Samstag, 25. Februar 2012

Ausschnitt aus "Scher den Bär"

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Ferdi war eine glückliche Filzlaus in Festanstellung. Seit drei Jahren arbeitete er in den Förderfeldern des berühmten Schamhaarmodels Uschi. Dadurch genoss er deutlich mehr Achtung als seine Kollegen in Tine Wittlers haarigem Duschausguss, oder Elton Johns Toupet. Seine Frau hatte eine Halbtagsstelle im Kindergarten von Kratzingen. Als Doppelverdiener konnten sie sich ein großes Haus leisten. Die Partypackung Knabberspaß, die ein achtloser Passant weggeworfen hatte, beinhaltete zehn Kammern. Er fuhr mit dem Bus zur Arbeit, da die Verbindungen zur Arbeitsstelle seiner Frau schlechter waren als die seinen. Momentan sparten sie gerade auf einen Zweitwagen. Kurz gesagt- alles lief zum Besten. Bis zu einem verhängnisvollen Augustmorgen. Der Schweiß floss in Strömen. Den ganzen Morgen hatten sie Pipelines gelegt, um die Brutfelder trocken zu legen. Eine hektische Betriebsamkeit lag über der gesamten Anlage.
„Sag mal Ferdi, du hast da was.“
„Schnell, mach es weg!“
Die stetige Furcht vor Geschlechtskrankheiten prägte die Arbeiter. Wenn man so dicht an der Quelle arbeitete, war Vorsicht geboten. Vor und nach der Arbeit stand die Quarantänedusche an. Wer sich weigerte, wurde zu Dammarbeiten verdonnert, ein wahrer Scheißjob.
„Ich kann nicht, sieht mehr wie ein Ausschlag aus.“
„Was soll ich bloß tun?“
„Am besten gehst du gleich zum Betriebsarzt.“

*

„Und Herr Doktor, was ist es?“
„Tja, sieht eindeutig nach einer Menschenhaarallergie aus. Ich werde sie unbefristet krankschreiben.“
„Sind sie verrückt geworden? Wir sind nicht gewerkschaftlich organisiert. Wie soll ich denn meine Frau und meine zehn Kinder ernähren? Was schlagen sie alternativ vor?“
„Es gäbe noch eine Cortisonkur, aber das wäre blanker Wahnsinn. Sie würden nur die Symptome unterdrücken, ohne die Krankheit auch nur ansatzweise zu heilen.“
„Ist mir egal. Stellen sie schon das Rezept aus.“

*

Und so schluckte Ferdi jeden Morgen vor der Arbeit eine kleine Pille und alles war gut. Alles? Die Nebenwirkungen übertrafen die Wirkung um ein Vielfaches. Er hatte zu seinem alten Biss zurückgefunden, zahlte aber einen hohen Preis. Sein Körper quoll auf wie eine Dampfnudel. Schweres Asthma quälte ihn. Es hatte Zeiten gegeben, da war er mehrere Monate in Folge zum Mitarbeiter des Monats gewählt worden. Nun schaffte er kaum noch die Charge eines einfachen Leiharbeiters. Er quälte sich. Vergaß er mal einen Morgen seine Medizin, bereute er es bis zum Feierabend. Stets bemüht, die roten Quaddeln auf seinen Armen zu verbergen. Die Stellen, die direkten Kontakt zu den Haaren hatten, sahen am schlimmsten aus. Die Tabletten bekamen den Juckreiz in den Griff, nicht aber den Ausschlag. Ferdi kam sich vor wie ein Aussätziger. Seine Frau war es schließlich, die dem Spuk ein Ende setzte.
„Schatz, du machst dich noch kaputt! “
Ihre monatliche Pflichtübung hatte seinen Ausschlag zu Tage gefördert.
„Wie lange geht das schon so?“
„Ach, erst ein paar Tage.“
„Lüg mich nicht an.“
„Einen Monat.“
„Einen Monat! Und du erzählst mir nichts davon? Wozu hast du denn eine Ehefrau?“
„Weil ich nicht abwaschen kann.“
„Du kriegst gleich eine Standpauke, die sich gewaschen hat! Morgen gehst du zum Arbeitsamt und siehst dich nach einer neuen Tätigkeit um. Ein Mann in den besten Jahren! Die finden im Handumdrehen etwas Neues, was besser zu dir passt.“
Es machte keinen Sinn, sich den Worten seiner Frau zu widersetzen. Wenn sie sich einmal in etwas festgebissen hatte, ließ sie so schnell nicht locker.

