Montag, 30. April 2012

Ausschnitt aus "Meat Me"


Du warst unser Idol, du warst unser Gott. Das leere Seufzen von Michelle in den Weiden. Doch jetzt bist du in Gefahr. Wir haben sie gesehen, die ihre Krallen nach dir ausfahren. Die von uns, die dich immer noch mögen, haben sie abgewehrt. Aber wir können nicht immer da sein. Das nächste Mal…Michelles Stimme klang traurig. Sie kam aus dem Nichts und doch war sie für Claudio so real, als hätte sie neben ihm gestanden. Die Geister der Vergangenheit. Seit Jahren hatte er sie nicht gesehen. Umso mehr irritierte es ihn, dass gerade sie die Warnung ausgesprochen hatte. Was hatte sie mit der Sache zu tun und welche Form trug die Gefahr? Wer wollte ihm Übles und warum?
Schweißgebadet wachte er auf. Die Bettdecke lag zusammengeknüllt in der Ecke des geräumigen Bettes. Grelles Sonnenlicht hatte sich eingeschlichen während er schlief. Aber deswegen waren seine Laken nicht nass. Nicht die Hitze, nein… die Kälte, die er im Traum gespürt hatte. Was er roch war seine eigene Angst. Ein sehr unmännlicher Geruch, der nicht zu ihm passte. Manchmal, in südamerikanischen Städten, lag die Meeresbrandung wie salziger Nebel über der Nacht. Die alten Fischer sagten, es seien die Tränen der Einsamen, die sich in den Schlaf weinten. Als er sich aufsetzte und durch die Haare strich, pochten seine Schläfen augenblicklich. Na Klasse, das konnte vielleicht ein Tag werden.
Während er in der Küche stand und sich ein Glas Eiswasser genehmigt, klingelte das Telefon. Im Display eingehender Anrufe blinkte in grünen Lettern der Schriftzug der Agentur. Der Videomonitor strahlte ein monotones Rauschen aus. Normalerweise hätte er das Bild der anrufenden Person übertragen sollen. Er würde dem Störungsdienst Bescheid geben müssen. Trotzdem wusste er, wer ihn anrief.
„Hi Marla.“
„Morgen Großer. Gut geschlafen?“
„Geht so. Sag was anliegt, meine Zeit ist teuer.“
„Oh. Sind wir heute ein Morgenmuffel?“
Sie kicherte.
„Eine Geschäftsfrau um halb sieben. Zieh dir einen Anzug an und hol sie ab. Essen im New China in der City. Ich glaube ihr beide hattet schon einmal das Vergnügen. Eine Elisabeth Bassige, wirf mal einen Blick in deinen Organizer. Falls ich mich irre, kannst du mir kurz eine Email schicken und ich suche dir ihre Adresse raus.“
„Nein Danke, die müsste ich haben.“
Ohne ihre Antwort abzuwarten legte er auf. Es war nie gut, sich länger als nötig mit Marla zu unterhalten. Sie war ein hinterfotziges Biest. Ob Mann oder Frau, das Geschlecht spielte bei Menschen ihres Schlages keine Rolle. Sie war ein Zuhälter und er eines ihrer besten Pferde im Stall.
Er war gut und international bekannt. Unter all den Nobelcallboys erzielte er den höchsten Preis, und das wusste er. Er konnte die Preise diktieren und nicht umgekehrt. Er könnte frei sein. Wie oft hatte er daran gedacht, die Agentur hinter sich zu lassen. Selbständig zu arbeiten. Ohne Marla. Die Bequemlichkeit hatte ihn immer wieder eingeholt. Die Agentur knüpfe die Kontakte, schloss die Verbindungen. Er war am Ende der Stein, für den Das Loch ausgehoben wurde.
Claudios Vorteil war sein perfekter Körper. Glatt wie die Kunststoffhülle
einer Schaufensterpuppe. Genauso anonym und einsam. Er hatte ihn zur Projektionsfläche aller sexuellen Wünsche und des Verlangens gemacht. Wenn er sich bewegte, dann mit der Anmut eines schwarzen Panthers. Sein Anblick löste bei den Frauen, egal ob jung oder alt, eine wohlige Gänsehaut aus. Oft wurde er angebaggert, auch von Männern. In den Zeiten der Liberalisierung genierten sich die heutigen Schwulen kein Stück.
Ein paar Klimmzüge brachten seinen Kreislauf wieder in Schwung. Er wischte sich den Schweiß vom Körper. In der Küche setzte er eine Tasse Lipton auf und entkernte einen Apfel. Am großen Küchentisch aus Hartacryl verzehrte er mit Muße sein Frühstück. Er griff zur Fernbedienung um den Visionmaster einzuschalten. In jedem Raum der Suite bestand eine Wand komplett aus einem Visionmaster, teilweise Maßanfertigungen. Er war hungrig nach Bildern. Seine Seele dürstete danach. Ihm war es egal, warum. Solange ihn die bunten Bilder beruhigten.
Die Nachrichten brachten einen Regierungputsch in Pakistan. Fehlgeleitete Fundamentalisten, die in Guadalumpur erst ein Wohnhaus gesprengt und dann die Innenstadt mit Autobomben in ein Meer der Verwüstung verwandelt hatten. Es war eine grausame Welt. Der Tod des bekannten Models Michelle Myers. Claudio setzte sich ruckartig in seinem Stuhl auf.
„…stürzte sie Samstagabend von der Terrasse ihrer Suite im Hiltitowers. Die Polizei von New Palenque vermutet Selbstmord, wofür die in ihrem Hotelzimmer gefundenen…“
In einem weißen Nachtkleid würde sie die Balkontür geöffnet haben. Aus dem Augenwinkel eine Träne vergossen, Stockwerke fallend als feuchten Vorboten. Ein Biegen ihres grazilen Körpers nach vorne, der Winkel zur Brüstung immer spitzer werdend, bis die Schwerkraft sie mitriss, mehrfacher Looping in der Fahrstuhlluft, bis sie schließlich das Dach einer geparkten Luxuskarosse eindellte. Ihr Todesruf: die Hupe, aufgrund des technischen Defekts nicht mehr so einfach abzustellen.
Ihre Warnung hallte in seinen Gehirnwindungen nach. Michelle hatte die telekinetische Pistole abgedrückt, während er zwei Blocks weiter im New Palenque Plaza friedlich schlummerte. Oder ihre Stimme kam bereits aus dem Totenreich. Claudio war entsetzt. Er bezweifelte ihren freiwilligen Tod. Verdammt, sie war ein wenig kaputt gewesen unter der bröckelnden Maske der High Society, aber der Sprung von einem hohen Gebäude wäre einfach nicht ihr Stil gewesen. Rasierklingen oder Schlaftabletten hätten besser zu ihr gepasst. Nicht der Köpfer vom Zehner. Von ihm hatte sie die Krallen der Böswilligen abwehren können bevor sie sie packten und über die Brüstung schmissen. Das war kein Unfall, keine freie Entscheidung Michelles. Und wenn sie Recht behielt, könnte er der Nächste sein. Nein, das war kein guter Tag.
Er fuhr in die City zum Einkaufen. Flanierte die Konsumtempel, shoppte orientierungslos von links nach rechts. Von oben nach unten. Sah nicht wirklich, was er in den Warenkorb schmiss. Kaufte, bis seine Kreditkarte ächzte und die Brandung in seinem Kopf nicht mehr rauschte. Kaufhausbimbos trugen ihm die Papiertaschen zum Auto. Mittags aß er ein exklusives Mahl in der „St.Pauli-Kombüse“. Das Schweinefilet schmeckte nach Nichts, wie seine Gedanken. Er saß mit dem Rücken zu den anderen Gästen und starrte auf die weiße Wand. Wäre sie nicht dagewesen, er hätte nicht gewusst, worauf seinen brechenden Blick lenken. Ein Tod machte noch keine Vergangenheit. Wie war es denn wirklich gewesen damals, als er auf Michelle traf?

