Mittwoch, 21. November 2012

Wandersmann


Meine Begleiter habe ich verloren, am letzten Wegekreuz, wo sie den Wanderer begruben.

Der Wanderer zog Jahrzehnte vor mir los, abgenagt wie ein Hundeknochen und doch der Straße trotzend, die ihn in ihren schwarzen Teergrund zu ziehen versuchte. Über seine Schulter ragte ein lottriges Bündel, von einem rissigen Ledersenkel zusammengehalten. Darin bewahrte er Krims und Krams. Kurzum- all die unnützen Dinge, die sich im Laufe eines Lebens so ansammelten. Eine Locke mit einer fleischfarbenen Spange, Erinnerung an eine Frau, die er einst geliebt hatte. Die Taschenuhr seines Vaters, die irgenwann einmal stehengeblieben war. Ein Duftkissen seiner Mutter, welches schwach nach Lavendel roch. Sein erster Zahn, ausgespuckt wie ein Boxer, den ein fester Schlag ins Land der Träume schickte. Murmeln aus Kindheitstagen.

Als die Straße zu seinem Leben wurde, war er jung gewesen, sehr jung. Nun fielen ihm die Haare in Büscheln aus, als litte er an einer seltenen Strahlenkrankheit. Ikarus, der Sonne zu nahe gekommen. Seine Zähne folgten, abgegriffen von tausenden Mahlzeiten. Es hatte einen Hund gegeben, der treu zwischen seinen Beinen scharwenzelte, ob eine Krume für ihn abfallen konnte. Eines Nachts war er aufgewacht, weil der Hund den Mond anheulte. Am Morgen war er verschwunden, und hatte ihm nichts gelassen als einen dampfenden Haufen Kot. Seitdem wandelte er allein unter den Sternen, die Gott ihm als Wegweiser gelassen hatte. Er hoffte unter einem von ihnen ein Kind in einer Krippe zu finden. So wie ein Kobold darauf hoffte, am Ende des Regenbogens einen Kessel voll Gold zu finden. Was es zu finden gab, hatte der Hund ihm gezeigt. Und doch wurde er es nicht müde, jeden Morgen aufzustehen, und die Straße anzunehmen wie eine schwere Prüfung.

Eltern hatten ihn in die Welt gesetzt und waren gestorben. Freunde hatten seine Jugend begleitet und waren ihm abtrünnig geworden. Väter und Mütter kannten ihre Freunde nur an Festtagen. Waren die Kinder aus dem Haus, versuchten sie die alten Bande aufzuknüpfen. Doch wie früher würde es nie wieder sein. Er war dazu bestimmt, die Einsamkeit zu schmecken wie einen guten Jahrgangswein. Die Tafeln der Mächtigen. Die blechernen Fraßschalen der Ohnmächtigen.

Feldspat funkelte zwischen seinen Füßen wie die Augen eines Dämons. Bereit, in das Licht einer untergehenden Sonne zu treten, das schwere Tagewerk endlich von den Schultern zu werfen wie einen schweren Balast. Maultiere verendet am Weg, ihrer Last nicht gewachsen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen