Mittwoch, 13. März 2013

Ausschnitt aus "Drei Schippen Bosheit"


Die Slums waren ein Volk von Frühaufstehern. Die Schreie der Hähne noch in den zerfetzten Trommelfellen, machte sich der Suddelslum auf zur Müllkippe. Nur frisch gebrüht schmeckte der Slumkaffee so richtig gut. Dazu grub der Suddelslum einen Schacht unter die Müllhalde. Mit einem rostigen Blechkübel fing er den aromatischen Sud auf, der aus den Abfallbergen tropfte. Der Nektar der Müllhalde, braunes Gold der Diarrhoe! Gefiltert durch meterhohe Lagen von Küchenabfällen, Autobatterien und gebrauchten Tampons. Letztere sowohl Fertige als auch Selbstgedrehte- die Frauen waren hierzulande sehr erfinderisch. Freudestrahlend kehrte der Suddelslum ins Dorf zurück, um seine Beute zu teilen. Nur nichts verkommen lassen! Den Bodensatz verarbeiteten sie zu einer Art Marmelade, die sie für die Slumstullen verwendeten (dick auf die Hand schmieren und reinbeißen, lecker!).
Nach dem Kaffee widmeten sich alle Slums (außer dem Suddelslum, Pottsau bleibt Pottsau), der Körperpflege. Da das ganze Dorf nur eine Zahnbürste besaß, zog sich diese Prozedur über den ganzen Vormittag. Verwaltet wurde jenes borstige Relikt glücklicherer Tage von Papa Slum, dem Dorfältesten. Mit seinem weißen Bart und dem munter schmauchenden Opiumpfeifchen hatte er die Weisheit nämlich gepachtet! Jeden Monat erinnerte ihn der Drogenslum an die ausstehende Pacht, worauf der Alte ihn mit einem meckernden Lachen bedachte. Letztlich aber zahlte er. Denn auf einen Satz heiler Knochen war er angewiesen.
Sein ärgster Widersacher war der Gandhislum. Ewig rechthaberisch, trieb er Papa Slum zur Weißglut. Oft eskalierte es auf offener Straße, dann vergaß auch Papa Slum seine Manieren und zog dem Gandhislum seine Krücke über den Schädel. Dabei konnte es um Kleinigkeiten gehen, wie zum Beispiel das neue Schwimmbad im Klärbecken der städtischen Kanalisation, oder das Wahlfach „Taschendiebstahl“ an der Volksschule. Jeden Tag wurde eine andere heilige Kuh durchs Dorf getrieben.
Der Lepraslum schüttelte den Kopf ob der beiden keifenden Streithähne. Wie jeden Morgen eröffnete er seine kleine Pfandleihe. Leih mir dein Ohr, und ich sag dir, was du hörst. Doch in letzter Zeit liefen die Geschäfte lausig, was wohl auch an seinen Läusen lag. Dafür holten die kleinen Plagen sich Lepra, hähähä! Lepraslum nahm das Leben so locker wie den Zusammenhalt seiner Körperteile. Lieber Arm ab, als arm dran! Ansonsten war er ein nekrophiles Schwein: Wenn er sich einen runterholte, stellte er sich vor, er treibe es mit totem Fleisch.

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