*

Claudio hatte gewisse gesellschaftliche Verbindungen. Mit Rikos Hilfe war er an Eintrittskarten gekommen für das Jahrestreffen der New faces-Modelagentur in Hamburg. Er hatte die Chance gewittert, aus der Escortbranche herauszukommen. Mit seinem Gesicht lag ihm die ganze westliche Welt zu Füßen. Als Michelle den Raum betrat, unterhielt er sich mit Schirrmayer, einem alternden Lebemann und Seniorchef von New faces. Die kleine Meerjungfrau im Ballkleid, der jeder Schritt dabei schmerzte wie tausend Messer. Sie stakste zum Buffet, ihre Augen sprühten von einer Lebendigkeit, wie sie nur gutes Kokain hervorrufen konnte. Claudio bemerkte seinen eigenen Hunger. Er stand auf, griff sich einen der bizarren quadratischen Teller (Designaward Germany 2029) und stellte sich in die Reihe der Frackschoßträger ein. Wenn er mit ihr in Kontakt kommen wollte, musste sie etwas verbinden, und wenn es für den Augenblick nur die Tatsache war, dass sie beide aßen. Es war ein Stehbuffet, wo kleine Gruppen beieinander standen und angeregt über Großstädte diskutierten.
Claudio stellte sich zu Michelle und klinkte sich mit ein paar lockeren Worten ein.
„Gefällt dir Hamburg?“
„Sie nennen es die goldene Stadt. Von vielen ersehnt, von wenigen erreicht. Wir leben unter der Gunst der Neonröhren. Rote Lichter, schnelle Leben, Trallera.“
„Ich bin hier geboren und aufgewachsen.“
„Was arbeitest du denn so?“
Claudio zögerte. Die Zeit für die Wahrheit musste sich hinten anstellen. Die Zeit des Werbens genoss eindeutig Vorrang.
„Ich bin Schauspieler.“
Flüssig rutschten ihm die Lügen über die Lippen. Erst schlitterte er noch, dann verlor er jeden Halt unter den Füssen. Ihre Augen waren ein tiefer Grund, auf den es ihn hinunterzog. Erstaunlich, wie schnell man seine Chancen verspielen konnte. Wie schwer eine kleine Notlüge später zurückzunehmen war, wenn Liebe mit ins Spiel kam.
„Ach wirklich? In welchem Film hast du mitgespielt?“
„Och, nichts von Welt. Ich stehe am Anfang meiner Karriere. Eine kleine Produktion hier, eine kleine dort.“
„Erfüllt es dich?“
„Und du, führst du ein zufriedenes Leben?“
Sie war zu zugedröhnt, um sein Ablenkmanöver zu bemerken. Mein Gott, ihre  Festung war spielend leicht einzunehmen, aber wer wollte die Partisanenkämpfe im Innenhof aufnehmen?
Michelle schniefte, als wollte sie beweisen, dass sie es über beide Nasenlöcher hinaus war. Über die Teller hinweggebeugt küsste Claudio sie auf die Stirn. Gebratener Fisch mischte sich mit dem Zigarettengeruch ihrer Haare. Sie war einsam und unglücklich, zu schnell gerannt um es zu erkennen, immer noch langsam genug, um es zu spüren. Als er sie gesehen hatte, wurde sein Beschützerinstinkt geweckt. Sie ließ zu, dass er sie an der Hand nahm und sie aus der champagnerumnebelten Gesellschaft befreite, mit auf sein Hotelzimmer führte, wo er wartete, bis sie einschlief. Er wachte über ihr, träge kräuselte sich der Rauch seiner Zigarette in die Kühle des ersten Herbsttages. Du brauchst jemand, der die Augen aufhält. Der dich von der Überholspur runterholt. 
Claudio hatte Schirrmayer sausen lassen, er hatte diesen Abend nur Michelle im Kopf. Eine Tür schloss sich, eine andere wurde geöffnet. Er lief über keinen Laufsteg der Welt, weil er sich in ein Model verliebt hatte.

*

Am Morgen aßen sie im Hotel ein üppiges hanseatisches Frühstück. Viel schwarzer Tee, golden und dampfend. Wie üblich wurde kalte Milch zum Müsli gereicht, was ihn verärgerte. Kein Hotel in der westlichen Welt, wo warme oder gar heiße Milch Sitte gewesen wäre. Bestimmt war er nicht der einzige Gast, der diese kalte Brühe nicht zu schätzen wusste.
Zaghaft lernten sie sich kennen, Michelle hatte wenig Zeit, der Flieger nach Mailand erwartete sie. Claudio blieb alleine zurück, ihre Emailadressen hatten sie getauscht.

*

Damals waren sie beide Huren. Er für die Agentur und Michelle für die Designer, über deren Laufwege sie stöckelte, und die Modemagazine, für die sie sich räkelte. Der Abend ihrer ersten Begegnung wurde nur von einem unschuldigen Kuss gekrönt. Selbst das war schon viel. Einer Kundin gegenüber wäre er innerhalb kurzer Zeit bereit gewesen sehr viel mehr zu geben. Nicht so bei Michelle. Bei ihr konnte er sich Zeit lassen. In den nächsten Wochen hatte Claudio kleine Nachrichten von ihr erhalten, über die ganze Welt verteilt. Mit den Absendeadressen verschiedener Internetcafes rund um den Globus. Aber immer mit ihrem Signum. Er hatte ihren Weg auf der Weltkarte verfolgt. Rio, New York, Paris, Mailand… Sprünge über den Ozean. Kilometer waren das Maß für seine Sehnsucht. Seine ständigen Anrufe trieben seine Handyrechnung ins Unermessliche. Oft, nur zu oft stieß er auf ihre Mailbox. Michelle zu lieben hieß die ganze Welt zu lieben. Seine Gedanken reisten mit ihr und unterwegs nutzten sie sich ab. Stürzten auf die Bahngleise, fielen aus Flugzeugen, ertranken im Atlantik, als sie mit dem Schiff untergingen. Claudio hatte in dieser Zeit gelernt, wie anstrengend eine Fernbeziehung war. Nach fast einem Monat sah er sie wieder, diesmal verführte sie ihn, dass ihm die Spucke wegblieb. Sie fickte ihn, und das mit einer Abgebrühtheit, die ihm ebenbürtig war. Sie war ihm ähnlicher, als ihr klar war. Er war lange genug im Business, um Liebe aus Sex herauszuschmecken, wenn es auch lange her war, das sein Gaumen diesen Kitzel verspürt hatte. Dabei ging es ihnen nicht um den Sex, vielmehr darum, die körperliche Einheit wieder herzustellen. Kuscheln war ihnen beiden wichtig. Und wenn im Visionmaster eine Reportage auf N24 lief, schmiegte sie sich an ihn. Da waren sie wieder soweit. Ein Körper, der dachte, ein Körper der atmete, ein Herz, das schlug. So konnte ihre Beziehung lange gut gehen. Michelle bemühte sich, ihn öfters zu sehen, und Claudio bemühte sich, sie in seiner Terminplanung unterzubringen.
Was in der Praxis bedeutete, dass er nur arbeiten konnte, wenn Michelle arbeitete. Keinesfalls durfte sie von den Kundinnen erfahren. Marla deckte ihn, buchte ihn nur, wenn er alleine war. Michelle musste nicht leiden. Im Frühjahr komprommitierte Claudio schließlich ein Anruf von Marla. Er kam gerade vom Shoppen mit Michelle aus der Stadt, die letzten Treppenstufen war er hochgehetzt, warf hastig den Schlüssel in die Ecke, als seine Voicebox schon abnahm.
„Hey Großer, schwing deinen Knackarsch in mein Büro, eine neue Kundin möchte dich gerne in Natura sehen. Sie trifft bis um acht ein. Komm besser eine Stunde vorher, um die neuen Tarife mit mir durchzusprechen.“
Michelle stand in der Tür, musterte ihn argwöhnisch.
„Wer war das?“
„Ein dringender Termin. Ich muss gleich los.“
„Ist es eine andere Frau?“
„Ich verspreche dir, ich habe dich nie betrogen. Bleib einfach hier und warte auf mich. Mach den Visionmaster an, wenn dir langweilig ist. Ich werde dir alles erklären.“
Und schon war er wieder weg.

