Freitag, 30. Oktober 2015

Dirty Dichter Kalender 2016


Oh du gemeine, gnadenbringende Weihnachtszeit! Tritt dem feisten Nikolaus in seinen prallen Wanst, er soll seine Geschenke wieder einpacken. Denn nun kommt der neue Kalender vom Dirty Dichter!

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Betroffen

https://www.flickr.com/photos/medienmagazinpro/7261687008/

Eine Flutwelle in Thailand
löscht tausende Menschenleben aus
ich bin betroffen
ein Erdbeben in Mexiko
begräbt Menschen
unter seinen Trümmern
ich bin betroffen
in China fällt ein Sack Reis um
ich bin betroffen.

Nicht einer unserer Berliner Knallchargen
ist wirklich persönlich betroffen
dann wäre er nämlich verletzt
oder tot
aber es tut gut
betroffen
in die Kamera zu blicken
kostenlose Werbung für die eigene Sache
und die Partei
nimmt man im Vorbeigehen mit.

Man ist auch hierzulande
betroffen
über Kinderarmut
Obdachlosigkeit
gesetzlose Viertel und Parallelgesellschaften
eben nur betroffen
das langt schon
man muss nicht handeln
nichts ändern
nur das betroffene Gesicht
schmerzverzerrt in die Kamera recken
abnicken
und weiter mit der Limousine
das erlesene Menü wartet
damastene Tischtücher
und Weingläser aus Bergkristall.

Montag, 26. Oktober 2015

Unter Tieren

https://www.flickr.com/photos/alyssafilmmaker/4420756668/
Ich wandte mein Antlitz und sah in die Sonne bis ich blind wurde für die Welt. Das Pack stinkt aus allen Poren und siecht so vor sich dahin. Es gab Zeiten wo ich ihnen vertraute. Wo ich Menschen in ihnen sah. Erleuchtung, oh grausige Erleuchtung. Was unterscheidet sie von den Tieren? Was unterscheidet sie von billigem Schlachtvieh, das tausendfach in den Supermärkten landet?

Ich blickte in den Mond, meinen dunklen Bruder. Ich erzählte ihm von meinen Nöten und Ängsten. Von meiner Einsamkeit unter den fahlen Tieren. Von den Nächten wo Ebbe und Flut an mir zerren wie Hunde an einem Knochen. Ich wälzte mich und schrie in ihren Exkrementen. Sie sind es nicht wert. Immer wieder sage ich mir es auf wie einen Abzählvers. Bis keiner mehr übrigbleibt.

Ich suchte die Sterne ab am Horizont, ob sie mir freundlich gesinnt sind. Ich suchte das Schicksal im Zelt einer Zigeunerin. Ich suchte einen brennenden Busch in der Wüste. Mag sein ich suchte Erlösung von meiner Qual. Ich fand einen wasserspuckenden Satyr auf der Kante eines hohen Dachs, der mir von den Frauen am Brunnen erzählte. Sie tragen die Last ihres Wassers auf den Schultern bis zu ihrer Hütte aus Lehm. Ich rieb eine Lampe, und der Geist erfüllte mir drei Wünsche. Keiner von ihnen vermochte es, mich glücklich zu machen. Also lief ich weiter in die Wüste.

Ich sah in die Sonne. Ich breitete meine Schwingen aus. Der Teufel ist nur einer von vielen Engeln, und er spricht in fremden Zungen. Er spricht zu den Tieren. Er hasst die Menschen.

Samstag, 24. Oktober 2015

Ich nehme dich mit

https://www.flickr.com/photos/jonathankosread/6755508197/
Die Trommel rotiert
und ich bleibe still
die Zähne zusammengebissen
wie ein Versprechen
ich werde dich immer lieben.

Doch jetzt
rotiert die Trommel
Bilder von dir und mir
auf dem Jahrmarkt geschossen
dumm grinsend
wie Frischverliebte.

Ich betrachte zwei Fremde
die bunten Lichter
vom Riesenrad
und frage mich
wem die letzte Kugel
in der Kammer
gehört.

Wer gebietet die Ewigkeit?

Wessen Finger
sitzt am Abzug
erkenne ich mich wieder
in der Gegenwart
wird mein Trommelfell reißen
wenn der Schuss fällt?

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Kastanienmännchen


Leck meine stachligen Eier, 
ich bin das böse Kastanienmännchen!

Den ganzen Sommer über brütete ich in meinem Kokon. Wie der Herbst dieses Jahr wohl wird. Ob die Kinder mich schänden und mir Zahnstocher in den Arsch schieben. Ob man mich auf dem Fenstersims ausstellen wird wie eine Jagdtrophäe, bis ich runzlig und vertrocknet bin.

Ich wartete auf den richtigen Moment, um jemanden auf den Kopf zu fallen. Das Jahr geht zu Ende. Wir Kastanien regnen auf euch hernieder wie Schrapnelle. Da hilft kein Schirm und keine Mütze. Diese Nuss wird euch Kopfzerbrechen bereiten.

Dienstag, 20. Oktober 2015

Das Leben ist kein Ponyhof

https://www.flickr.com/photos/jasonparis/8063926965/
...sondern eine Pferdemetzgerei!

Sonntag, 18. Oktober 2015

Kasper mach dich bereit

https://www.flickr.com/photos/4nitsirk/4394887329/
Ich habe die Schnauze voll
gestrichen voll
von diesem billigen Puppentheater
du sagst immer
ein Auftritt noch
dann wird alles besser
dann vergessen wir unsere Sorgen
morgen früh
in einer anderen Stadt.

Und während die Roadies
die Scherben zusammenkehren
die enttäuschten Kinder
denen wir
kein Lächeln mehr
zu entlocken vermochten
geht die stählerne Maschinerie weiter
tragen sie unsere
halbtoten Körper
zur nächsten Bühne
die Hand im Nacken
wie ein Zwang.

Wenn ich es dir sage
dann beißst du
die Hand die dich füttert
und durchtrennst die Fäden
die dich gefangen halten
wir brennen durch.

Freitag, 16. Oktober 2015

Mutterkorn


https://www.flickr.com/photos/nikonvscanon/412416958/
...für einen ausgeglichenen Farbhaushalt!

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Die nächste Runde geht auf den Tod


https://www.flickr.com/photos/clintcatalyst/9322259909/
Ich bestelle noch ein Bier
zünde noch eine Zigarette
Leuchtfeuer
in der Nacht
mein Lachen geht
in einen rauen Husten über
es brennt in der Kehle
wie Feuer.

Seine Kapuze verhüllt
vollständig das Gesicht
und doch braucht es keine offensive Geste
um zu wissen
dass darunter
ein Knochenschädel liegt
seine Sense
lehnt neben ihm
er hat ein Bier bestellt
wie ich
dazu Spiegeleier und Schinken
die er mahlend verschlingt.

Ich versuche
seinen Blick zu ignorieren
vielleicht verwechselt er mich
mit jemand Anderem.

Vielleicht sieht er in mein kleines Herz
fühlt den Schmerz
und bietet mir
einen Deal an.

Vielleicht hat er auch nur Feierabend
und schont mich
eine weitere Nacht
ich wische mir Schaum von den Lippen
und bestelle
ein weiteres Bier.

Wäre ich mutig
würde ich ihm zuprosten
ihn auf einen Drink einladen
doch er würde es
als Bestechung nehmen
seinen Schattenkopf schütteln
wie vor einem kleinen Kind
das darum bettelt
länger aufbleiben zu dürfen.

Montag, 12. Oktober 2015

Sonntag, 11. Oktober 2015

Pornostars

https://www.flickr.com/photos/emanuellejameson/8184377343/
Ich bin enttäuscht
dabei hatten wir
so eine gute Beziehung
zueinander aufgebaut
ich war fast soweit
die seichte Story zu glauben
die zwischen dem Eintreffen des Klempners
und der Szene im Schlafzimmer lag.

Gesichter kommen und gehen
manchmal kommen sie auch auf die Gesichter
und es klebt
wie Tapetenkleister.

Da ist ein neues Loch
dehnbar bis zum Anschlag
unergründlich wie ein Krater
und alle Studios
stürzen sich darauf
das Luder bekommt es besorgt
bis es O-beinig zur Bank kriecht
um seinen Gehaltsscheck zu lösen.

Dann kommt der Moment
wo alle Hengste
die Stute bestiegen haben
und niemand mehr
ihr Loch sehen will
geschweige denn ihr Gesicht.

Eigentlich schade
ich gewöhne mich ungern
an neue Gesichter
ich liebe es
vertrauten Personen zuzusehen
gebt mir wenigstens
für einen kurzen Moment
das Gefühl
dass ihr nicht nur
für das schnöde Geld allein
euren Körper hergebt!

Samstag, 10. Oktober 2015

Verschmolzen

https://www.flickr.com/photos/mcgraths/2749776706/
Ich halte dich
fest mit Küssen
Nase an Nase
Bauch an Bauch
Fuß an Fuß
ineinander verschlungen
wie ein ewiges Rätsel
wie eine Schlangengrube
und lasse dich
nicht los
aus der Zeit
fiel ein Kokon
warm und weich.

Habe ich dir jemals
etwas versprochen?

Es braucht keine Worte
um zu wissen
dass keiner feige auskneift
vor dem Abenteuer Leben
vor der Liebe
und all dem dreckigen Rest
nicht einmal
ein Gedicht bräuchte es dazu.

Freitag, 9. Oktober 2015

Arbeitszeitverdichtung

https://www.flickr.com/photos/bob_u/4436341859/
Komm pack mit an
zusammen schaffen wir das
setz Kaffee auf
es könnte länger dauern
und ruf schon mal
den Pizzadienst an
denn zur Mittagspause
wirst du die Firma nicht verlassen.

Halte dein Handy bereit
was ist schon Wochenende
wenn anstehende Aufgaben
besprochen werden müssen.

Der Großkunde hat angerufen
die Lieferung muss nächste Woche draußen sein
sonst findet er
einen billigeren Sklaven
dessen Buckel
belastbarer ist
als deiner
Heerscharen billiger Tagelöhner
warten nur darauf
während du
nicht mal mehr zum Pinkeln abstempelst
du lässt es einfach laufen
jeder deiner Schritte
ist optimiert
von Unternehmensberatern
Reißbrettkapitalisten mit sauberen Krawatten.

Mehr Druck
und aus Kohlenstoff
wird ein Diamant.

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Kasperle


Seid ihr auch alle da? Gut, dann kann es losgehen. Ich lasse meine Masken fallen. Ich ziehe den Handstumpf aus meinem Kostüm. Das liebe Kasperle führt ein bizarres Eigenleben.

Viele fragen sich vielleicht, warum ich blogge. Wozu ich mich buchstäblich zum Hampelmann mache, wütende Texte gegen diese Gesellschaft schreibe und in peinliche Kostüme schlüpfe. Ihr fragt euch, wer Dirty Dichter wirklich ist. Warum gibt sich der Schriftsteller Thomas Reich nicht damit zufrieden, fleissig an seinen Büchern zu schreiben? Warum der ganze alberne Firlefanz?

Weil ich meine Freiheit brauche wie eine eiserne Lunge. Nur in der Höhenluft kann ich durchatmen. Es geht mir um ein anderes Kunstverständnis. Wer denkt ich brauche es für mein Ego der Schmutzpoet zu sein, der irrt. Ich schreibe diesen Blog nicht aus Imagegründen. Ich habe mir eine öffentliche Bastelstube eingerichtet. Romane können einengen. Um gut verkauft zu werden, unterliegen sie einem kommerziellen Korsett. Ich bin eine Hure der Leserwünsche. Aber ihr zahlt einen Preis. Und manche Bücher ficken zurück!

Eine Kunstfigur? Nein. Eine Figur, die mit Kunst spielt. Als die Reise begann, gab es noch keinen Dirty Dichter. Ich kleidete meine Gedanken in neue Gewänder. Ich gab der Figur einen Namen. Im Grunde genommen ist Dirty Dichter nicht anders als meine Romanfiguren. Ich schlüpfe in eine Rolle und gehe darin auf. Was würde diese Figur tun? Und doch ist es mehr, so viel mehr.

Dienstag, 6. Oktober 2015

Luzifer

https://www.flickr.com/photos/cityofsin/7915756528/
Ich breite meine Schwingen
greife hinein ins Fleisch
bis das Blut fließt
und ich ihre Seelen schmecke
die Sterne versengen mein Gefieder
im freien Fall
gelingt es mir nicht
die Reißleine zu fassen

Ein Komet ging zu Boden
sein Krater ruht vor Mexiko
ich spielte Karten
bevor ein Fischer auszog
neue Freunde zu finden
die seine Ideen teilten.

Und als sie ihn ans Kreuz schlugen
war ich froh
keinen Vater zu haben.

Der Morgen wäscht mich rein
von den Sünden der Nacht
im kühlen Silber eines Bergsees
sehe ich meinem anderen Ich
stolz in die Augen
bis es
seinen Blick senkt.

Sonntag, 4. Oktober 2015

Samstag, 3. Oktober 2015

Flüchtlingsheim

https://www.flickr.com/photos/95213174@N08/20732910528/
Schlaf ist ein deutsches Wort
das ich nicht kenne
wenn die Kinder
durch die Gänge rennen
Mütter ihre Wäscheleinen spinnen
der Streit um die Duschen
der Streit um die Essensaugabe
und die Ewiggestrigen ihre Fehden spinnen.
 
Nichts hat sich geändert
seit dem Moment
wo ich
dem Schleuser
das Geld in die Hand drückte
harte Dollars
härter
als die Währung
meines zusammenbrechenden Landes
das Waffen importierte
auch aus Deutschland
der Tod
ist ein Meister
wusste auch Paul Celan
in meiner Heimat
las ich gern Gedichte
bevor die Islamisten kamen
und alle Kultur verboten.

Wenn ich meine Augen schliesse
sehe ich die Gesichter
die in der rauen See verschwanden
und nicht wiederkehrten.

Ich möchte einfach nur
durchkommen
ich danke den Deutschen
die mir die Chance gaben
auf Frieden.

Derweil
spitzen sie ihre Hölzer
versuchen sie mich zu knechten
meine Kinder unter den Schleier zu zwingen
bilden sie Zirkel
bilden sie Klans
versuchen sie die gleichen Strukturen aufzubauen
vor denen ich geflohen bin.

Freitag, 2. Oktober 2015

10 10 10

https://www.flickr.com/photos/elkilla/4151117612/
Ich zähle meine Finger
wieder und wieder
eine stumpfsinnige Aufgabe
die mich an den Rand
der Verzweiflung treibt
weil jedes Mal
ein anderes Ergebnis dabei rauskommt.

Was habe ich
verloren im Dickicht
im einsamen Dschungel meines Herzens
auch wenn ich
jeden Morgen
die Sicherungen prüfe
schwarze Kohle gegen das Licht halte
und verschmorten Wolframdraht
eine ist immer dabei
die nicht mehr hält.

Ich knalle mein Buch
in die Ecke
weil mir die Buchstaben
sinnlos vor den Augen
verschwimmen.

Ich stehe weinend
vor dem Regal im Supermarkt
weil ich zu verwirrt bin
um einzukaufen.

Manchmal kichere ich auch
ohne erkennbaren Grund
und führe Selbstgespräche
in denen ich mir
vehement widerspreche.

Ich habe Angst vor dem Tag
wo ich in die Kiste greife
und da sind keine Sicherungen mehr
die ich
hineinschrauben könnte.

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Zapruder

https://www.flickr.com/photos/e-strategycom/1053257131/
Ich halte deine Hand
während der Korso
die High Street auffährt
vorbei am
Schulbuchhaus
und du
in ihem Fadenkreuz erscheinst
wie ein kleiner Stern
wie ein Komet
wie die Mondlandung
ein kleiner Schritt
für die Menschheit
und umso mehr
für mich
ich versicherte dir
meine Liebe
ich trug ein rosafarbenes Kleid
und den passenden Hut
ich ahnte nicht
dass-

Zapruder Bild 310
Zapruder Bild 311
Zapruder Bild 312

Die Brocken deines Gehirns
auf dem Chassis
und immer noch
halte ich deine
warme Hand
halte ich mich
an Bildern
wo du lebendig warst
halte ich mich fest
an einer Idee von dir
nur einer Idee

die Kameras schweigen
Zapruders Film schweigt
dein Blut
klebt an meinem Kleid.

Welche Nummer trägt meine Aufnahme
wann habe ich dich
das letzte Mal geküsst?