Samstag, 30. Juni 2012

Ausschnitt aus "Das Steinfeld"


Am Abend stand Karlheinz im Bad, wo er sich die Zähne putzte. Sie alle hatten sich verändert. Wenn er in den Spiegel sah, konnte er die Milchstraße der Pickel und Mitesser sehen, die sich durch sein Gesicht schlängelte. Entstanden waren sie binnen weniger Tage, genauso wie Rainer und Bärbels frisch aufkeimende Sexualität. Der Steinkreis brachte ihre Hormone durcheinander, zerrte sie im Expresstempo durch die Pubertät. Was aber tat er ihnen noch an? Karlheinz schwor sich, das Rätsel des Kreises zu lösen, und wenn es ihn das Letzte kosten würde. Er spuckte aus, wie um den Mächten, deren Spielball sie geworden waren, zu trotzen. Hielt sein Gesicht unter einen Schwall kalten Wassers, prustend wie ein Hund.
Als er den Kopf erhob, sah ihm von der anderen Seite des Spiegels aus ein alter Mann entgegen. Die Deckenleuchte begann zu flackern, offensichtlich ging es mit der Glühbirne dem Ende zu. Mit zitternden Fingern berührte er die glatte Oberfläche des Spiegels, ohne dass der alte Mann ihm die Bewegung gleichtat. Die Haare, von Silberfäden durchzogen, wurden im Nacken von einem Stück Leder zusammengehalten. Sein Bart war bereits zur vollen Gänze ergraut. Um den Hals trug er eine Kette aus Tierknochen. Wie alt mochte er sein? Vierzig? Fünfzig? Die damalige Zeit verschliss die Menschen schneller als die heutige. Sein Blick traf fest auf den von Karlheinz, dem die Beine weich wurden. Augen, die so tief in ihren Höhlen lagen, als hielte nur das Netz von Falten sie an ihrem Platz. Doch das Feuer, das in ihnen loderte, schien lebendig. Sie-

hatten damals keine Spiegel besessen. Als Ersatz diente eine Schale mit Wasser oder eine polierte Bronzescheibe. Beide lieferten eher unscharfe Ergebnisse. Die einfachen Leute jedoch konnten sich diese kunstvoll gearbeiteten Scheiben kaum leisten. So griffen sie auf Wasserschalen zurück oder begnügten sich damit, nur von den Anderen gesehen zu werden. Ging es denn doch auch nicht besser. Onulf staunte über die Wunderwerke moderner Technik.

Karlheinz blickte nervös hinter sich, doch auch dort konnte er den alten Mann nicht ausmachen. Er schien nur im Spiegel zu existieren. Langsam öffnete und schloss dieser den Mund, als wollte er Worte formulieren, die es nicht durch die dünne Quecksilberschicht schafften. Er klopfte gegen den Spiegel, wie um seinem Gefängnis zu entkommen. Erste Risse zeigten sich. Wenn er noch lange so weitermachte, würde der Spiegel springen und ihre Verbindung abbrechen. Oder noch schlimmer: Der Andere in einem Regen aus silbrig glänzenden Scherben durch das kleine Fenster in der Wirklichkeit treten, welches sich über dem Waschbecken aufgetan hatte. Panische Angst nahm Karlheinz Wirbelsäule in Beschlag, sendete eiskalte Schauer aus, die ihm den Rücken hinunterliefen.
Begreifen in den Augen des Alten. Er hielt die Hand abwehrend hoch, wie um Karlheinz einen Moment der Geduld anzudeuten. Dann griff er behände in die Tasche seines Umhangs. Zauberte ein Stück Kohle hervor. Damit schrieb er auf die gegenüberliegende Badezimmerwand. Karlheinz drehte sich um, ob auch auf dieser Seite die Worte zu sehen waren, doch er wurde enttäuscht. Was im Spiegel war, blieb im Spiegel.
Zuerst verstand er die seltsamen Runen nicht, die Onulf auf die Tapete schmierte. Auch lag es daran, dass er die seltsamen Worte nur in Spiegelschrift lesen konnte. Er griff zum Schminkspiegel seiner Mutter, den er sich neben den Kopf hielt. Nun konnte er in seinem Rund die Worte erkennen. Er hatte sie schon einmal gelesen (und geschrieben). Vor Anstrengung legte er die Stirn in Falten. Als seine Erinnerung sich lichtete, konnte er entziffern, was in der Steinsprache geschrieben war. Es lautete Mahingar. Plötzlich brannte eine der beiden Glühbirnen durch, die den Raum zuvor in ein flackerndes Licht getaucht hatte. Dafür gewann die zweite ihre volle Leuchtkraft zurück. Die Sprünge im Spiegel liefen zurück, als wären sie nie da gewesen. Onulf hatte ihm eine wichtige Botschaft mitgeteilt. Allerdings konnte er nichts damit anfangen. War Mahingar nun die Lösung des Problems oder deren Verursacher?


Donnerstag, 28. Juni 2012

Der alte Coiffeur


Bei ihm
stehen keine schönen Vitrinen
die Wände sind so grau
wie seine alte Haut
und mit Brettern vernagelt
die einst
in undefinierbaren Farben
gestrichen wurden.

Die Wartezeit wird versüßt
durch BILD PRALINE ST. PAULI NACHRICHTEN
Tittenzeitschriften für die Arbeiter
wüste Kerle
denen die Haare büschelweise
aus dem Nacken sprießen
die sich gelegentlich
stupide am Sack kratzen.

Bevor du drankommst
mustert er dich
durch seine immense Hornbrille
nimmt bedächtig
einen vorsinflutlichen Rasierer
die an schwarzen Kabeln hängen
und zittert dir
eine Frisur zurecht.

Du bekommst nicht
den geradesten Kopf
aber verdammt
er ist der Billigste
in der ganzen Stadt!

Dienstag, 26. Juni 2012

Das gute Produkt


Denk an mich, wenn du deine Einkäufe machst. Dirty Dichter gehört mit in den Korb. Jeden Tag eine geballte Ladung Literatur um die Ohren gehauen, dass es schallert! Gib's zu, du brauchst mich doch. Darf's ne Extrawurst mehr sein? Dann hol dir ein Shirt aus dem Fanshop oder bestell eines meiner Bücher.

Dabei dachte ich, nur der Mann hinter den Kulissen zu sein, der die Strippen zieht. Mehr und mehr trat ich in den Vordergrund, wollte Teil der Höllenmaschine sein, die ich losgetreten hatte. Bis ich merkte, dass Kunstfigur sein allein nicht mehr reicht. Dass ich zu einem Konsumprodukt geworden bin.

Sei's drum, nun lässt es sich nicht mehr ändern. Einmalige Konsumenten wollen zu Stammkunden angefixt werden. Und das geht nur über gleichbleibende Qualität und den Widererkennungswert meiner Waren.

Montag, 25. Juni 2012

Mehr als nur Salat


Alles begann mit einem harmlosen Grillabend. Eine dieser Bekanntschaften vom Büffet; belanglos eigentlich zu nennen. Inmitten all der bunten Plastikschalen stand der Chinakohlsalat. Ich kannte ihn schon von anderen Veranstaltungen, wo er stets in einem Dressing von Essig und Öl auftrat.

Schnell kamen wir ins Gespräch. Wie sich heraustellte, hatte er noch mehr zu bieten, als in schmale Streifen geschnitten in den Salat geworfen zu werden.

"Alles Vorurteile. Dabei kann man mich auch prima in der Pfanne dünsten oder als Beilage im Eintopf verwenden. Ich bin milder, als du es vielleicht von meinen Brüdern kennst."

Eines allerdings hatte er mir verschwiegen. Dass er im Gegensatz zu anderen Kohlsorten über eine wesentlich kürzere Garzeit verfügte. Wie die meisten Anfänger zerkochte ich ihn gründlich. Mein Tipp: Immer erst am Ende für ein paar Minuten zugeben, dann bleibt er bissfest. Und wenn es einmal schnell gehen soll:
  • Corned Beef aus der Büchse
  • 1 Zwiebel
  • 1 Handvoll Bohnen
  • Wasser, Brühe
  • Chinakohl
Satt und glücklich in 10 Minuten, dazu passt Reis. Alles schön brutzeln lassen, Chinakohl, Brühe und Wasser erst am Schluß.

Sonntag, 24. Juni 2012

Miss RÜHR-MICH-NICHT-AN


Es geht nichts
über den blauäugigen Optimismus
16-jähriger Jungen
die sich vor der Klassenfahrt
den ganzen Rucksack
voller Kondome stopfen
schon im Bus
großmäulig prahlen
wieviele Chickas
sie flachlegen werden

ohne zu sehen
dass die Chickas vorn im Bus
nur gelangweilt
mit den Augen rollen
und Kaugummi kauen.

Warum sollten sie gerade
diese Schwachmaten ranlassen?

Nein,
die kleine Prinzessin
Miss RÜHR-MICH-NICHT-AN
wartet lieber
auf den Ritter
auf dem weißen Pferd

zur Not tut es auch
einer aus der Sportlerriege
ein böser Junge
der ihr das Herz brechen wird
so wie er ihr
die Unschuld nimmt
sozusagen zwei
zum Preis von einem.

Samstag, 23. Juni 2012

Ausschnitt aus "Racheblitz"


Stille in der Bücherei. Die letzten Leser waren geflüchtet, nicht brandschatzend aber plündernd, trugen sie so viele Bücher unter den Armen, wie sie gerade tragen konnten. Das Schuhgeschäft auf der anderen Straßenseite stand in Flammen. Schüsse und Schreie erfüllten die Luft.
Bibliotheksleiter Heidemann hatte sich bei seinen Mitarbeitern für ihre jahrelange Treue bedankt. Der eine oder andere hatte ihn mit unverhohlenem Hohn angesehen. Ein intelligenter Tyrann kannte seine Feinde. Widerspenstig waren sie gewesen. Wie oft mussten neue Regelungen mit Sanktionen und Gehaltsabzügen durchgesetzt werden? Über jeden führte er Listen. Wer vergaß, ein Buch abzustempeln. Wer die Spülmaschine im Gemeinschaftsraum nicht ausräumte. Wer Mahnungen vergaß. Jeder Fehler geahndet mit einem Abzug von fünf Euro am Bruttogehalt. Anfangs protestierten sie. Nur zaghaft. Dann nahmen sie es hin. Dumme blökende Masse, die sich lenken ließ. Heidemann gab sich voll und ganz seiner Machtposition hin. Wahre Dankbarkeit erwartete er von keinem von Ihnen. Dabei formte er ihren Charakter.
In Krisensituationen wie diesen war die Bücherei geschlossen. Zuletzt war das bei dem großen Hochwasser 1988 der Fall gewesen, bei dem weite Teile der Innenstadt für mehrere Tage unpassierbar waren. Mit Sorgen beobachtete er den unablässig fließenden Regen, der seine Schätze bedrohte. Er würde bei der Feuerwehr anrufen und um eine Sonderzuteilung Sandsäcke bitten. Auf ihn würden sie hören. Sein Wunsch hatte im allgemeinen Notfallplan Priorität. Es ging um das kulturelle Erbe der Stadt! Gerade als er den Telefonhörer ergriff, stellte er fest, dass er nicht alleine war. Überrascht drehte er sich um.
„Kanecker? Was wollen Sie denn noch hier? Sie können nach Hause gehen.“
„Und wenn ich das gar nicht will?“
„Ich verstehe Sie nicht ganz.“
„Oh doch, sie verstehen mich genau richtig.“
Heidemann bemerkte das nervöse Zucken im Mundwinkel Kaneckers. Wie hatte er diesen Abtrünnigen jahrelang an seiner Brust säugen können und nicht bemerken, was sich in ihm anbahnte? Angst gehörte üblicherweise nicht zu Heidemanns Gefühlsrepertoire. Überlebenswillen schon. Auf seine Instinkte vertraute er. Er warf sich zu Boden und rollte sich seitwärts hinter den Ausleihtresen, so dass Kaneckers erster Schuss nur einen Bildschirm der EDV zum erlöschen brachte.
„Zeig dich du feige Sau!“
Heidemann erinnerte sich an sein Bundewehrtraining und robbte um sein Leben. Dies war die Kampfzone, auf die man sie alle eingeschworen hatte. Nicht in Laub und Morast, wie man ihnen glauben machen wollte, sondern in Staub und Linoleum. Am Ende des Tresens führte eine Treppe in den Keller, wo die Mikrofilme archiviert wurden. Und zum Personalausgang. Wenn er es bis dahin schaffen könnte, wäre Heidemann in Sicherheit.
„Kriechst vor mir wie ein Wurm? Glaubst ernsthaft, du könntest deinem Schicksal entrinnen?“
Deswegen hatte Heidemann ihn nie als gefährlichen Gegner wahrgenommen. Wegen seiner gespreizten Sprache. Zu brav und bieder der Mann. Wie man sich doch täuschen konnte.
Dies waren seine letzten Gedanken, als Kanecker ihn aufspürte und mit mehreren Schüssen zur Strecke brachte. Blut aus seiner zerfetzten Halsschlagader spritzte über das schwarze Brett, der Aushang vom Betriebsausflug verwandelte sich in ein modernes Kunstwerk aus roten und schwarzen Klecksen.

*

In der Südstadt hing am Eingang eines Mehrfamilienhauses im schmucklosen Baustil der siebziger Jahre ein Schild: Die Welt geht unter aber wir haben Spaß! In der berüchtigten Lasterhöhle von Schnittenuwe, der den Traum der Playboy-Mansion in Gelsenkirchener Barock wiederauferstehen ließ, wälzte sich ein Ungetier mit vielen Armen und Beinen. Wer die Paarungsknoten der Amazonasschlangen mit eigenen Augen gesehen hatte, hätte sich in diesem Wirrwarr bestimmt zurechtgefunden. Uwe war nie am Amazonas gewesen, wozu auch? Er war buchstäblich im Himmel gelandet. All die frigiden Punzen, die nie ein Auge auf ihn geworfen hatten, prügelten sich jetzt um ihn. Endlich würde er sein rotes Büchlein vollkriegen. Die Landesmeisterschaft im Matratzenslalom. Stand kurz bevor. Ächzend quetschte er sich aus dem Menschenhaufen, unter dem er seit dem Morgen begruben lag. Seine Eier taten weh und er musste pissen. Wie oft war es ihm gekommen seit dem Begin des Unwetters? Er vermochte es nicht mehr zu sagen und es war ihm auch reichlich egal. Mochte die Welt da draußen untergehen, ihm ging es besser denn je zuvor. In der Küche stand Elli und brühte Kaffee auf. Für sich und Uwe und all die Erschöpften dieser Welt. Eigentlich hatte sie nur Unterschlupf gesucht vor dem Regen. Ihre Neugier hatte sie die Stiegen erklimmen lassen. Als sie die Tür öffnete, schreckte sie das Menschenknäuel nicht ab, im Gegenteil. Sie spürte, wie ihr die Säfte im Höschen zusammenliefen. Das war es, wovon sie immer geträumt hatte. Die nächsten Stunden waren ein stetes kommen und gehen, mit Müh und Not vermochte sie die Gesichter zu zählen. Es kamen Männer und Frauen. Die meisten von ihnen waren verdreckt, als wären sie in den Pfützen oder der Flut zu Fall gekommen. Laub klebte an ihren Wangen, Schlamm in den Haaren. Schnitten-Uwes Schlafzimmer verwandelte sich zusehends in eine Schlammgrube. Wenn sie aufstanden, ließen sie oft die nassen Klamotten da liegen, wo sie waren und gingen wie in Trance ihres Weges. Elli schauderte. Der Regen hatte ihre menschlichen Züge abgespült. Nun wurden sie wieder Neandertaler, die sie einst waren.

Freitag, 22. Juni 2012

Teppichklopfen


Es gibt diese Streits
die soviele Grundmauern einreißen
dass man eigentlich
genausogut
Schluß machen könnte
schmerzhafter
könnte es auch nicht sein
wenn das gute Porzellan
zerschlagen wird
und man Angst hat vor dem Tag
wo man den Schrank öffnet
und da ist nichts mehr
was man noch
zerschlagen könnte

LAST DAYS OF POLTERABEND

in der verbliebenen Stille
schnürt es mir
die Kehle zu
auf das Format einer Stecknadel

wo Arschloch Fotze Drecksau
noch zum harmlosesten Vokabular gehören
wo alles lärmt & rauscht
wo man sich schämt
den Nachbarn im Hausflur
in die Augen zu sehen
doch gibt es nichts
was dieser anonyme Wohnblock
nicht schon erlebt hätte.

Ich sehe die Briefkastenschlitze
wie zusammengekniffene Augen
und aus den Mülleimern lacht es
während sie Teppiche klopfen
wie sie es immer schon taten

und ich fühle mich geprügelt
wie dieser Teppich.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Die Macht der Bilder


Meine Homestory-Postings haben sich verändert. Bei den ersten schrieb ich noch den Text zuerst, und packte später ein Foto von mir dazu. Es war nicht schlecht, aber ein wenig holprig.

Nun ist es synchron. Ich inszeniere meine Selbstportraits, und lasse mich von den surealen Bildern zu einem Text inspirieren. Doch bin ich auch kein eitler Fatzke, der sich an sich selbst ergötzt. Mir geht es darum, Geschichten zu erzählen. Ein Bild soll einen anderen Abschnitt der uns bekannten Realität aufzeigen. Das gute daran: Ich bin mir selbst immer als Model verfügbar. Nachteil: Scham, wenn die gewählte Verkleidung doch zu garstig scheint, um in der Öffentlichkeit aufgeführt zu werden. Wohlgemerkt, scheint. Denn letzten Endes ziehe ich die Nummer ja doch durch.

War das schön, als ich noch Macht über die Bilder hatte. Nun haben sie Macht über mich.

Mittwoch, 20. Juni 2012

Fotzenknecht


Kleine Herzchen auf der Tür
und ungelenk gekritzelte Schildkröten
ein Trockengesteck
voller Liebe
und Hausfrauendilletantismus
Baldachine aus rotem Tüll
burgunderfarbene Stoffrosen
girlandenweise
um alles zu umranken
alles zu ersticken
glänzende Tischläufer
mit Strasssteinen.

Ich wünsche dir
dass sie große Titten hat
und versteht
damit umzugehen.

Komm Junge
lass uns mal wieder
ein Bierchen trinken gehen
auf Rennpferde wetten
ausspucken
und mit den Wölfen heulen.

Dienstag, 19. Juni 2012

Hofnarr


Zu leicht, ihn zu unterschätzen. Weil er bloß Possen reißt. Doch wer lacht über wen? Weisst du wirklich, was hinter seinem bösen Grinsen vorgeht?

Narren waren es gewesen, die mit spitzer Zunge unangenehme Wahrheiten verpackten. Die den Mächtigen das Zittern lernten. Kunst kann blanke Unterhaltung sein, oder eine Fortbildungsmaßnahme für den Geist. Ihn politisch neu zu schulen. Menschlich. Ethisch.

Montag, 18. Juni 2012

Unbarmherzig



Gott ist ein einsamer Revolverheld. Er hat seine ganz eigene Art, die Dinge zu regeln... Teile diese Auffassung mit der passenden Tasche!

Sonntag, 17. Juni 2012

Kinski


Mit jedem Körper
fühle ich den nächsten
und den davor
mal machte ich Kaffee
mal ließ ich mir welchen machen
und wartete wortlos
bis das Gurgeln aufhörte

verschliss mich & stolperte
kopflos in die Gasse
wo ich

weiterrannte
vor mir selbst
in die nächste Bar
das Augengeklimper, die ewige Hurerei
Telegramme in Hotelzimmer schicken ließ
die längst schon verwaist-

sie mir stanzen ließ
die Namen
unter die Haut
dort wo es pulsiert
die Stimmen, in keinem Schlaf gewiegt
Tage
die mir zuwieder sind
wie der Schlaf.

Freitag, 15. Juni 2012

Schwenningen


Das brutzelnde Fleisch am Kebapgrill
die Smartphones gezückt
wie Gewehrläufe im Schützengraben
simst man sich
während der Pizzaofen
vor Weißglut glüht.

Das Befindlichkeitsgeplapper im Biergarten
Vatertagsfreuden
mit Montagskater danach
die feinen Herren unter sich
hier wird Politik gemacht
und nicht in Berlin
schimpfen sie über die Pappenheimer.

Horden von Sonnenbrillen
an der Eisdiele
man sieht & wird gesehen
teilt Schwarzwaldbecher & Gerüchte
beobachtet Passanten
ob sie aus der Norm fallen
oder sich zusammennehmen.

Schlüsselkinder
die nach Waschpulver riechen
& Verwahrlosung
weil Vater und Mutter beide buckeln
damit einmal im Jahr
der Urlaub auf dem Campingplatz
noch möglich ist
wo sie wieder vortäuschen
eine glückliche Familie zu sein
während Vaters Augen
an der Auslage der Kioskverkäuferin hängen.

Die alten Kleingeldzitterer an der Kasse
immer die abgepackte Wurst
gern mal nen Korn
um die Kanten des müden Alltags abzufasen
altsein
ist nichts für Feiglinge.

Die Familie Feist
mit ihren rosigen Bäckchen
Einkaufswagen voll
& Kinderwagen auch
da rollt die Zukunft
vor sich selbst davon
als würde sie sich ekeln.

Die stinkenden Autos
gesponsort von Proletenpapi zum Abi
rostige Familienkutschen
mit Sitzpolstern
aus denen die Polsterwatte quillt
wie die Gedärme
eines Verkehrsopfers.

Der Lärm der Fabriken
und am Wochenende
da lärmen sie mit dem Rasenmäher
im besten Feinrippunterhemd
das Bier auf die Gartenmauer gelehnt
rauchen billige Kippen
und reden mit dem Nachbarn
um später über ihn reden zu können.

Manchmal sind wir eher hart
als herzlich
über Generationen
degeneriert aus Arbeitern & Bauern
Kultur verkommt
zu Perlen vor die Säue
auch wenn man sich bemüht.

Ich bin ein Teil von euch
ob es euch passt
oder nicht
unsere Dekadenz
hat uns miteinander verschweißt
wie mit einem Stahlband
welches uns beiden
das Herz abschnürt.

Wenn keiner kommt


...steht es unentschieden!

Mittwoch, 13. Juni 2012

Spurenlos


Schweißperlen sammeln sich
auf meiner Stirn
wie Gewitterwolken
die sich ausregnen wollen.

Ich weiß
du hast mir einen Namen genannt
und ich dir meinen
doch nur der Höflichkeit halber
längst
habe ich deine Worte vergessen.

Ich rauche deine Zigaretten
weil ich meine vergaß
schweigend
doch nicht verlegen
ich habe mich längst
aus dieser Realität ausgeklinkt

picke meine Klamotten
aus den Ritzen deines Sofas
und verschwinde durch die Tür

ohne einen Kuss
ohne ein Lebewohl
ohne dir noch einmal
in die Augen zu sehen.

Dienstag, 12. Juni 2012

I love books


Perversionen unserer Zeit: Ich geb's ja zu, ich bin bibliophil! Und manchmal geht meine Bücherliebe auch zu weit. Da will ich in den sinnlichen Genuss kommen, die Seiten zu lecken. Den Buchrücken zu besteigen wie eine roßige Stute. Doch unter meinen gierigen Händen erstarrte es zu Stein.

Was habe ich falsch gemacht? Sollte ich nicht wie ein Lesezeichen zwischen den Worten stecken? Wollte ich dir nicht huldigen, und den Menschen von unserer Liebe erzählen? Warum bist du bloß so zugeschlagen?

Sonntag, 10. Juni 2012

Nightlife


Irgendwie
beneidete ich ihn
den kleinen Chinesen
der mir wirre Worte zuflüsterte

da sitz ich
mühsam am Photoshop
um die Farbsättigung hochzudrehen
und der
klinkt sich ne Pille
und sieht die Farben intensiver
als ich es je könnte.

Hoch die Humpen
es wird angestoßen
auf eine neue Kneipenbekanntschaft
die sich
zur Sperrstunde verliert
wenn alle Hefe gärt
und sich den Weg
durch die Kehle schraubt.

Freitag, 8. Juni 2012

Erbsünde


Ratrat ratrat
dreht sich die Trommelkammer
wenn Anfang & Ende
eins werden
dann schließt sich der Kreis
über ihrem müden Haupt.

Die=selben Küsse
die nach Bier schmecken
& kaltem Rauch
der zwischen den Zähnen hängt
wie Reste einer Henkersmahlzeit
diesselben Küsse !also
wie der Vater ihr gab
in der Kammer aus Schmerz & Scham
wenn er sich kurz umdrehte
um die Tür von=innen zu schließen
und Mutter
den Schlaf im Ehebett vortäuschte
dabei einen {Vakuum}!schrei
in den Handballen drückte
genauso
wie es die Tochter tat
in jenen Nächten.

Donnerstag, 7. Juni 2012

Stammkunde


In all den Jahren
hätte ich euch
kreuzweise ficken können
und auch querweise
wenn meine Kondition
es zugelassen hätte
doch nie
habt ihr es
auf einen Rauswurf angelegt.

Ich benahm mich zivilisiert
wie es sich gehört
habe keine Gäste beleidigt
doch ihr Arschwichser
habt nur den Profit im Hirn
und nicht den Stammkunden
und habt mich
rausexpeditiert
mit einer Aggression
dass es einem
die Sprache verschlägt
wenn man sich schon
kooperativ zeigt
freundlich und friedlich
nur noch die Jacke holen will
und seinen Deckel zahlen.

Auf Dauer
habt ihr einen Stammkunden verloren
ihr könnt mich kreuzweise
am Arsch lecken
was zuviel ist ist zuviel
Mein Heim meine Kneipe
könnt ihr
an meinem Arsch ablesen!

Es fällt mir


...wie Schuppen von den Eiern!

Mittwoch, 6. Juni 2012

Drehbuch


Wenn sich alles anfühlt
als sei es
einem Film entsprungen
wenn du mühsam
deine fahrigen Notizen durchblätterst
in der Hoffnung
der Regisseur
hätte eine Fußnote hinterlassen
die es dir erlauben würde
noch einen Tag
weiterzumachen
wie die elendigen Fotzen
es von dir gewöhnt sind!

Irgendwo muss er sein
zwischen
wutvoll niedergeschriebenen Kritzeleien
der Beweis
dass ich
ein gutes Leben geführt habe
eines
wie es im Drehbuch stand.

Und doch fallen mir nur
abgegilbte Postkarten in die Hände
die mich daran erinnern
wer ich einmal war
an verschiedenen Bahnhöfen
die das Leben
mir parat hielt.

Dienstag, 5. Juni 2012

Mal so seitwärts


Bilder sind anders als Gedichte. Wirklich? Gilt es denn nicht, das zentrale Motiv abzubilden, unabhängig von der Wahl der Mittel? Die Einsamkeit, die sich in meinen Texten widerspiegelt, findet sich auch in meinen Fotografien.

Dabei spiele ich mit den Klischees. Bin ich denn wirklich so einsam, wie ich immer vorgebe zu sein? Lerne ich nicht gerade übers Netz diverse kaputte Naturen kennen, die die Begeisterung für Gedichte teilen, so wie ich? Ein Freund sprach einmal davon, dass alle Dichter einen an der Waffel haben. Die Frage ist, womit diese Waffel bestrichen ist?! Hat wohl Recht, der Sack.

Nach langer Übung habe ich einen kontinuierlichen Schreibstil gefunden. Nun gilt es nur noch, einen einheitlichen Stil in der Fotografie zu finden. Das Gleiche abzubilden, wie in den Texten. Mit den Raumelementen zu spielen. Verloren am Bildrand kann schon eine Option sein.

Sonntag, 3. Juni 2012

Tuningparty


Die Russen von gegenüber
spielen wieder Tuningparty
wie eine Wagenkolonne in der Prärie
stehen sie
um ein imaginäres Lagerfeuer versammelt
die Stiefel gespornt
für den Ausritt
in die rote Sonne
die über den rissigen Pflasterwülsten hängt
der frühe Tod der Nebenstraßen.

Erstaunlich die plakative Schönheit
ihrer Frauen
die sich auf der Haube räkeln
als wär die Straße
ein samtgeschlagener Ausstellungsraum.

Auspuffrohre dröhnen
wie ein Jagdhorn
im Großstadtdschungel
Chromfelgen funkeln wild
wie das Auge der Kleinen
und mit einem Bier in der Hand
proste ich ihnen
vom Fenster zu.

Samstag, 2. Juni 2012

Christoffer


Es ist nie mein Mantel gewesen. Ich wusste es vom ersten Tag an, als sich sein Leder um meine Schultern schmiegte. Weil er wieder mein Denken beherrschte.

Christoffer erschuf ich als eine Art literarischen Sandsack. Ein Druckventil, um alle Wut und alle Aggression abzulassen. Ansonsten wäre ich mir vielleicht um die Ohren geflogen. Ungläubig halte ich meinen Kopf in den Händen, der diesen Dämon in die Welt gelassen hat. 

Bald erwies er sich als eine der stärksten Charaktere, deren Leben ich je verfolgte. Denn ich befand mich ja auf der anderen Seite der Schreibfeder. Da, wo es sicher ist. Zumindest dachte ich das. Als die letzte Seite des ersten Bandes fertig war, atmete ich erleichtert auf. Christoffer hatte mir meine dunkelste Natur offenbart. Wie das Leben aussieht, wenn man auf seiner Seite wandelt. Er hatte mir seine Mörderaugen geliehen; und ich war froh, sie wieder an der Garderobe abgeben zu können. Nun, da ich ihn im Gefängnis wähnte, konnte ich wieder sicher schlafen.

Ausschnitt aus "Zweitwesen"



jim jones: hallo hayden.
lou blackheart: woher kennst du meinen real life namen?
jim jones: wir würden uns gerne mit ihnen treffen.
lou blackheart: wer ist wir?
jim jones: für den moment reicht es völlig zu wissen, dass wir von der regierung sind.
lou blackheart: meine weste ist rein.
jim jones: wissen wir. darum geht es auch nicht.
lou blackheart: was dann?
jim jones: wir möchten ihnen gerne ein interessantes angebot unterbreiten.
lou blackheart: ?!
jim jones: allerdings nicht hier im chat. können wir uns morgen mittag treffen?
lou blackheart: prinzipiell ja.
jim jones: gegen 12am central park nahe der station im süden.
lou blackheart: oki.
jim jones: vielen dank für ihr interesse cu.
lou blackheart: cu.

*

Hayden verließ die U-Bahn am Central Park. Wer auch immer ihn zu sehen wünschte, hatte ein Treffen an einem öffentlichen Platz gewählt. Es gab also keine Gefahr zu fürchten. Nicht einmal die Mafia war so blöd, ihre Opfer auf offener Straße abzuknallen. Und für einen Ehrenmord taugte Hayden nicht, dazu war er zu gewöhnlich. Woran aber sollte er seinen Gesprächspartner erkennen? In der Nähe der Station, hatte es geheißen. Am südlichen Ende des Parks. Unschlüssig setzte er sich auf eine Parkbank, von der aus man einen guten Überblick hatte. Bestimmt eine Viertelstunde lang rührte sich nichts. Jedenfalls nichts von Belang. Dann tauchten drei Männer in Anzügen auf. Alle drei trugen Sonnenbrillen, die jeglichen Ausdruck in ihren Augen verbargen. Der mittlere war ein Farbiger, der seine beiden Begleiter um gut einen halben Kopf überragte. Auch unterschied er sich von den beiden nahezu identischen Soulbrothers durch seine Sonnenbrille mit den kleinen verspiegelten Gläsern, die in seinem Gesicht geradezu winzig wirkte. Wie Edelsteine funkelten sie Hayden in der Sonne an, als er sich zu ihm herab beugte.
„Entschuldigen sie, der Rushhourverkehr hat uns aufgehalten. Es freut mich, dass sie die Zeit gefunden haben. Wollen wir ein kleines Stückchen spazieren gehen?“
„Klar, warum nicht.“
Der Park war an diesem Vormittag wenig frequentiert. Hauptsächlich Rentner und Mütter, die ihre Kinder auf den Spielplatz brachten. Später, da würde die Sonne durch den diesigen Himmel stoßen wie eine kleine Offenbarung. Dann würden auch die Teenager von der Schule kommen, und am Springbrunnen herumlümmeln. Doch bis dahin hatten sie das Gelände praktisch für sich. Als sie sich einer leeren Bank am Ententeich näherten, deutete der Schwarze ihm mit einer kurzen Handbewegung an, Platz zu nehmen.
„Ein lauschiges Plätzchen, und doch nicht belauscht.“
„Verstehe ich nicht ganz.“
„Alter Agentenwitz. Nicht lustig, was?“
„Entschuldigen sie, ich wollte nicht unhöflich sein.“
„Oh! Das sind sie nicht, keine Sorge. Der Mangel an Taktgefühl befindet sich ganz auf meiner Seite. Gestatten sie mir, mich vorzustellen: Mein Name ist Mellows.“
Innerlich schien er von einem unterdrückten Lachen zerrissen zu werden. Was ihn Hayden nicht gerade sympathischer machte.
„Und ihre beiden Kollegen?“
Die beiden anderen Männer mit den überbreiten Sonnenbrillen nickten einander kurz zu, und postierten sich an beiden Enden des Kiesweges, der an ihre Uferseite mündete.
„Nicht so wichtig.“
Mellows machte eine wegwerfende Geste mit seiner rechten Hand, an der ein goldener Ring mit einem kleinen roten Stein steckte. Wie das Auge eines Wiesels.
„Seid ihr Jungs eigentlich vom FBI oder von der CIA?“
„Weder noch. Der amerikanische Staat hat mehr Organe als eine Krake Saugnäpfe.“
„Reine Neugier, nichts weiter. Fahren sie fort.“
„So wie es aussieht, können wir jetzt in aller Ruhe miteinander reden. Zuallererst möchte ich ihnen eine Frage stellen. Was wissen sie über den Tod von Senator Edward Keen?“
„Das ging doch vor ein paar Tagen durch die Presse? Jetzt erinnere ich mich. Irgendetwas mit einer Autobombe, direkt mit seinem Zündschloss verdrahtet. Hat den Ärmsten geradezu in Stücke gerissen.“
„Leider stellt seine Ermordung nur die Spitze des Eisbergs dar. Unserem aktuellen Ermittlungsstand zufolge war er in Waffengeschäfte verstrickt. Möglicherweise hat er sich mit den falschen Leuten angelegt.“
„Leute, die dein Auto verminen, zählen mit Sicherheit nicht zum besten Umgang, den ein Mann pflegen kann.“
„Da stimme ich mit ihnen überein. Wir haben ein paar Vermutungen, nicht mehr. Aber es wäre besser, ein ihnen unbekanntes Gesicht einzuschleusen.“
„Wem unbekannt?“
„Dazu komme ich später. Für sie handelt es sich sozusagen um eine sichere Angelegenheit. Nicht zu sprechen von einer außergewöhnlichen, leistungsbezogenen Bezahlung.“
„Reden sie nicht lange um den heißen Brei herum. Worum geht es?“
„Wenn sie heutzutage schmutzige Wäsche haben, bringen sie sie in den Waschsalon. Haben sie schmutziges Geld, bringen sie es ins Second Life. Zahlen harte amerikanische Dollar ein, tauschen zum aktuellen Wechselkurs in Lindendollar, und kein Mensch fragt mehr, aus welcher Quelle das Geld geflossen ist. Sie ahnen nicht, wie viele dieser Transaktionen sich weitestgehend der Finanzaufsicht entziehen. Daher möchten wir sie dort einschleusen.“
„Ich habe doch schon eine Existenz im SL.“
„Der Unterschied liegt nicht im Avatar, sondern in den Welten. Entschuldigen sie meinen Ausdruck, aber der normale Avatar von der Stange hat nicht überall Zugang. Dazu fehlen ihm einfach Passwörter, Lindendollars, oder die Mitgliedschaft in den wichtigen Communitys.“
„Woher nehmen sie eigentlich die Sicherheit, mir solch vertrauliche Informationen vor die Füße zu werfen? Wenn ich nun ein leidiger Singvogel wäre, der seine Neuigkeiten an das nächste Tagesblatt verplappert?“
Ein breites Haifischgrinsen verzerrte Mellows Gesicht, ließ mehr strahlend weiße Beißer erkennen als nötig.
„Wenn wir davon ausgehen würden, wären sie schon längst tot. Das können sie mir glauben. Morgen Mittag. Gleiche Zeit, gleicher Ort. Erwarten wir ihre Entscheidung.“
Mit Knien, die sich so weich anfühlten wie englisches Weingummi, erhob Hayden sich von der Bank. Der Blick der beiden Leibwächter (oder waren es Agenten? Auftragskiller?) lastete wie Blei auf ihm. Mellows Worte folgten ihm wie eine Sturmböe, die bis auf die Haut frösteln machte.

*

Wo war eine Ehefrau, wenn man sie einmal um Rat brauchte? Kein Freund beiseite, den er in die aktuellen Geschehnisse einzuweihen wagte. Betrübt schrie er einen kaum menschlichen Laut in die viel zu große Wohnung, in die Lücke, die Clara hinterlassen hatte. Das Geld fing an, knapp zu werden. Das Appartement war gut genug gewesen, als sie noch eine Familie waren. Nun wuchs ihm die monatliche Belastung zusehends über den Kopf. Ein guter Grund, um sich Mellows Angebot durch den Kopf gehen zu lassen. Der halbe Kleiderschrank, wo sich Staub und Spinnweben niederließen. Die endlose Steppe des Doppelbettes. Der kleine Küchentisch, wo sie gemeinsam ihren Kaffee tranken, bevor er die Bahn ins Büro nahm und seine Frau Christian in die Schule brachte. Gehörte nun ihm allein.
Es war voll und ganz richtig, was Mellows gesagt hatte; ein Angebot, wie es ihm selten offeriert wurde. Nach Claras Auszug hatte das Leben schnell wieder zu seinem gewohnten Rhythmus gefunden. So wie eine einzige Welle den Ozean nicht aufzuwühlen vermochte. Bloß, dass es sich nicht wie ein Leben anfühlte. Vielmehr eine Abfolge immer gleicher Abläufe, die sich mit der Zeit abnutzten. Hobbys hätten ihn zerstreuen können. Doch die einzige Tätigkeit nach dem ewigen Kreislauf von Fressen-Scheißen-Arbeiten blieb im Second Life verborgen. Sollte sein Engagement in diesem Bereich irgendwann einmal Früchte tragen? Kein Gedanke, der diese Möglichkeit aufgegriffen hätte. Worin lag denn seine Besonderheit, die die Regierung auf ihn aufmerksam gemacht hatte?

*

Zwei Uhr nachts, noch immer kein Schlaf zu finden. Hayden würde vollkommen gerädert zur Arbeit erscheinen. Beileibe kein Novum. Im Second Life schien die Zeit wie festgefroren. Oft genug zählte die Uhr im Salon nicht früher als drei Uhr morgens. Womit er sich die Nacht um die Ohren schlug war die Entscheidung, die er morgen zu fällen hatte. Verzeihung, heute schon. Das Heute blieb eine Frage von Stunden. Nicht mehr und nicht weniger. Sein aktuelles Leben erschien ihm wenig befriedigend, geradezu substanzlos. Weil er sich selbst in Auflösung befand. Die Ehe in Trümmern. Seine Frau ein unguter Traum, der nur einen Fingerbreit von seiner Erfüllung entfernt schien. Und auch das war nur ein Hirngespinst, welches er sich eingeredet hatte. Sie war verloren. Egal, wie lange er hoffte und sehnte. Nun, wenn er den Mut besaß, und der Welt zeigen wollte, was für ein Mann in ihm steckte (Clara mit eingeschlossen), dann wäre es wohl das Beste, Mellows Angebot anzunehmen.

*

„Wenn das nicht unser Mann ist. Wie sieht es aus, Wood, haben sie sich die ganze Sache noch einmal überlegt?“
„Ich bin dabei.“
„Sie werden sehen, eine vernünftige Entscheidung.“
„Eine Frage hätte ich noch.“
„Und die wäre?“
„Klingt vielleicht ein wenig blöd, aber handelt es sich um einen Vollzeitposten? Wenn ja, müsste ich meine alte Arbeit aufkündigen.“
„Bemühen sie sich nicht. Das haben wir bereits für sie erledigt.“
„Sie haben was?“
„Mister Wood, das hier ist kein Kindergeburtstag! Wenn sie aus der Mittagspause kommen, können sie ihre Sachen beim Pförtner abholen.“
„Hatte ich je eine freie Wahl?“
Mellows lachte irritiert auf. Die Frage schien ihn sichtlich zu amüsieren.
„Sicher, sicher. Jederzeit.“
„Und worin besteht mein erster Einsatz?“
„Alles Weitere finden sie hier drin.“
Er reichte ihm eine simple Einkaufstüte aus dünnem Karton mit glänzender Oberfläche. Seitlich prangte der Schriftzug von Macy's. Neugierig machte Hayden sich an der kleinen Kordel zu schaffen, die die Tasche verschloss.
„Öffnen sie ihre Geschenke nicht vor dem Weihnachtsmorgen. Sie wollen den Kindern doch die Überraschung nicht verderben.“

Freitag, 1. Juni 2012

Schorf


Monate mögen vergehen
doch mit dem ersten Wort
ist wieder alles in Butter
ihr tauscht Belanglosigkeiten
Jacketkronen blitzen
das PR-Lächeln
und wisst nicht mehr voneinander
als am ersten Tag.

An der Oberfläche zu kratzen
bringt nichts
außer neuem Schorf
auf alten Wunden.

Gerade die Menschen
die dich nicht kennen
sind am nettesten zu dir
sie kratzen an der Oberfläche
ohne zu ahnen
wie tief diese reicht
sie kennen die Dämonen nicht
und doch
sehen sie dir in die Augen.