Sonntag, 29. April 2012

Verliebt, verlobt



...verfickt!

Die patente Natur


Heil dir, Monsanto
auf dem Schlachtfeld
der Agrarindustrie
wo die Natur
zum Patent verkommt
hunderttausende indischer Bauern
sich in armseligen Hütten erhängen
weil sie sich die Natur
nicht mehr leisten können.

Die Natur ist ein Produkt
der Bauer nur ihr Fehler
der am Ende ausgemerzt wird.

Die Großkonzerne
fahren ihre Maschinen
über endlose Hektar
unter der Sonne
wie ein Schwarm
schwarzer Heuschrecken
wie der letzte apokalyptische Reiter
den der Himmel ausspuckte.

Und jeden Morgen, zuckerverklebt
wandern deine Lügen
auf den Frühstückstisch
in Milch ertränkt
wie es die Kinder lieben.

Kann ich ein sattes Lächeln haben
von diesem Kind?

Ich frage mich
wie es wohl
in eurem Hochglanzprospekt
aussehen mag.

Freitag, 27. April 2012

Elf Fragen von schmerzwach an den Schriftsteller Thomas Reich


1978 Der Reich erblickt zum ersten Mal das Licht der Öffentlichkeit 1987 Das kreative Talent bricht aus (Schulaufsätze, die nur Ärger bringen...) 1997 Abitur, Freundschaft mit einem renommierten Comiczeichner, erste Bekanntschaft mit den Texten von Bukowski 1998/1999 Das Schreiber erster Texte 2000 Erfolgreich abgeschlossene Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Der Reich hat von nun an die Lizenz zum Verkaufen! 2006 Die Homepage geht online 2007 Gründung des Dirty-Dichter-Blogs 2010 Gemeinschaftswerk: Eines meiner Gedichte zusammen mit der Fotokunst von Michaela Pucher auf der Ausstellung JUBILARE als Hommage an Charles Bukowski. Relaunch von Homepage und Dirty-Dichter-Blog. 2011 Der Dirty-Dichter-Blog bekommt einen neuen Look. Fanshop eröffnet. Da werden seine zahlreichen Veröffentlichungen und viele lustige T-Shirts und co. feilgeboten.


1. Wer bist du?

Schriftsteller, Blogger, Onlineaktivist. Ein Mann mit vielen Gesichtern. Mit seinen Figuren wie ein Marionettenspieler verbunden. Aber wer von uns ist die Marionette?

2. Was machst du?

Im Netz kennt man mich hauptsächlich als den „Dirty Dichter“, eine Kunstfigur, die ich erschaffen habe. Eine Art alter Ego, der in bester Bukowskimanier düstere Gedichte zum Besten gibt.

Dabei ist das nur eine Facette von mir. Aktuell gibt es 18 lieferbare Buchtitel von mir, näheres dazu auf www.der-reich.de.

3. Woher kommst du und wohin möchtest du?

Das Internet hat die Welt in ein Dorf verwandelt. Orte spielen keine Rolle für mich. Ich denke in digitalen Bahnen. Der Himmel hängt voller Datenclouds.

4. Warum bist du Künstler geworden?

Ich glaube nicht, dass man sich das aussuchen kann. Kreativ war ich schon immer, wobei mir der eine oder andere Schulaufsatz das Verhältnis zu den Lehrkörpern nachhaltig versaut hat. Wer anders denkt als der Rest der Gesellschaft, begegnet oft kopfschüttelndem Unverständnis. Später lernt man, darauf zu pfeifen.

5. Welche Ziele hast du?

Menschen mit meinen Texten erreichen. Wenn ich jemand ein fester Fels in der Brandung sein kann, dann habe ich mein Ziel erreicht. Ich will diese Gesellschaft umwälzen, und in den Köpfen fängt es nun mal an.

6. Wer oder was inspiriert dich?

Wahrscheinlich wäre ein guter Beatnik aus mir geworden. Ein Jugendfreund hat mich mit den Texten von Bukowski infiziert. Damals, als Dichten noch einen gesellschaftlichen Stellenwert hatte. Aber ich glaube daran, dass wir wieder auf so einen Punkt zusteuern. Wenn Günter Grass einen Literaturskandal auslösen kann, dann sehen wir, wie viel Brandglut in ein paar Reimen steckt. Unter den neueren Literaten war es Houllebecq, dessen analytische Sezierung der menschlichen Abgründe mich faszinierte.

7. Wann bist du glücklich?

Vor einem Teller dampfender asiatischer Nudelsuppe, und die kalte Welt existiert nur auf der anderen Seite des Fensters.

8. Wie sieht dein perfektes Leben aus?

Man sollte die Dinge nehmen, wie sie kommen. Träume dürfen Ziele sein, aber niemals ein Joch, welches einen vergrämt.

9. Was würdest du tun, wenn du ein Tag lang König von Deutschland wärst?

Wahrscheinlich das Gleiche wie ein Bundeskanzler: Nach Brüssels Pfeife tanzen und alle Steuerlöcher bespringen, die mir über den Weg laufen.

10. Wovon hast du als Kind geträumt?

Definitiv nicht von dem Leben, was ich jetzt führe. Ich hatte ja keine Ahnung! Nur einen Teller voller Nutellabrote.

11. Worauf könntest du verzichten und worauf überhaupt nicht?

Ohne Internet kann ich nicht leben. Ich habe es zu meinem Sprachrohr gemacht, mit dem ich meine Gedanken unters Volk streuen kann. Auf dass sie auf fruchtbaren Boden fallen. Ansonsten bin ich genügsam. Ich tausche nicht jede Saison den Inhalt meines Kleiderschranks, bloß weil die Industrie neue Trends befiehlt. Ich bleibe mir selbst treu. 

Danke Jannis! Im Orginal unter http://schmerzwach.blogspot.de/2012/04/elf-fragen-von-schmerzwach-den.html

Mittwoch, 25. April 2012

Fotograf


Staubig war es und voller Gerümpel, so dass der Raum seinen Zweck dem Besucher verbarg. Zwischen Papierstapeln und Bindfäden versuchten noch die Schatten mir einen Streich zu spielen. Doch schien es, als läge gerade in diesen schattigen Falten sein größtes Geheimnis verborgen.

Zwischen den Stühlen aus splintigem Holz streifte eine schwarze Katze umher, die mich direkt ansah, aber keinen Laut ausstieß. Gerade so, als wollte sie mich mit ihrem Blick verfluchen. Mit der Selbstsicherheit eines Geschöpfs, welches seine Plätze kennt, rollte sie sich auf einer alten Segeltuchplane ein, den Kopf auf ihren borstigen Schwanz gestützt. Doch schlief sie nicht. Ihr unergründlicher Blick ruhte auf mir.

Er hatte darauf bestanden, dass ich alleine komme. Wie bei einer Lösegeldübergabe, hatte er geknurrt. Doch in Wahrheit ging es ihm um meine Seele, die er in seinen Korb zu bekommen versuchte. Die Tür seines Ateliers lehnte in ihrem rostigen Rahmen, und das Licht brach sich in den Spinnennetzen, die in ihren Ecken wuchsen. Eine genaue Uhrzeit hatte er mir nicht genannt, so war ich auf Gedeih und Verderb seinem Wohlwollen ausgeliefert. Darauf zu harren, dass er auftauchte. Denn sein Haus zu betreten, hatte er mir verboten. Auch wenn die Verbindungstür zum Hauptgebäude nicht verriegelt war, so hatte er mir doch strikt untersagt, ihn im Privaten aufzusuchen. Er genoss es sichtlich, auf der richtigen Seite der Linse zu stehen. Fast so, als hätte er eine politische Entscheidung getroffen.

"Schön, dass du gekommen bist. Wir müssen weiter."

Ohne eine Antwort abzuwarten, oder mir eine Möglichkeit zu geben, seine Hand zu schütteln, ging er an mir vorbei. Mein Gruß verharrte stumm in der Luft, unerwidert. Wenn ich auf Herzlichkeit gehofft hatte, so wurde ich enttäuscht. Er nahm seinen Hut vom Nagel, den er achtlos in einen Balken geschlagen hatte; gab mir einen strengen Klaps in den Rücken, der mich taumeln ließ.

"Keine Zeit zu verlieren, das Licht flieht dem Nichtsnutz davon. Wir aber eilen ihm entgegen!"

Aus dem Revers seiner gestreiften Weste zog er eine altmodische Taschenuhr, die er stirnrunzelnd studierte, bevor er in den gleißenden Tag hinaustrat. Mühsam hielt ich mit ihm Schritt, versuchte mich seiner Hast anzupassen. Dabei stolperte ich über allerlei Gartengeräte, die rostig und vermodert herumlagen, als hätte der Winter sie gründlich durchgekaut, bevor er sie hier ausspuckte. Und der Fotograf brüllte:

"Spür den Vibe, du gottverdammte Fotze!"

Und ich kauerte darnieder und liess die Landschaft auf mich einwirken. Wie ein Schüler, der eine Strafarbeit an die Tafel schreibt. Und nicht aufhören darf, bis der letzte Brocken Kreide aus seinen tauben Fingern bröckelt.

"Halt dein verschissenes Maul, und die Dinge werden zu dir sprechen."

Recht hat er, der Irrkopf. Ich muss die Seele der Dinge suchen gehen. Und sie durch mein Objektiv destillieren, bis ich berauscht bin an ihnen. Wenn ich mit der Welt verschmelze, wird ihr Orgasmus mir gehören. Ich stehle den Dingen die Seele. Dies ist meine Nahrung, blutig & dampfend.

Lieferbare Buchtitel


Neu im Blog: Alle verfügbaren Buchtitel sind nun rechts in der Menüleiste aufgelistet. Viel Spaß beim stöbern!

Dienstag, 24. April 2012

Daddy-O is back in town


Weit ist sein Weg gewesen und Staub klebt an seinen Schuhen. Als er zuletzt hier war, hat er ein paar Gedichte geschrieben, völlig fasziniert von dem schweren Gewicht, das in ein paar wenigen Zeilen lasten konnte. Doch es reichte ihm nicht.

Der Junge zog in die Welt hinaus, und versuchte sein Glück mit Romanen. Es war eine harte Schule, da ihm niemand beistand. Wenn die Stadt schlief, hämmerte er diese seltsamen Geschichten in die Tastatur, die ihm den Schlaf raubten. Es wurden gute Bücher, und doch war es ein Mühsal. Er verlangte sich viel ab, und doch vergass er nie die schnörkellose Einfachkeit eines Gedichts. Aber er arbeitete ja daran, ein großer Romancier zu werden.

Hier stehe ich wieder, am Anfang meines Wegs. Mit den ersten Falten im Gesicht und dünner werdendem Haar. Der Junge von einst blickt sich staunend um. So wenig hat sich verändert! Man mag ja vieles ausprobieren, aber schließlich landet man bei dem, was man am besten kann. In meinem Fall sind es Gedichte.

Sonntag, 22. April 2012

Ausschnitt aus "Kellergeschichten"


Sommer waren die Wolken von Fliegen, die über dem verdorbenen Fleisch brummten. Seine Trophäensammlung. Was hatte er nicht alles versucht: Lockstofffallen. Klebegirlanden. Tod aus der Sprühdose. Nicht, dass dies bei größeren Spezies effektiv gewesen wäre. Überall in seiner Wohnung summte und brummte es. Räucherstäbchen und Raumspray, Dufttannenbäume von der Essotankstelle in Vanille und Lemonfresh legten einen chemischen Filter über den Dunst, der in den Räumen hing.
Wenigstens konnte er bei dieser Affenhitze die Fenster rund um die Uhr kippen. Den Spalt zum Rahmen hatte er mit Filtermatten aus dem Gastrobereich verklebt. Die Sorte, wie sie sonst in den flächenartigen Abzugshauben von Kantinenküchen Fett- und Frittengeruch absorbierte. Verschiedene Zwecke, das gleiche Ergebnis. Die unangenehmen Gerüche, die bei der Arbeit anfielen, wurden von der Kundschaft abgeleitet. Christoffer wollte bei seinen Nachbarn nicht mehr Aufmerksamkeit erregen, als unbedingt nötig. Mit der Anonymität war es schnell vorbei, wenn fauliger Leichengeruch im Treppenhaus hing.
Warum konnte er sich nicht einfach von seiner Jagdbeute trennen? Einfrieren, aufessen, egal was?! So jedenfalls konnte es nicht weitergehen. Er musste seine Lagerhaltung umstrukturieren. Die Objekte. Anders verwalten. Strukturmaßnahmen für den kleinen Mann, dachte er und musste lachen. Das würde Merkel gefallen. Sollte sie doch mal einen Abstecher abseits des Regierungsviertels wagen. Von Christoffer konnte sie Politik lernen. Strukturmaßnahmen und Armenspeisung.
Das hätte er nicht denken sollen. Nun musste er sich den Bauch vor Lachen halten, Tränen liefen sein Gesicht herab. Mochte die Kirche predigen, soviel sie wollte, ein loser Brocken Fleisch besaß keine Seele, noch schmeckte Christoffers Gaumen eine heraus. Verlor sie sich etwa beim Braten? Nein, Objekte besaßen keine Seele. Wollte oder konnte er ihnen nicht zugestehen. Er war der Schöpfer, sie sein Ton. Nur ein Künstler vermochte seine Objekte zu beseelen. Ihr Leid herauszuarbeiten und zum Ouvre d' Art zu erheben.
So schwer es ihm auch fiel, er musste seine Sammlerstücke loswerden. Doch keine Bange, es war nur ein Abschied auf Zeit. Eine Sammlung verloren, eine neue gegründet. Doch nicht hier. Für seine Pläne brauchte er mehr Platz.

*

„Heute können sie mich zum Notar fahren.“
„Oh. Um was geht es denn?“
„Lassen sie sich überraschen.“
Christoffer half ihr beim Einsteigen. Setzen konnte sie sich, bloß die Beine brachte sie nicht in den Wagen. Als sie den Audi kaufte, war sie wesentlich besser zu Fuß. Nun das Auto zu wechseln schien ihr nicht möglich. Der Mensch war eben ein Gewohnheitstier. Wobei der neu A4 über große Türen mit hoch gelegenen Sitzen verfügte. Die Industrie richtete ihre Produkte immer mehr auf Senioren aus.
„Ich warte dann draußen.“
„Nichts da, junger Mann. Sie kommen mit rein.“
„Ich denke nicht, dass mich das angeht, was hinter verschlossenen Türen besprochen wird.“
„Ganz im Gegenteil. Sie sind sozusagen der Ehrengast.“
So geheimnisvoll gab sie sich selten. Auch während der Fahrt erwies sie sich als äußerst schweigsam, wenn auch gutgelaunt. Was sie wohl wieder ausheckte? Frau Beerbaum war immer für eine Überraschung gut. Langsam begann es Christoffer zu dämmern. Sollte sein Plan endlich aufgehen? All die Mühen endlich entlohnt werden? Nur mühsam unterstand er es, mit den Fingern auf der Schreibtischplatte des Notars zu klopfen. Jubeln durfte er erst in der stillen Abgeschiedenheit seiner Behausung in Hellersdorf. Bis zu dem Tag,  an dem er die Koffer packen konnte.
„…übertrage ich die Gesamtheit meiner Besitztümer nach meinem Tode Herrn Ronny Schalkowski, derzeit wohnhaft an der Kanarienstr. 142, Berlin Hellersdorf. Ferner soll meine leibliche Tochter Gabriele Beerbaum, derzeit wohnhaft in der Kastanienallee 57b in Potsdam, von ihrem Pflichtteil enthoben werden.“
„Perfekt. Wo darf ich unterschreiben?“
„Dort unten, unter dem Abschnitt Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte.“

*

Christoffer war kein Dummkopf. Solange die Tinte auf der neuen Version ihres Testaments kaum getrocknet war, würde er den Ball flach halten. So begnügte er sich damit, ihr Schlaftabletten ins Essen zu mischen, damit er in aller Ruhe den Bunker auf Vordermann bringen konnte.
Es gab Böden zu wischen. Staubschichten abzutragen. Die kleine Küche wieder gangbar machen. Einiges davon war nicht mehr zu gebrauchen. So fand er keine Glühbirnen mehr im Versorgungsraum. Der Kühlschrank (ein rostiges altes Ungetüm von AEG), ergoss einen übelriechenden braunen Sud. Kaum zu glauben, dass die damals schon Kühlschränke hatten. Bestimmt nicht in jedem Haushalt, denn erschwinglich wurden sie erst in den fünfziger Jahren. Kühlschränke waren in den vierziger Jahren das, was zu Beginn des neuen Jahrtausends Videobeamer sind. Gute deutsche Ingenieurskunst, führend in der Welt. Damals wie heute. Fluchend holte Christoffer den Mob, um die Brühe aufzunehmen. Wie sollte er den schweren Kasten nur nach oben schaffen? Am besten mit einem Seil. Nicht weiter schlimm, wenn er sich Schrammen oder Beulen zuzog. Sperrmüll anmelden und Arschlecken. Dabei standen ihm die wirklich dicken Arbeiten noch bevor. Elektrische Leitungen reparieren und neue legen. Zum Glück waren sie in alter Manier Aufputz verlegt. Damit wurde er selbst als Laie fertig.
Ein neuer Stuhl musste her für sein Heimbüro. Bei den Offizieren stand zwar ein guter lederner Schreibtischstuhl, dieser war allerdings zu nichts zu gebrauchen. Polsterung durch und Stockflecken. Ikea kam nicht in Frage. Wobei… er blätterte den Katalog durch, den seine Frau Maja im Zeitschriftenständer neben der Sofaecke versteckte. Er erinnerte sich an die Landhausabteilung, durch die Maja ihn voller Enthusiasmus gezerrt hatte. Ein Abstecher konnte ja nicht schaden.

*

Christoffer ließ Frau Beerbaum ein Bad ein. Gleich würde hier der Tod der alten Dame aufgeführt werden, da mussten die Kulissen stimmen. Frau Beerbaum befand sich noch im Westflügel, wo sie in ihren Bademantel schlüpfte. Immer mit einem Ohr am Gang, die Badezimmertür weit aufgewinkelt, hörte Christoffer ihre nahenden Schritte. Er eilte aus dem Bad, als wollte er ihr zuvorkommen. So, wie er es oft getan hatte. In dieser Hinsicht glich die Alte einem Esel, genauso stur und störrisch. Trotz zunehmender Gebrechlichkeit und ihrer schlimmen Hüfte, die sie an Regentagen zwickte, ließ sie sich ihre Mobilität nicht nehmen. Verzichtete auf ihren Gehstock, so oft es ihr möglich war. Man musste sie wirklich zu ihrem Glück zwingen.
Frau Beerbaum freute sich über die Hand, die ihr angeboten wurde. Doch anstatt sie behutsam zu stützen, versetzte sie ihr einen Stoß. Sie griff nach hinten, um sich zu fangen, doch da war nichts als Luft. Nur die Aussparung der Balustrade, wo die Treppe ins Erdgeschoss führte. Dann folgte ihr Körper den einfachen Gesetzen der Schwerkraft. Sie fiel seitlich, wobei ihr rechter Arm mit lautem Knacken brach. Die polternde Knochenparade, mit Pauken und Trompeten. Eingangshalle, der Tusch. Ein Problem weniger. Das Haus gehörte so gut wie ihm. Er würde den Notarzt rufen, der nur noch ihren Tod feststellen konnte. Christoffer schwelgte bereits in seinen Siegesfantasien, als er ein leises Wimmern vernahm.
„Grundgütiger, das darf doch echt nicht wahr sein!“
Sie lebte. Schlimmer noch, sie war bereits dabei, sich wieder aufzusetzen. Nun wurde Christoffer wirklich ungehalten.
„Willst du noch nicht sterben, du verdammtes Aas?“
Mit schnellen Schritten war er unten, und brachte sie wieder auf die Beine. Allerdings nicht, um ihr zu helfen, sondern für die zweite Schlitterpartie. Doppelt hält besser. Hysterisch trommelte Frau Beerbaum mit ihrem nicht gebrochenen Arm gegen Christoffers Rücken. Es half ihr nichts. Christoffer hielt sie aufrecht, so gut er konnte, und stieß sie dann ein zweites Mal die Treppe herunter. Wieder polterte es ordentlich, aber endlich hörte Christoffer das befreiende Geräusch, wegen dem er das ganze Spektakel überhaupt veranstaltete: Ein solides Knacken, wie es nur Halswirbel erzeugen konnten. In dieser Hinsicht besaß er ein geschultes Gehör. Nicht angeboren, sondern erlernt. Unten angekommen rollte ihr Kopf haltlos hin und her, von keinem Kochen mehr in Form gehalten. Schädelbasisbruch, klarer Fall.
Er drehte das Badewasser ab, welches bis an den Rand des alten Emaillemonsters gekrochen war. Rief einen Krankenwagen, der ihre jämmerlichen Reste einsammeln konnte.

Freitag, 20. April 2012

Prometheus


Es mag Licht hier drin geben
aber niemals Liebe
nicht hinter diesen
kargen Mauern

ich habe nie nach dem Sinn gefragt
warum meine Finger bluten
und kein Sonnenstrahl
von draußen dringt
nie überlegt
dass es eine andere Freude
geben könnte

nicht für mich
denn solche wie ich
sind freudlos
wenn sie nicht
ihren Träumen nachjagen
wie kleinen Tieren
die sie über dem Feuer
zu rösten gedenken.

Solange ich
mit dem Feuer Schritt halte
was in meiner Seele lodert
wird es mich nicht verbrennen
macht mich dies zum Helden
oder zum Narr?

Mittwoch, 18. April 2012

Salz in die Wunde


Das rohe Fleisch auseinandergezogen
wie
Fotzen des Zorns
immer rein mit dem Salz
deine Seele
offen wie ein Buch
liegt sie vor mir
amorphe Schreie
wenn die Haut
gegen die Wirklichkeit aufbegehrt
das kahle Feld
die letzten Härchen streckt
um sich
gegen die Kälte zu wappnen
wie ein alter Mann
der seinen Hut
gegen das schlechte Wetter
in der Stube vergaß.

