Samstag, 26. Mai 2012

Ausschnitt aus "Konstantin"


„Was für eine Sauerei.“
Kommissar Braugstetter klappte seinen Regenschirm zusammen. Hier unter der Brücke war er im Trockenen. Ein nutzloses Requisit, das er nun getrost zu den Akten legen konnte. Viel mehr war von dem Opfer auch nicht übrig geblieben. Seit fünfzehn Jahren war er bei der Hamburger Polizei tätig, aber so etwas hatte er noch nie gesehen. Ein weiteres graues Haar in seinem melierten Schopf. Innerlich hatte der Polizeidienst ihn abgestumpft. Äußerlich allerdings sah man ihm die Beschwerlichkeiten an. All die Leichen, die ihm unter die Augen gekommen waren. Die Verkehrsopfer. Grün- und blau geschlagene Frauen, deren Ehemänner lachend bei einem Bier am Küchentisch saßen, während die Polizei ihnen Fragen stellte. Einer, der schon alles gesehen hatte. Draußen regnete es in Strömen. Pfützen sammelten sich auf dem roten Sandweg, der die Uferpromenade säumte. Wie der Tuschkasten eines Malers, dem die Farben davonliefen.
„Wir sind fertig.“
„Dann schnappt euch ein paar Schaufeln und sammelt die Reste von dem armen Kerl ein.“
Er hatte mit Regener gesprochen. Regener war als Erstes am Tatort gewesen. Eine verstörte Joggerin hatte die Polizei gerufen. Kommissar Braugstetter schätzte an Regener dessen Gründlichkeit. Humor besaß er nicht. Nun sah er ihn, wie er am Rande des Tatorts stand und Fotos machte. Nur sein massiver Rücken war zu sehen. Regener gehörte zu jenen Hünen, die ihre Größe auch wirklich bewohnten. Sein selbstsicheres Auftreten hatte ihm eine solide Karriere bei der Hamburger Polizei geebnet, der Mangel an Gefühlsregungen aber einen weiteren Aufstieg als seine jetzige Position verhindert. Mit Toten konnte er besser als mit Menschen.
Die phänomenale Losung des Tages lautete, dass es keine Fingerabdrücke gab. Oder vielmehr das, was dem üblicherweise entsprach. Namenlos. Linienlos. Ohne Rückschlüsse auf das Fahndungsregister. Glatt wie eine Phyton, die sich aus ihrer Haut geschält hatte.
Er wollte dieses Schwein schnappen. Noch vor einer Stunde hatte er den Pizzadienst auf die Wache gerufen, nun würde er mit Sicherheit keinen Bissen runterkriegen. Die Opfer einer Polizistenseele: Achtlos weggeworfene Pizzakartons, mitsamt ihrem labbrigen Inhalt. Kommissar Braugstetter teilte nicht die Ansicht des Senats, der für verirrte Seelen wie diesen Alsterpenner kein Mitleid kannte. Ein jeder war seines Glückes Schmied. Es gab Obdachlosenasyle, wo man sich des Nachts aufwärmen konnte. Eine Kraftbrühe genießen und eine heiße Dusche. Warum war dieser Idiot nicht dort hingegangen?
„Streunende Hunde könnten das getan haben.“
„Vergleicht die Bissbreite. Das stammt von einem menschlichen Kiefer, hundert Pro.“
Streifenpolizist Sandocz wurde grün im Gesicht. Dies war seine erste Leiche. Letzten Monat war er Vater geworden. Eine Polizistenseele war eine schweigsame Seele, die viel in sich hineinfraß. Das würde er noch lernen. Friss oder stirb, so einfach war es.
„Chef, meinen Sie wirklich?“
Der Obdachlose, den sie unter einem Brückenpfeiler aufgelesen hatten, wies dutzende solcher Bissspuren auf. Wer auch immer das getan hatte, hatte ihm brockenweise das Fleisch vom Körper gerissen. Den Boden mit seinem Blut getränkt, als hätte ein grausames Kind einen Sylvesterböller mit einer Dose Tomatenpüree verbunden. Das Gesicht nicht mehr als eine blutige Masse, die Kommissar Braugstetter unangenehm an seine Pizza erinnerte. Sein Magen machte eine erneute Rolle, stimmte zur Übelkeits-Polka des Jahres an.
„Macht einen Abgleich mit den zahnmedizinischen Gutachten der praktizierenden Ärzte. Vielleicht finden wir das Schwein.“

*

Auf der Wache schrieb er seinen üblichen Bericht. Beamtenjargon. Aus grausam zugerichteten Mitbürgern wurden unidentifizierbare Leichen. Manchmal hasste er seinen Job. Dienstschluss bedeutete die Rückkehr in den Alltag. Sylvia würde sicher schon schlafen. Allein schritt er durch die graue Wohnung, die nun von den Schatten beherrscht wurde. Vorbei am Kinderzimmer, wo Thorsten bereits schlief. Wobei die Bezeichnung Kinderzimmer von der Zeit eingeholt wurde. Der Junge überragte ihn um einen halben Kopf, und war noch nicht ausgewachsen. Gerne hätte er sich in die Erziehung seines Sohns mehr eingebracht. Doch der Schichtbetrieb machte es ihm schier unmöglich. Zwischen Tür und Angel erschien er als Vaterfigur, ein jedes Mal erstaunt über die Entwicklung, die der Lütte durchmachte. Leider nicht immer die Beste. In letzter Zeit schien er ihm zunehmend zu entgleiten.
Normalerweise erzählte seine Frau ihm, was der Tag so gebracht hatte. Die Beschwernis, die Hausarbeit, die unzufriedenen Kunden an der Kasse in ihrem Teilzeitjob. In den wachen Momenten zwischen der Nachtschicht und dem Morgengrauen. Wenn er sie aus ihrem tiefen Schlaf riss. Aber war das ein Familienleben? Oder das, was er sich darunter vorgestellt hatte? In Fetzen gerissen wie einen jungen Hund?
Es würde lange dauern, bis er Schlaf fand. Dieses Mal schlief seine Frau vor ihm ein. Wortlos schmiegte er sich an ihre Seite.

*

An anderer Stelle in der Stadt ging ein anderes Wesen zu Bett. Die Nacht war zu Ende, und damit sein Tag. Einer von Vielen. Die Ewigkeit. Nur das Quartier wechselte. Seit einiger Zeit war es ein Abbruchhaus in Altona. Eingeschlagene Fenster. Bröcklige Ziegelmauern, die Seele aus dem Leib geschlagen. Rotbrauner Staub zu seinen Füßen, der an den Schuhsohlen nicht zu haften vermochte. Ihm war es egal. Er war immun gegen alles Vergängliche. An den Wänden Grafitti unbekannter Sprayer, zumeist Jugendliche. Einmal hatte er Einen von ihnen geschnappt, und ihm die Innereien nach Außen gekehrt. Er erinnerte sich, wie köstlich sein Blut geschmeckt hatte. Die erste Rebe, die erste Ernte. Ein Winzer hätte ihn verstanden. Junges Blut besaß einen spritzigen Eigengeschmack, einzigartig in der Welt. Und doch eine Vergeudung. Er war gestorben, weil Konstantin Hunger hatte; weil er sein Heim bedrohte. Wenn er in seiner Kellergruft aufwachte und an die Oberfläche ging, räumte er ihre Hinterlassenschaften weg. Leere Bierflaschen und gebrauchte Kondome. Die Jugend des Lebens feierte ihre prunkvollen Feste... während der Herbst des Lebens dem Mondlicht seinen Tribut zollte.
Der Wind heulte durch die hohlen Gänge, verwirbelte den Staub von Jahrzehnten. Konstantin spürte weder Hitze noch Kälte. Ratten krochen träge über den Schutt. Auch dieses Haus war dem Tode geweiht. Er würde es verlassen, wenn der letzte Balken nicht mehr trug. Wesen wie er brauchten weder Strom noch Licht. Die Nacht barg ihre klaren Umrisse.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen