Samstag, 14. April 2012

Ausschnitt aus "Lügenkarussell"


Das Zimmer lief auf ihre Rechnung. Sie wollte ihm nicht den billigen Triumph gönnen. Dass der Mann die Frau einlud. Das ging über ihr !Ehrgefühl hinaus, egal wie=gering dieses auch ausfiel. So trug sie sich unter falschem Namen als Frau Bernau ein. Dem Portier ließ sie wissen, dass ihr Mann, der von einem wichtigen geschäftlichen Termin aufgehalten wurde, später dazu=!stoßen würde. Schwer zu sagen, wie oft er diesen Witz gehört hatte. Jedenfalls oft genug, um nicht mehr darüber lachen zu können.
„Könnten Sie ihm den Weg weisen, wenn er eintrifft?“
„Sicherlich doch. Frau…?“
„Bernau.“
„Natürlich. Wie konnte ich das nur vergessen?“
Dies war der Ort, an dem Ehebrecher sich trafen. Fernab aller Gesetze & Regelmäßigkeiten. Gerne auch regelmäßig, aber welche Rolle spielte das schon? Es verlangte keine große Portion Verstand, um den Zustand zu begreifen. Das Da][zwischen. Die Vögelfreien, die die Ketten der Moral von sich warfen, als wären es dünne und klebrige Spinnweben. Im Zimmer nebenan weitere ge!scheiter!te Existenzen (Die Weigerung, sich selbst als gescheitert anzunehmen). Wertlose Aktenkoffer voll beschönigter Bilanzen. Einsame Menschen, die den letzten Abschiedsbrief in ihrem Leben schrieben. Die Arme vernarbt von den unzähligen Versuchen, die von genauso=wenig Durchsetzungs!fähigkeit zeugten wie dieses Mal. Schuldenmogule, die sich auf Rabattbasis einmieteten, da ihre wirkliche Unterkunft längst vom Kuckuck beschlagnahmt war.
Die Tapeten waren in den neunziger Jahren vergilbt. Nun blieb ihre Farbe undefinierbar. Blanke Raufaser, die an eine seltsam grobkörnige Lein||wand erinnerte, auf der der Film ablaufen würde. Vereinzeltes Rascheln in den Reihen. Erwartungsvoll knispernde Chipstüten. Hemmungslos geöffnete Bierflaschen, mit ihrem schnalz!enden Knallen der Kronkorken. Unterdrückte Hustenanfälle. Paula stellte ihre Handtasche auf dem abgeblätterten Mehrzwecktisch ab, der den Besucher zum Verweilen einlud. Darüber war ein Spiegel in der Wand eingelassen, in dem sie den Sitz ihrer Haare überprüfte. Das klingelnde Telefon riss sie aus ihren Gedanken.
„Ihr Mann ist eingetroffen.“
„Sehr gut. Dann schicken sie ihn hoch.“
Der Vorführer (Verführer?) legte die Spule ein und dimmte das Licht im Saal. Wenn sie den Kopf /schräg/ legte und genau hinhörte, konnte sie die Umdrehungen des Projektors heraushören. Die brüchige Spule. Derselbe Film, dutzende & aberdutzende Male aufgeführt. Lediglich das Publikum wechselte. Nur wenige Fans besaßen die Muße, es sich mehrmals anzusehen. All die Male, wo sie dieses Etablissement besucht hatten, war es Thorsten gewesen, der die Zeche gezahlt hatte. Frau ließ sich ja einladen. Doch :!nicht heute. Saula hatte die Kontrolle über die Situation zurück gewonnen. !Sie war das Objekt der Begierde. !Ihr lagen die Männer zu Füßen. Mit einer schnellen Bewegung entriegelte sie die Tür. Als er eintrat, lag sie schon in Unterwäsche auf dem Bett.
„Kannst es wohl kaum erwarten, was?“
Sein dümmlicher Blick. Es hieß zwar immer, dass Männer sich entscheiden mussten, wofür sie ihr Blut brauchten; denken oder erigieren. Aber nie war es ihr offensicht!licher gewesen als an diesem=Mann. Gleichzeitig fragte sie sich, ob alle Männer, das!selbe dümmliche Grinsen zur Schau gestellt hatten. Das Publikum wurde unruhig. Kannten wir diese Szene nicht schon? Zuckten wir nicht zusammen in Erwartung des vorprogrammierten Lachers, der gleich kommen würde? War es denn nicht vorhersehbar, dass unsere kleine Heldin mit dem fremden Mann ins=Bett steigen würde?
„So einfach mache ich es dir heute nicht. Zuerst musst du drei Rätsel lösen. Schaffst du es nicht, wirst du für immer des Zimmers verwiesen. Sollte es dir gelingen, die Rätsel der Sphinx zu lösen, darfst du sie besteigen.“
„Okay, wird das so eine Art Rollenspiel oder was? Kannst du gerne haben. Ich werde dein stolzer Pharao sein, der dir den Zeremonienstab ein{führt. Stell mir die erste Frage, du kleines Luder!“
„Wer sind die beiden Schwestern, die sich stets gegenseitig erzeugen?“
„Das ist einfach. Tag und Nacht.“
„Nicht schlecht für den Anfang.“
„Wirst schon sehen, du kleines Luder. Schneller als du denkst, hab ich dich nackig.“
„Dann beantworte mir auch folgende Frage: Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.“
„Kenne ich auch. Das ist der Mensch.“
„Falsch, mein Lieber. Das ist der Mann. Wenn der Abend naht, erwacht sein drittes Bein.“
„Ein kleiner Fehler, na und? Was macht das schon. Ich nehme den Publikumsjoker.“
„Kein Joker, keine Ausflüchte. Du hast verloren. Ertrag es wie ein Mann, der du !eines=Tages vielleicht sein wirst.“
„Wer spielt hier eigentlich mit wem?“
„Ich dachte, du könntest mir diese Frage beantworten.“
Sie hatte den schneid][enden Ton ihrer Stimme geahnt, noch bevor er aus ihrem Mund gekrochen kam. Nun konnte sie es nicht mehr zurücknehmen. Woher kam diese plötzliche Wut? Zuck!en in seinem Gesicht. Mit einem Mal konnte sie sich vorstellen, wie er als alter Mann aussehen würde. Und es war beschämend. Thorsten verwandelte sich in ein seltenes Insekt, durch den sezierenden{ Blick wie eines Okulars. Er war ihr nicht gewachsen, dieser stolze Mann.
„Ich glaube, ich gehe dann mal besser.“
Irgendetwas in ihr wollte ihn halten. Wenn es ein Gefühl war, dann hatte es mit Liebe herzlich wenig zu tun.
„Es ist nicht deine Schuld. Ich bin deprimiert & lasse es an dir aus.“
„Du hast eine seltsame Art, deine !Zuneigung zu zeigen.“
„Mein Körper stand dir doch jederzeit zur Verfügung, oder nicht?“
Seine Augen, wie die eines Boxers vor der letzten Runde, wenn ihn das Flutlicht blendete. Er schickte sich an, sein Sakko überzuwerfen. Noch hatte er nicht gemerkt, dass es über einer bloßen Brust baumelte.
„Komm zurück ins Bett, lass uns schlafen.“
Letzten Endes gaben sie immer wieder auf. Wählten das kleinere Übel. Zum Beispiel neben ihr zu schlafen. In der Hoffnung, der Krieg sei vorbei. Er zitterte in ihren Armen, und sie lächelte. Hasste sich für dieses Lächeln. Ein kalter Halbmond, der sich an seine Wange schmiegte. Sie ein[kerbte wie ein Fall!beil auf dem Schafott.
Sie verließ das Hotel in den frühen Morgenstunden. Auf dem kleinen Nachttisch, der einem kurzen Moment ihrer Zweisamkeit beigewohnt hatte, lag eine Postkarte, die das Hofbräuhaus zeigte, an den Ecken reichlich abgeknickt. Ein Tempotaschentuch hätte nicht benutzter aussehen können. Ihrer Ansicht nach passte sie besser als jeder andere Notizzettel, der am Boden ihrer Handtasche ein Schattendasein führte. In ihrer braven Mädchenschrift hinterließ sie ihm exakt fünf Worte:

Ruf mich nicht=!wieder an

Wie kam es eigentlich, dass sich ihre Handschrift nicht verändert hatte? Wenn man so sah, konnte man an das Poesiealbum einer Acht!jährigen denken. Nichts zu erkennen von der=Frau, die aus ihr geworden war. Doch mit der Zeit würde ihre Handschrift der restlichen Ent{wicklung folgen. Sie fürchtete den Tag wie sie die Schauspielerei liebte. Denn dann würde der letzte Stein in der Mauer fallen, so mit ihm auch ihre neue |Hülle| der Lächerlich!keit preisgegeben. Eine Larve, die ihr kein Mensch mehr abnahm. Nein, ihre Handschrift zählte zu den wenigen unschuldigen=Dingen, die sie sich bewahren wollte.
Noch bevor der erste Hahn dreimal kräht, wirst du mich !verraten. So leise wie möglich zog sie sich an. Weg von dem tiefen Schnarchen, das ihre Flucht wie eine Filmmusik begleitete. Wenn sie die Lider schloss, konnte sie die Namen der mitwirkenden

Schauspieler,
Statisten,
Dekorateure und Maskenbildner

lesen.
Welche Rolle sie wohl in diesem Streifen gespielt hatte? Alles ging viel=zu !schnell. Die Namen [rat]-[ter]-[ten] an ihr vorbei, bevor sie einen auch nur mit klarem Verstand fassen konnte. Und mal ehrlich: Kein Mensch las die Namen wirklich mit vollem Interesse. Saula hatte zu lange gewartet. Verwünschungen murmelnd gingen die Zuschauer an ihr vor][bei. Sie blockierte den Saal. War sie denn erst erlöst, wenn sie ihren Namen im Abspann lesen konnte? Für einen kurzen Augenblick kam sie sich wie ein Zimmermädchen vor, das über die Strenge geschlagen hatte. Noch weit entfernt vom Orchester der Staubsauger bewegte sie sich durch die verlassene Rezeption. Der Tagesportier zeichnete wortkarg ihre Rechnung ab, doch sein Blick sprach Bände. Egal. Sie war solche Blicke gewohnt, und stand darüber.

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