Dienstag, 17. April 2012

Fremde Leben


Ein Mensch hat nur ein Leben. Kümmerlich, aber so ist es. Machen wir also das Beste daraus. Manch einer wird in die Tretmühle hineingeboren, ohne ihr je zu entrinnen. Ohnehin ist es schwer dem Weg zu enrinnen, den man einmal eingeschlagen hat. Oder nicht?

Wenn du schreibst, toben eh zu viele Leben in deinem Kopf, als du selbst leben könntest. Lass sie raus, mit jedem Wort aus dir...

Mit den Fingern auf der Tastatur kann ich verschiedene Lebensentwürfe auskosten, ohne je mit deren realen Folgen konfrontiert zu werden. Ein Freibrief für die Moral, der die Figuren meiner Texte schnell ins Elend stürzen kann. Bin ich ihnen wirklich ein guter Vater? Oder mißbrauche ich sie als Spielzeuge, wie ein zweitklassiger Gott? Nein, ich bin nicht besser als das Kind, welches den Fliegen die Flügel herausreißt.

Montag, 16. April 2012

Wer das Brennen hat


...braucht für den Spott nicht zu sorgen! Endlich ein Shirt zu dem heiklen Thema, was uns allen in den Backen juckt.

Sonntag, 15. April 2012

Murmeltiertag


Dein blödes Maul
die Worte
die du mir im Hals rumdrehst
bis sie dir passen
deine meine Schreie
Tages des Schweigens.

Gefangen in der Zeitschleife
wünschte ich
nur ein einziges Mal
mit dir reden zu können
ohne dass es eskaliert.

Dein blödes Maul
die Worte
die du mir im Hals rumdrehst
bis sie dir passen
deine meine Schreie
Tages des Schweigens.

Lüg mir einen Frieden zurecht
auch wenn du
selbst nicht daran glaubst
nur einen Augenblick
zum Luftzuholen.

Dein blödes Maul
die Worte
die du mir im Hals rumdrehst
bis sie dir passen
deine meine Schreie
Tages des Schweigens.

Ich betrachte dich sachlich
du mich menschlich
genau so
als fühlten Menschen
keinen Schmerz.

Samstag, 14. April 2012

Ausschnitt aus "Lügenkarussell"


Das Zimmer lief auf ihre Rechnung. Sie wollte ihm nicht den billigen Triumph gönnen. Dass der Mann die Frau einlud. Das ging über ihr !Ehrgefühl hinaus, egal wie=gering dieses auch ausfiel. So trug sie sich unter falschem Namen als Frau Bernau ein. Dem Portier ließ sie wissen, dass ihr Mann, der von einem wichtigen geschäftlichen Termin aufgehalten wurde, später dazu=!stoßen würde. Schwer zu sagen, wie oft er diesen Witz gehört hatte. Jedenfalls oft genug, um nicht mehr darüber lachen zu können.
„Könnten Sie ihm den Weg weisen, wenn er eintrifft?“
„Sicherlich doch. Frau…?“
„Bernau.“
„Natürlich. Wie konnte ich das nur vergessen?“
Dies war der Ort, an dem Ehebrecher sich trafen. Fernab aller Gesetze & Regelmäßigkeiten. Gerne auch regelmäßig, aber welche Rolle spielte das schon? Es verlangte keine große Portion Verstand, um den Zustand zu begreifen. Das Da][zwischen. Die Vögelfreien, die die Ketten der Moral von sich warfen, als wären es dünne und klebrige Spinnweben. Im Zimmer nebenan weitere ge!scheiter!te Existenzen (Die Weigerung, sich selbst als gescheitert anzunehmen). Wertlose Aktenkoffer voll beschönigter Bilanzen. Einsame Menschen, die den letzten Abschiedsbrief in ihrem Leben schrieben. Die Arme vernarbt von den unzähligen Versuchen, die von genauso=wenig Durchsetzungs!fähigkeit zeugten wie dieses Mal. Schuldenmogule, die sich auf Rabattbasis einmieteten, da ihre wirkliche Unterkunft längst vom Kuckuck beschlagnahmt war.
Die Tapeten waren in den neunziger Jahren vergilbt. Nun blieb ihre Farbe undefinierbar. Blanke Raufaser, die an eine seltsam grobkörnige Lein||wand erinnerte, auf der der Film ablaufen würde. Vereinzeltes Rascheln in den Reihen. Erwartungsvoll knispernde Chipstüten. Hemmungslos geöffnete Bierflaschen, mit ihrem schnalz!enden Knallen der Kronkorken. Unterdrückte Hustenanfälle. Paula stellte ihre Handtasche auf dem abgeblätterten Mehrzwecktisch ab, der den Besucher zum Verweilen einlud. Darüber war ein Spiegel in der Wand eingelassen, in dem sie den Sitz ihrer Haare überprüfte. Das klingelnde Telefon riss sie aus ihren Gedanken.
„Ihr Mann ist eingetroffen.“
„Sehr gut. Dann schicken sie ihn hoch.“
Der Vorführer (Verführer?) legte die Spule ein und dimmte das Licht im Saal. Wenn sie den Kopf /schräg/ legte und genau hinhörte, konnte sie die Umdrehungen des Projektors heraushören. Die brüchige Spule. Derselbe Film, dutzende & aberdutzende Male aufgeführt. Lediglich das Publikum wechselte. Nur wenige Fans besaßen die Muße, es sich mehrmals anzusehen. All die Male, wo sie dieses Etablissement besucht hatten, war es Thorsten gewesen, der die Zeche gezahlt hatte. Frau ließ sich ja einladen. Doch :!nicht heute. Saula hatte die Kontrolle über die Situation zurück gewonnen. !Sie war das Objekt der Begierde. !Ihr lagen die Männer zu Füßen. Mit einer schnellen Bewegung entriegelte sie die Tür. Als er eintrat, lag sie schon in Unterwäsche auf dem Bett.
„Kannst es wohl kaum erwarten, was?“
Sein dümmlicher Blick. Es hieß zwar immer, dass Männer sich entscheiden mussten, wofür sie ihr Blut brauchten; denken oder erigieren. Aber nie war es ihr offensicht!licher gewesen als an diesem=Mann. Gleichzeitig fragte sie sich, ob alle Männer, das!selbe dümmliche Grinsen zur Schau gestellt hatten. Das Publikum wurde unruhig. Kannten wir diese Szene nicht schon? Zuckten wir nicht zusammen in Erwartung des vorprogrammierten Lachers, der gleich kommen würde? War es denn nicht vorhersehbar, dass unsere kleine Heldin mit dem fremden Mann ins=Bett steigen würde?
„So einfach mache ich es dir heute nicht. Zuerst musst du drei Rätsel lösen. Schaffst du es nicht, wirst du für immer des Zimmers verwiesen. Sollte es dir gelingen, die Rätsel der Sphinx zu lösen, darfst du sie besteigen.“
„Okay, wird das so eine Art Rollenspiel oder was? Kannst du gerne haben. Ich werde dein stolzer Pharao sein, der dir den Zeremonienstab ein{führt. Stell mir die erste Frage, du kleines Luder!“
„Wer sind die beiden Schwestern, die sich stets gegenseitig erzeugen?“
„Das ist einfach. Tag und Nacht.“
„Nicht schlecht für den Anfang.“
„Wirst schon sehen, du kleines Luder. Schneller als du denkst, hab ich dich nackig.“
„Dann beantworte mir auch folgende Frage: Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.“
„Kenne ich auch. Das ist der Mensch.“
„Falsch, mein Lieber. Das ist der Mann. Wenn der Abend naht, erwacht sein drittes Bein.“
„Ein kleiner Fehler, na und? Was macht das schon. Ich nehme den Publikumsjoker.“
„Kein Joker, keine Ausflüchte. Du hast verloren. Ertrag es wie ein Mann, der du !eines=Tages vielleicht sein wirst.“
„Wer spielt hier eigentlich mit wem?“
„Ich dachte, du könntest mir diese Frage beantworten.“
Sie hatte den schneid][enden Ton ihrer Stimme geahnt, noch bevor er aus ihrem Mund gekrochen kam. Nun konnte sie es nicht mehr zurücknehmen. Woher kam diese plötzliche Wut? Zuck!en in seinem Gesicht. Mit einem Mal konnte sie sich vorstellen, wie er als alter Mann aussehen würde. Und es war beschämend. Thorsten verwandelte sich in ein seltenes Insekt, durch den sezierenden{ Blick wie eines Okulars. Er war ihr nicht gewachsen, dieser stolze Mann.
„Ich glaube, ich gehe dann mal besser.“
Irgendetwas in ihr wollte ihn halten. Wenn es ein Gefühl war, dann hatte es mit Liebe herzlich wenig zu tun.
„Es ist nicht deine Schuld. Ich bin deprimiert & lasse es an dir aus.“
„Du hast eine seltsame Art, deine !Zuneigung zu zeigen.“
„Mein Körper stand dir doch jederzeit zur Verfügung, oder nicht?“
Seine Augen, wie die eines Boxers vor der letzten Runde, wenn ihn das Flutlicht blendete. Er schickte sich an, sein Sakko überzuwerfen. Noch hatte er nicht gemerkt, dass es über einer bloßen Brust baumelte.
„Komm zurück ins Bett, lass uns schlafen.“
Letzten Endes gaben sie immer wieder auf. Wählten das kleinere Übel. Zum Beispiel neben ihr zu schlafen. In der Hoffnung, der Krieg sei vorbei. Er zitterte in ihren Armen, und sie lächelte. Hasste sich für dieses Lächeln. Ein kalter Halbmond, der sich an seine Wange schmiegte. Sie ein[kerbte wie ein Fall!beil auf dem Schafott.
Sie verließ das Hotel in den frühen Morgenstunden. Auf dem kleinen Nachttisch, der einem kurzen Moment ihrer Zweisamkeit beigewohnt hatte, lag eine Postkarte, die das Hofbräuhaus zeigte, an den Ecken reichlich abgeknickt. Ein Tempotaschentuch hätte nicht benutzter aussehen können. Ihrer Ansicht nach passte sie besser als jeder andere Notizzettel, der am Boden ihrer Handtasche ein Schattendasein führte. In ihrer braven Mädchenschrift hinterließ sie ihm exakt fünf Worte:

Ruf mich nicht=!wieder an

Wie kam es eigentlich, dass sich ihre Handschrift nicht verändert hatte? Wenn man so sah, konnte man an das Poesiealbum einer Acht!jährigen denken. Nichts zu erkennen von der=Frau, die aus ihr geworden war. Doch mit der Zeit würde ihre Handschrift der restlichen Ent{wicklung folgen. Sie fürchtete den Tag wie sie die Schauspielerei liebte. Denn dann würde der letzte Stein in der Mauer fallen, so mit ihm auch ihre neue |Hülle| der Lächerlich!keit preisgegeben. Eine Larve, die ihr kein Mensch mehr abnahm. Nein, ihre Handschrift zählte zu den wenigen unschuldigen=Dingen, die sie sich bewahren wollte.
Noch bevor der erste Hahn dreimal kräht, wirst du mich !verraten. So leise wie möglich zog sie sich an. Weg von dem tiefen Schnarchen, das ihre Flucht wie eine Filmmusik begleitete. Wenn sie die Lider schloss, konnte sie die Namen der mitwirkenden

Schauspieler,
Statisten,
Dekorateure und Maskenbildner

lesen.
Welche Rolle sie wohl in diesem Streifen gespielt hatte? Alles ging viel=zu !schnell. Die Namen [rat]-[ter]-[ten] an ihr vorbei, bevor sie einen auch nur mit klarem Verstand fassen konnte. Und mal ehrlich: Kein Mensch las die Namen wirklich mit vollem Interesse. Saula hatte zu lange gewartet. Verwünschungen murmelnd gingen die Zuschauer an ihr vor][bei. Sie blockierte den Saal. War sie denn erst erlöst, wenn sie ihren Namen im Abspann lesen konnte? Für einen kurzen Augenblick kam sie sich wie ein Zimmermädchen vor, das über die Strenge geschlagen hatte. Noch weit entfernt vom Orchester der Staubsauger bewegte sie sich durch die verlassene Rezeption. Der Tagesportier zeichnete wortkarg ihre Rechnung ab, doch sein Blick sprach Bände. Egal. Sie war solche Blicke gewohnt, und stand darüber.

Freitag, 13. April 2012

Doppelposting

 
Manche Dinge wachsen einem über den Kopf. Mittlerweile sind es bis zu 26 Postings, die auf Halde liegen und automatisch publiziert werden. Manchmal wäre ich dankbar für die Gnade einer Schreibblockade. Doch die scheint mir nicht vergönnt zu sein.

Sisyphos schob einen Stein vor sich her, ohne jemals auch nur einen Meter weit gekommen zu sein. Bei mir ist es die Bugwelle an Texten, die mein sicheres Boot auf den Meeresgrund schickt, wenn ich den Wellenkamm nicht etwas abflache. Also gewöhnt euch mal lieber daran, öfters mehr als ein Posting von mir zu lesen.

Patronenhülsen


Und da liege ich
auf der Motorhaube meines Wagens
wie ein Relikt aus fernen Tagen
meine Revolver leergeschossen
hohle Patronen
zu meinen Radkappen
die Sterne drehen sich
wie die Farbkleckse eines Malers
auf der Palette
wieder eine Nacht
die ich draußen
an der Schutthalde
verbringen werde
weil ich zu betrunken bin
um mich nach Hause zu trauen
nicht einmal mehr
über Feldwege
die kein lebender Mensch kontrolliert.

In meinem Kopf
laufen traurige Liebeslieder
von Menschen
denen ich meine Lügen glaubhaft machte
manipuliere nie einen Manipulator
die erste Lektion
auf dem Clipboard
wie sehr ich es hasse
wenn das lausige Pack
mich zu kennen glaubt
und selbst dann noch klüger sein will
wenn ich bereits
meine Haken schlage.

Wenn du glaubst
mich mit meinen Waffen schlagen zu können
dann vergiss nie
dass es meine Waffen sind
und ich sie besser kenne
als du.

Mittwoch, 11. April 2012

Stille


An den Tagen
wo wir uns anschweigen
als hätten wir
ein lauteres Mittel gefunden
als die Brüllerei
die nichts bewegte
außer die Nachbarn
die an die Decke klopften

finde ich mich
am Grund der Hölle wieder
und frage mich
ob ich auf glühenden Kohlen
mit dir gemeinsam
in die Ewigkeit
schreiten will.

Und wieder ist die Stille
lauter
als die Vögel vor dem Fenster
die frei in den Bäumen nisten.

Und wieder ist die Stille
lauter
als die Flugzeuge
die sich ihre Schneise
in die Ohren der Anwohner pflügen.

Vieleicht siehst du es nicht
wie du
so vieles nicht siehst
dass meine zarten Blicke
dich streifen
jeden Zug deines
zur Maske erstarrten Gesichts studieren
und doch
keine Antwort darin finden.

Dienstag, 10. April 2012

Schandmaul


Einen Blog zu schreiben unterscheidet sich wesentlich von einem Roman. Während der Roman eine relativ starre Angelegenheit ist, bedeutet ein Blog den Aufbruch in die Freiheit.

Gedichte sind eine gute Übung, den Geist zu stählen. Musste ich für ein Buch den Stil von der ersten bis zur letzten Seite wahren, so kann ich bei jedem Gedicht etwas Neues ausprobieren. Mit verschiedenen Sprachmitteln experimentieren.

Freiheit, die ich mir selbst gegeben habe. Auszusprechen, wozu ich Lust habe, ohne eine moralische Schere im Kopf. Offen anzuprangern, was mich in unserer Gesellschaft ankotzt. Die einzige moralische Instanz bin ich selbst. Komisch: früher ging es mir darum, die Sau rauszulassen. Heute fällt es mir zunehmend schwerer, mich zu mäßigen.

Montag, 9. April 2012

Survival of the fittest


Wie eine Robbe
auf der Suche
nach ihrer Mutter
stieß der zahnlose Alte
seltsame Laute aus
doch niemand hörte auf ihn.

Ich folgte seinem Winken
und sah die Misere:
wie er mit seinem Rollator
nicht die halbleere Palette
bezwingen konnte
um an die Getränke zu kommen.

Ich stellte sie ihm hin
mehr Hilfe
wollte er nicht
und während meine Einkäufe
über das Band liefen
mühte er sich ab
das Bier
in seine Taschen zu schieben
und an den Lenkern
seines Rollators
zu vertäuen.

Das einfache Leben
kann ein Kampf sein
wenn Altern mutiger erscheint
als der Tod.

Jagdwind


Dumpf brütet die Dämmerung
mit Eiern dick wie Tennisbällen
es ist Frühling
die Luft grün & feucht
wie die Vorahnung
die aus den Büschen riecht
erdiger, ja
und voller Leben.

Nenn den einen Narr
der nicht den Acker pflügt
und sich vom Rhythmus
der zarten Knospen
beschwingen lässt.

In meinem Grinsen
wachsen die Zähne
zu spitzen Dolchen
orangeroter Fieberglanz im Blick
den Rücken gebogen
voller Anmut
löst sich der Brunftschrei
aus meiner Kehle.

Samstag, 7. April 2012

Was ist der Unterschied zwischen Weihnachtsmann und Ostermann?


Der eine trägt den Sack auf dem Buckel!

Ausschnitt aus "Automatenliebe"

Fleisch


















Gesichter sind austauschbar
so viele
die mir
eine Geschichte erzählen könnten
in der ich vorkomme
alle sehr lecker (Brötchenholen am Morgen).

Wie schmeckt ein Mensch?
Ich fresse mich auf
wenn ich andere verbrauche
nehme sie mir
                 wie ein Buch
                 aus dem Regal
                 eine Dose Ravioli
noch schnell,
                 vor der Kasse.

Nase und Mund
und Augen und Wangen
und Beine und Paradiese
wirbeln im Konsumrausch
an mir vorbei
sehe den Wald
vor lauter Bäumen nicht
grapsche blind nach Fleisch
ohne Halt zu finden.

Die Nächte
in denen ich den Reißverschluß
schon gar nicht mehr zumachte
und mir
meine stupiden Eier wehtaten.

Freitag, 6. April 2012

Karfreitagslöcher


Mit jedem Schritt
den ich tue
bluten die Karfreitagslöcher
in meinen Füßen
Wunden
die du mir geschlagen hast.

All die schweren Prüfungen
die du mir auferlegt hast
für dich
mögen sie nur
ein Test sein
aber die Einsätze sind zu hoch

spielst auf Zeit spielst auf Glück spielst zum Spaß

du spielst mit falschen Karten
gegen mich
und dein sanftes Lächeln

dass ich nur verlieren kann
dass ich nie
deinen hohen Anforderungen
genügen werde
du es aber nicht müde bist
mich an mein schlechtes Gewissen zu binden
das ich ohne dich
nicht hätte.

Donnerstag, 5. April 2012

Na wenn das kein Trost ist?

Hier kommt das Shirt für alle frisch Geschiedenen. Kopf hoch, das Leben geht weiter. Wenn dir alles genommen wurde... bleibt dir dein Humor!

Mittwoch, 4. April 2012

Dunkler Engel


Ich weiß
du würdest es
als Akt der Zärtlichkeit deuten
doch im Halbdunkel der Nachttischlampe
siehst du nicht
die Schweißperlen auf meiner Stirn
während meine Hände
deinen Hals umschließen.

Es sind ganz rationale Gedanken
die mir durch den Kopf gehen:

Würde dich jemand vermissen
oder täte ich der Welt
einen Gefallen
wenn ich dich
von ihrem Antlitz löschte?

Würde man sich erinnern
mit wem du
zuletzt gesehen wurdest?

Täte ich dir sogar
einen Gefallen?

Sieh wie tief du gesunken bist
dass du dich mit dunklen Engeln
wie mir einlässt.

Ich weiß
du würdest mein Zittern
für Erregung halten
doch sind es nichts anderes
als die Dämonen in meinem Schädel
die ihren alten Kampf austragen

und ich hoffe für dich
dass sie nicht gewinnen.

Dienstag, 3. April 2012

Pornoperspektive


Vielleicht wäre es mir selbst nie aufgefallen. Aber dazu hat man ja Freunde, die kein Feigenblatt vor den Mund nehmen. 

Meine Selbstbildnisse wurden aus der Not heraus geboren, nicht auf Abruf einen Fotografen zur Hand zu haben, wenn mir danach war. Also begann ich, mich selbst zu fotografieren, spielte eine wenig mit Requisiten, Umgebungen und Filtereffekten. Die Perspektive blieb dabei immer die gleiche, beschränkt allein durch die Länge meines Arms, der die Kamera hielt. Was sich statt einem Makel als kreative Herausforderung darstellte.

Dass diesem speziellen Blickwinkel etwas Pornografisches anhaften könnte, hätte ich nie gedacht. Aber die optische Verwandschaft zum "mirror shot" der Pornoseiten ist nicht abzustreiten. Auch wenn es künstlerischer umgesetzt sein dürfte. Aber zu einem Schmutzpoeten, der ich einer bin, passt es wohl.

Montag, 2. April 2012

Traumleben


Für die Länge einer Zigarette
liegt die Stadt unter mir
tausend ungeträumte Leben
und verdammt nochmal
ich könnte eines davon sein!

Aus dem offenen Fensterspalt
dringt das Gemecker
eines versauten Lebens
und der einzige Rückzugspunkt
den ich noch habe
ist dieser Balkon
der nie länger dauert
als eine Zigarette.

Wir rauchen nicht mehr
im Wohnzimmer
wir stellen das Geschirr
in die Maschine
wir bringen den Müll runter
wir kuscheln

wir wir wir

wir sind so perfekt
dass ich wie eine Katze
meine eigenen Haare erbrechen möchte.

Tausend Leben ungeträumt
und wovon träumte ich?

Roter Oktober


Der Zar liegt zerschossen
in seinen blutenden Eingeweiden
auf den Barrikaden
lärmen sie nach Freiheit
lasst es hundert Blumen regnen
und fragt euch
wie weit die Ketten reichen
mit denen ihr
an eure Scholle gekettet seid
ihr Leibeigenen.

Kommandobasis:

Herr Kapitän ich melde
eine ruhige See.

Rot glimmen die Notlichter
in den schmalen Gängen
der Druck des Ozeans
auf ihren Köpfen.

Ich sehe dich in einem fernen Auge
kalt und stählern
dem Auge einer Überwachungskamera.

Nennen wir also die
Freunde
die früher unsere Verräter waren
bereiten wir ihnen
eine heiße Bouillon
in der Kombüse.

Der Kapitän sieht durch die Gitterlinien
seines Fadenkreuzes
Ehrenabzeichen auf der Schulter
was sie nicht freiwillig
von sich preisgeben
in den weiten Wogen des Netzes
wer dem Algorithmus
einer Gesichtserkennungssoftware
noch zu entfliehen versucht

muss nun lernen
unter dem Generalverdacht
der Gouverneure zu stehen.