Sonntag, 22. April 2012

Ausschnitt aus "Kellergeschichten"


Sommer waren die Wolken von Fliegen, die über dem verdorbenen Fleisch brummten. Seine Trophäensammlung. Was hatte er nicht alles versucht: Lockstofffallen. Klebegirlanden. Tod aus der Sprühdose. Nicht, dass dies bei größeren Spezies effektiv gewesen wäre. Überall in seiner Wohnung summte und brummte es. Räucherstäbchen und Raumspray, Dufttannenbäume von der Essotankstelle in Vanille und Lemonfresh legten einen chemischen Filter über den Dunst, der in den Räumen hing.
Wenigstens konnte er bei dieser Affenhitze die Fenster rund um die Uhr kippen. Den Spalt zum Rahmen hatte er mit Filtermatten aus dem Gastrobereich verklebt. Die Sorte, wie sie sonst in den flächenartigen Abzugshauben von Kantinenküchen Fett- und Frittengeruch absorbierte. Verschiedene Zwecke, das gleiche Ergebnis. Die unangenehmen Gerüche, die bei der Arbeit anfielen, wurden von der Kundschaft abgeleitet. Christoffer wollte bei seinen Nachbarn nicht mehr Aufmerksamkeit erregen, als unbedingt nötig. Mit der Anonymität war es schnell vorbei, wenn fauliger Leichengeruch im Treppenhaus hing.
Warum konnte er sich nicht einfach von seiner Jagdbeute trennen? Einfrieren, aufessen, egal was?! So jedenfalls konnte es nicht weitergehen. Er musste seine Lagerhaltung umstrukturieren. Die Objekte. Anders verwalten. Strukturmaßnahmen für den kleinen Mann, dachte er und musste lachen. Das würde Merkel gefallen. Sollte sie doch mal einen Abstecher abseits des Regierungsviertels wagen. Von Christoffer konnte sie Politik lernen. Strukturmaßnahmen und Armenspeisung.
Das hätte er nicht denken sollen. Nun musste er sich den Bauch vor Lachen halten, Tränen liefen sein Gesicht herab. Mochte die Kirche predigen, soviel sie wollte, ein loser Brocken Fleisch besaß keine Seele, noch schmeckte Christoffers Gaumen eine heraus. Verlor sie sich etwa beim Braten? Nein, Objekte besaßen keine Seele. Wollte oder konnte er ihnen nicht zugestehen. Er war der Schöpfer, sie sein Ton. Nur ein Künstler vermochte seine Objekte zu beseelen. Ihr Leid herauszuarbeiten und zum Ouvre d' Art zu erheben.
So schwer es ihm auch fiel, er musste seine Sammlerstücke loswerden. Doch keine Bange, es war nur ein Abschied auf Zeit. Eine Sammlung verloren, eine neue gegründet. Doch nicht hier. Für seine Pläne brauchte er mehr Platz.

*

„Heute können sie mich zum Notar fahren.“
„Oh. Um was geht es denn?“
„Lassen sie sich überraschen.“
Christoffer half ihr beim Einsteigen. Setzen konnte sie sich, bloß die Beine brachte sie nicht in den Wagen. Als sie den Audi kaufte, war sie wesentlich besser zu Fuß. Nun das Auto zu wechseln schien ihr nicht möglich. Der Mensch war eben ein Gewohnheitstier. Wobei der neu A4 über große Türen mit hoch gelegenen Sitzen verfügte. Die Industrie richtete ihre Produkte immer mehr auf Senioren aus.
„Ich warte dann draußen.“
„Nichts da, junger Mann. Sie kommen mit rein.“
„Ich denke nicht, dass mich das angeht, was hinter verschlossenen Türen besprochen wird.“
„Ganz im Gegenteil. Sie sind sozusagen der Ehrengast.“
So geheimnisvoll gab sie sich selten. Auch während der Fahrt erwies sie sich als äußerst schweigsam, wenn auch gutgelaunt. Was sie wohl wieder ausheckte? Frau Beerbaum war immer für eine Überraschung gut. Langsam begann es Christoffer zu dämmern. Sollte sein Plan endlich aufgehen? All die Mühen endlich entlohnt werden? Nur mühsam unterstand er es, mit den Fingern auf der Schreibtischplatte des Notars zu klopfen. Jubeln durfte er erst in der stillen Abgeschiedenheit seiner Behausung in Hellersdorf. Bis zu dem Tag,  an dem er die Koffer packen konnte.
„…übertrage ich die Gesamtheit meiner Besitztümer nach meinem Tode Herrn Ronny Schalkowski, derzeit wohnhaft an der Kanarienstr. 142, Berlin Hellersdorf. Ferner soll meine leibliche Tochter Gabriele Beerbaum, derzeit wohnhaft in der Kastanienallee 57b in Potsdam, von ihrem Pflichtteil enthoben werden.“
„Perfekt. Wo darf ich unterschreiben?“
„Dort unten, unter dem Abschnitt Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte.“

*

Christoffer war kein Dummkopf. Solange die Tinte auf der neuen Version ihres Testaments kaum getrocknet war, würde er den Ball flach halten. So begnügte er sich damit, ihr Schlaftabletten ins Essen zu mischen, damit er in aller Ruhe den Bunker auf Vordermann bringen konnte.
Es gab Böden zu wischen. Staubschichten abzutragen. Die kleine Küche wieder gangbar machen. Einiges davon war nicht mehr zu gebrauchen. So fand er keine Glühbirnen mehr im Versorgungsraum. Der Kühlschrank (ein rostiges altes Ungetüm von AEG), ergoss einen übelriechenden braunen Sud. Kaum zu glauben, dass die damals schon Kühlschränke hatten. Bestimmt nicht in jedem Haushalt, denn erschwinglich wurden sie erst in den fünfziger Jahren. Kühlschränke waren in den vierziger Jahren das, was zu Beginn des neuen Jahrtausends Videobeamer sind. Gute deutsche Ingenieurskunst, führend in der Welt. Damals wie heute. Fluchend holte Christoffer den Mob, um die Brühe aufzunehmen. Wie sollte er den schweren Kasten nur nach oben schaffen? Am besten mit einem Seil. Nicht weiter schlimm, wenn er sich Schrammen oder Beulen zuzog. Sperrmüll anmelden und Arschlecken. Dabei standen ihm die wirklich dicken Arbeiten noch bevor. Elektrische Leitungen reparieren und neue legen. Zum Glück waren sie in alter Manier Aufputz verlegt. Damit wurde er selbst als Laie fertig.
Ein neuer Stuhl musste her für sein Heimbüro. Bei den Offizieren stand zwar ein guter lederner Schreibtischstuhl, dieser war allerdings zu nichts zu gebrauchen. Polsterung durch und Stockflecken. Ikea kam nicht in Frage. Wobei… er blätterte den Katalog durch, den seine Frau Maja im Zeitschriftenständer neben der Sofaecke versteckte. Er erinnerte sich an die Landhausabteilung, durch die Maja ihn voller Enthusiasmus gezerrt hatte. Ein Abstecher konnte ja nicht schaden.

*

Christoffer ließ Frau Beerbaum ein Bad ein. Gleich würde hier der Tod der alten Dame aufgeführt werden, da mussten die Kulissen stimmen. Frau Beerbaum befand sich noch im Westflügel, wo sie in ihren Bademantel schlüpfte. Immer mit einem Ohr am Gang, die Badezimmertür weit aufgewinkelt, hörte Christoffer ihre nahenden Schritte. Er eilte aus dem Bad, als wollte er ihr zuvorkommen. So, wie er es oft getan hatte. In dieser Hinsicht glich die Alte einem Esel, genauso stur und störrisch. Trotz zunehmender Gebrechlichkeit und ihrer schlimmen Hüfte, die sie an Regentagen zwickte, ließ sie sich ihre Mobilität nicht nehmen. Verzichtete auf ihren Gehstock, so oft es ihr möglich war. Man musste sie wirklich zu ihrem Glück zwingen.
Frau Beerbaum freute sich über die Hand, die ihr angeboten wurde. Doch anstatt sie behutsam zu stützen, versetzte sie ihr einen Stoß. Sie griff nach hinten, um sich zu fangen, doch da war nichts als Luft. Nur die Aussparung der Balustrade, wo die Treppe ins Erdgeschoss führte. Dann folgte ihr Körper den einfachen Gesetzen der Schwerkraft. Sie fiel seitlich, wobei ihr rechter Arm mit lautem Knacken brach. Die polternde Knochenparade, mit Pauken und Trompeten. Eingangshalle, der Tusch. Ein Problem weniger. Das Haus gehörte so gut wie ihm. Er würde den Notarzt rufen, der nur noch ihren Tod feststellen konnte. Christoffer schwelgte bereits in seinen Siegesfantasien, als er ein leises Wimmern vernahm.
„Grundgütiger, das darf doch echt nicht wahr sein!“
Sie lebte. Schlimmer noch, sie war bereits dabei, sich wieder aufzusetzen. Nun wurde Christoffer wirklich ungehalten.
„Willst du noch nicht sterben, du verdammtes Aas?“
Mit schnellen Schritten war er unten, und brachte sie wieder auf die Beine. Allerdings nicht, um ihr zu helfen, sondern für die zweite Schlitterpartie. Doppelt hält besser. Hysterisch trommelte Frau Beerbaum mit ihrem nicht gebrochenen Arm gegen Christoffers Rücken. Es half ihr nichts. Christoffer hielt sie aufrecht, so gut er konnte, und stieß sie dann ein zweites Mal die Treppe herunter. Wieder polterte es ordentlich, aber endlich hörte Christoffer das befreiende Geräusch, wegen dem er das ganze Spektakel überhaupt veranstaltete: Ein solides Knacken, wie es nur Halswirbel erzeugen konnten. In dieser Hinsicht besaß er ein geschultes Gehör. Nicht angeboren, sondern erlernt. Unten angekommen rollte ihr Kopf haltlos hin und her, von keinem Kochen mehr in Form gehalten. Schädelbasisbruch, klarer Fall.
Er drehte das Badewasser ab, welches bis an den Rand des alten Emaillemonsters gekrochen war. Rief einen Krankenwagen, der ihre jämmerlichen Reste einsammeln konnte.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen