glasfasers
echte Menschen
die genauso erstaunt
ihre silberne Haut betrachten
wie ich
im Fokus meiner Webcam.

Die Kunst dabei ist
menschlich zu bleiben
die Maschine nicht
die Oberhand gewinnen zu lassen.

Zusammengesunken über der Tastatur
die menschliche Hülle
die im globalen Dorf erschöpfte
niemand wird ihr aufhelfen
alle warten nur
teilnahmslos
auf das nächste Posting
als wär's ein vitales Lebenszeichen.

Sonntag, 4. März 2012

Ausschnitt aus "Babylons letzter Wächter"


Als ich aufwachte, fand ich mich in einem weißen Raum ohne Fenster wieder. Ich wusste nicht, wie ich hierher gekommen war, noch meinen Namen. Mein Gedächtnis war so leer wie dieser Raum. Ich schlug die Bettdecke zur Seite und versuchte, die Dimensionen meiner Heimstatt zu untersuchen. Neben dem bereits erwähnten Bett besaß ich einen Stuhl, einen Tisch, und einen Kleiderschrank. Weiß lackiert. Im Schrank hingen weiße Hosen aus derbem Baumwollstoff, sowie dazu passende Hemden. In der Schublade fand ich weiße Socken und Unterhosen.
Ich begann die Wände abzuschreiten. Ich schätzte die Weite meiner Schritte und kam auf ein ungefähres Raummaß von fünf mal fünf Metern. Ein Zollstock hätte mir das bestätigt, was ich insgeheim schon wusste: Der Raum war absolut quadratisch. Ich fand zwei Türen, von der die eine nur durch die dünne Linie, die die glatte Wand unterbrach, zu erkennen war. Sie hatte keinen Griff. Zu ihrer Rechten hing ein kleiner Kasten an der Wand, der eine milchige Platte in der Mitte trug. Als ich neugierig mit der Hand darüber fuhr, ging ein trübes Leuchten durch das Glas.
„Fingerabdruck  nicht erkannt. Zugang verweigert.“
Was aber auch hieß, dass der richtige Fingerabdruck nach draußen führte. Und dass der Kasten anderen Menschen diente. Ich war nicht alleine. Ich suchte mit den Augen die Decke ab, und fand auch Zeichen für sie. Eine Kamera, die sich mit meinen Bewegungen drehte. An ihrem Schaft blinkte ein rotes Lämpchen. Möglicherweise ein Modell mit Bewegungssensor.
Die andere Tür hatte einen normalen Griff. Als ich ihn drückte, wurde ich enttäuscht. Kein Tor zur Freiheit, sondern mein Badezimmer. Auf der Ablage über dem Waschbecken standen neutrale weiße Plastikflaschen. Keine Werbebildchen, kein Firmenaufdruck. Auf einer stand Shampoo. Auf der anderen Duschgel. Eine Plastiktube mit der Aufschrift Zahnpasta. Ich öffnete den Verschluss, quetschte einen kleinen weißen Klecks heraus und leckte vorsichtig daran. Es schmeckte nach Minze. Schien alles ganz normal zu sein.
Wer war ich? Der Blick in den Badezimmerspiegel zeigte mir einen Mann von vielleicht fünfzig Jahren mit graumeliertem langem Haar. Buschige Augenbrauen. Hakennase. Volle Lippen. Wie im Traum berührte ich meine Wange, befühlte ihre bartstoppelige Oberfläche. Der Mann im Spiegel tat es mir gleich. Ich sah einem völlig Fremden in die Augen. Von mir aus hätte ich alles sein können. Ein Banker, ein Straßenpenner, ein Politiker, ein Müllmann. Das Gesicht eine leere Fläche tausender Lebensentwürfe und Möglichkeiten. War es denn wirklich wichtig, wer ich war? Oder sollte ich nicht die Möglichkeit nutzen, der zu sein, der ich immer sein wollte? Würde ich bei dem Versuch nicht wieder zu dem werden, der ich einst war?

*

Stundenlang starrte ich auf die weiße Wand in der Hoffnung, Formen und Muster zu sehen. Teile meiner Erinnerung. Doch die Wand blieb weiß. Sie schien mich zu verspotten.
Die Tür ohne Griff öffnete sich. Ich drehte mich um, um meinen ersten Besuch zu empfangen. Zwei Krankenschwestern traten ein, ohne ein Wort an mich zu richten. Sie nickten mir kurz zu, und machten sich dann an ihre Arbeit. Die eine wechselte mein Bettlaken, die andere stellte ein Tablett mit Essen auf dem kleinen Tisch ab. Ein neutrales weißes Plastiktablett. In Folie eingeschweißtes Einweggeschirr aus Plastik. Eine Plastikflasche, die eine durchsichtige Flüssigkeit enthielt.
„Wo bin ich hier?“
Schweigen.
„Warum werde ich eingesperrt?“
Schweigen.
„Wollt ihr nicht mit mir reden?“
Sie wollten nicht. Verrichteten monoton ihre Arbeit. Wahrscheinlich fragte ich die Falschen. Sie waren nur Handlanger, die nicht mehr wussten, als man ihnen sagte. Oder Nonnen, die ein Schweigegelübde abgelegt hatten. Konnte das des Rätsels Lösung sein? Ich war in einem Kloster, wurde gesund gepflegt. Nonnen umschwirrten mich und lasen mir jeden Wunsch von den Augen ab. Bald würde ich genesen sein.
Jede Hoffnung war mir recht und billig. Weinend verzehrte ich mein Abendessen. Mein Talent zur Selbsttäuschung war nicht so ausgeprägt, wie ich gedacht hatte. Kaum hatte ich den letzten Bissen zerkaut, da überfiel mich eine bleierne Müdigkeit. Ich fiel vom Stuhl, die Welt legte eine Dreivierteldrehung hin. Mein Sichtfeld verwandelte sich in ein sinkendes Schiff. Passagiere rutschten das Achterdeck hinunter in die tosende See. Mit letzten Kräften zog ich mich an meinem Bett hoch und legte mich schlafen.

*

Ich durfte dem Essen hier drin nicht trauen. Irgendwas mischten die mir rein, was mir die Füße wegzog. Das Denken fiel schwerer. Auch nach dem Aufstehen fühlte ich mich wie schwer verkatert. Es zerrte an meinen körperlichen Kräften. Genau das wollten sie doch. Warum gerade ich? Warum war ich so wichtig? Ich erinnerte mich nicht an mich. Nachts träumte ich von der Stadt (oder träumte die Stadt mich?). Ich schloss die Augen und sah ihre kleinen Leben. Nicht einmal meine Träume waren meine eigenen. Ich hatte keine Erinnerungen und keine Träume. Alles hatten sie mir genommen. Nacht für Nacht vergewaltigten sie mich, missbrauchten meinen Schädel für ihre gemeinen Leben und Lügen. Soviel Bosheit. Ich war nicht ihr Messias. Der ihnen alle ihre Leiden abnahm. So nicht, meine Lieben, so nicht. Lasst mich in Ruhe, hört ihr mich?

*

Die Neonsonne ging auf, ein neuer Tag begann. Ich erwachte. Der künstliche Rhythmus war mir mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen. Ich erwischte mich selbst dabei, wie ich an manchen Tagen im Dunkeln aufwachte, und wenige Sekunden später das Licht anging. Mein Körper hatte sich daran gewöhnt. Genauso wie ich müde wurde, wenn das Licht erlosch. Sie simulierten mir sogar eine Abenddämmerung, wahrscheinlich mit Hilfe eines Dimmers und einer Zeitschaltuhr. Aber konnte ich denn überhaupt den Tagen trauen? Waren sie immer gleich lang? Ich besaß keine Uhr. Wenn sie mir die Nacht für den Tag vormachen würden und den Tag für die Nacht, ich würde es noch nicht einmal bemerken. Im Mittelalter glaubten die Menschen, die Welt wäre eine Scheibe, weil genau das ihrer Wahrnehmung entsprach. Ich besaß keine Beweise, dass sie mich in dieser Form manipulierten. Von Menschen, die einen einsperrten, sollte man stets das Schlechteste annehmen.
Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Meine ersten Vermutungen, ich könnte ein Niemand von der Straße sein, verwarf ich mittlerweile. Ich musste eine gewisse Rolle spielen. Wusste ich zuviel? Lachhaft. Ich wusste ja nicht mal, wer ich selbst war. Wer war ich also?!
Ein Unruhestifter. Ein Terrorist. Das fehlende Bindeglied zur Geheimformel. Ein menschlicher Code, der Schlüssel zu… denk nicht dran. Oh ja, wie schön es wäre, den Schlüssel zu haben, um aus diesem Gefängnis auszubrechen. Sei still! Schüre dein armes Gehirn nicht mit der Glut der Hoffnung. Erforsche deine Umgebung. Am Ende verraten sie sich vielleicht selbst.

*

Ein normaler Mensch legte sich nach einem Alptraum wieder schlafen, während ich nicht zur Ruhe kommen konnte. Denn diese Alpträume waren real, sie passierten auf Babylons Straßen, jeden Tag. Und wenn für mich der Alptraum beendet war, ging er für sie erst los. Ich wusste, dass ich nur die Spitze des Eisbergs zu Gesicht bekam. Dass Lügen, Intrigen und Niedertracht keinen Schlaf kannten.
Meine Haut juckte und spannte. Ihre Geschichten zerrten an mir. Die Grenzen zwischen Traum und Realität, die für mich ohnehin dünner waren, platzten auf wie faules Fleisch. Ich bekam nässende Wunden. Die Schwestern rieben sie regelmäßig mit einer antiseptischen Salbe ein, doch es wollte sich kein dauerhafter Behandlungserfolg einstellen.

*

Die verfluchten weißen Wände. Der verfluchte weiße Boden. Die verfluchten weißen Laken. Damit wollten sie mich kaputtmachen. Ohne äußere Reizeinflüsse traten irgendwann Weisheit und Visionen auf. Oder man wurde vom Wahnsinn innerlich zerfressen. Sie wussten das. Sonst hätten sie mich nicht hier eingesperrt. Was also planten sie? Wenn sie sich irgendwelche Erkenntnisse von mir erhofften, dann sah es gut aus für meine Überlebenschancen. Wenn nicht, dann war ich einer ganz perfiden Form der Folter ausgesetzt. Sie wollten, dass ich den Verstand verlor. Die Vorstellung, dass sie sich an Bildschirmen labten wie Forscher an einer dummen Maus, die den Weg aus dem Labyrinth nicht heraus fand und kläglich verreckte. Bei derzeitigem Stand konnte ich nicht wissen, ob mein Leid ein öffentliches war oder nicht. Vielleicht lief ich als dreiundzwanzigste Staffel von Big brother im Kabelfernsehen? Oder wurde im Internet live übertragen?
Es gab nichts zu tun. Ich machte täglich Liegestütze, damit ich nicht an Kraft verlor. Wer rastet, der rostet. Sonst würde ich mich in diesem dämlichen Bett noch wund liegen. Ich war ja kein Kranker. Ich wurde zu einem gemacht. Oder völlig verblöden. Sich von der Langeweile unterkriegen lassen. Sinnentleert, schlimmer als in jedem westlichen Gefängnis. Kein Hofgang, keine Post von Angehörigen. Manchmal erfand ich Zahlenspiele. Ging in meinem Kopf logische Reihen durch. Wenn es gar nicht mehr ging, sah ich auf meine Hände. Ihre rosa Beschaffenheit. Eine Farbe in dieser leeren Zelle. Zählte die Haare auf ihrem Rücken. Einmal hatte ich in die Ecke gepisst, um diesen verdammten Boden zu verdrecken. Das war ein Fest! Gelb, eine neue Farbe!
Auch das führte zu nichts. Es stank eine Stunde lang. Oder länger. Ich hatte mein Zeitgefühl verloren. Dann wurde es kommentarlos von den Schwestern aufgewischt. Keine Uhr, um die Stunden zu messen, die nicht vergehen wollten. Aber am Ende gab es nichts, womit ich mich wirklich dauerhaft ablenken konnte. Denn ich versuchte nur, vor mir selbst zu fliehen und nicht aus diesem Gefängnis. Ich musste fokussieren. Die Träume waren ein Puzzle, das es zu lösen galt. Wahrscheinlich war jeder Mensch ein Sender. Aber nur einige wenige waren Empfänger. Ich konnte mich glücklich schätzen, über eine so leistungsstarke Antenne zu verfügen. Ich würde mich zurücklehnen und den Träumen lauschen, um meine Erinnerungen darin zu suchen.

Samstag, 3. März 2012

Tausendfach


Tausendfach habe ich sie verflucht diese Tür
jeden ihrer Riefen
den vergilbten Lack
der in den Ecken blättert
als hüte er ein Geheimnis
was sich eines Tages
abschälen würde wie eine Apfelsine
tausendfach ihre Klinke gespürt
das kalte Metall
welches wispert wie tausend Dämonen
das blinde Auge in ihrer Mitte
starrt mich dümmlich an
wie ein Zyklop
ich sehe sie doch die Schatten
die sich sardonisch grinsend
vor mir verstecken
und doch kann ich nicht lassen
von dieser Tür
weil alle Stimmen sagen
dass es eine gute Welt sei
man müsse es nur versuchen.

Durchschreite ich diese Tür
um die Gewissheit zu haben
dass jeder Schritt den ich tue

tausendfach gerochen
tausendfach geschmeckt
tausendfach gehört
tausendfach gelebt ist?

Donnerstag, 1. März 2012

In den tiefen Höhlen meiner Augen


In den tiefen Höhlen meiner Augen
spielen Kinder im Staub
und sind glücklich.

In den tiefen Höhlen meiner Augen
klopfen die Frauen
die Wäsche auf den Felsen sauber
gleich den Möwen
die Muscheln ausspeien
um an das weiche Fleisch zu kommen.

In den tiefen Höhlen meiner Augen
kehren die Männer heim vom Feld
die Hacke über der Schulter
wie ein Gewehr
ihre Rücken krumm wie Angelhaken.

In den tiefen Höhlen meiner Augen
erschauern die Alten
beim Pfiff durch die hohle Hand
wenn ein Feuer entzündet wird
Krähen laufen über Erdhügel
darunter die Gebeine
der Stammesältesten.