*

„Igitt! Eine Filzlaus auf dem Arbeitsamt. Verschwinde!“
„Langsam Jungs, langsam. Erst einmal heißt das guten Tag. Ich werde euch nicht beißen. Deswegen bin ich ja hier.“
„Eine Filzlaus, die nicht beißen kann. Sehr komisch. Na, dann kommen wir zu ihren Personalien. Name?“
„Ferdi Filzlaus.“
„Wohnhaft?“
„Zum wilden Hengst sieben.“
„Ernsthaft?“
„Ja, das ist eine Parallelstraße zu Schlapper Schniepel.“
„Na dann will ich’s mal gelten lassen. Derzeitige Tätigkeit?“
„Ingenieur des Raffineriewesens.“
„Möchten sie wechseln oder sind sie arbeitslos?“
„Ich kann meinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausführen.“
„Können sie das belegen?“
„Hier, das Attest meines Arztes.“
„Na, wegen so einer Kleinigkeit wollen wir uns nicht in die Haare kriegen. Mal sehen, was wir da für sie haben. Haben sie Erfahrung im Umgang mit Pflanzen?“
„Wir haben einen kleinen Garten bei uns zuhause, den wir hegen und pflegen.“
„Prima! Dann wären sie bestimmt als Landschaftsgärtner geeignet.“
„Hm. Arbeiten an der frischen Luft klingt gut. Ich nehme an.“
„Schön. Melden sie sich morgen bei Vorarbeiter A. Meise. Wir machen eine Blattlaus aus ihnen.“

*

Die Umstellung von Menschenblut auf Pflanzensaft war etwas gewöhnungs-bedürftig. Schließlich war Ferdi kein Vegetarier. Er musste nur niesen, wenn er sich seiner Beute näherte. Ein schlechter Jäger, der noch nicht einmal eine Büchse Konservenmilch fangen konnte. Seine neuen Kollegen nahmen ihn unvoreingenommen an. Sie wussten ja nichts von seiner schmachvollen Vergangenheit. Zur Mittagspause erntete er freundliches Schulterklopfen. Und doch würde er in dieser eingeschworenen kleinen Gemeinschaft, die einem Außenstehenden so seltsam anmutete wie ein inzestuöses Bergvolk, immer ein Fremder bleiben.
„Sag mal Kumpel, weißt du eigentlich, worauf du dich eingelassen hast?“
„Ne, wieso?“
„Die Melkerkolonne ist im Anmarsch.“
„Welche Melker?“
„Dachte ich’s mir doch. Das Beste verschweigen sie den Neulingen meistens. Wir dürfen den Pflanzensaft nicht für uns selbst behalten.“
„Mir haben sie Halbpension mit un-eingeschränkter Nutzung der Saftbar versprochen.“
„Und du hast geglaubt, das gelte auch für die Touristenklasse? Mann, du musst noch viel lernen.“
„Was soll ich tun, wenn sie mich melken wollen?“
„Lass uns offen miteinander reden. Du bist keine Blattlaus, stimmt’s?“
„Sieht man es mir an?“
„Die Jungs würden es dir nie offen ins Gesicht sagen. Sie schreiben es lieber an die Klowände in der Kantine.“
„Und warum habt ihr mir nicht rechtzeitig von den Melkern erzählt?“
„Oh, das. Die Jungs wollten sich amüsieren. Wir haben keinen Fernsehempfang. Da sind sie dankbar für jede kleine Zerstreuung. Wenn ich dir einen Ratschlag geben kann: Halt still und denke an Gott und das Vaterland. Wie Generationen von Läusen vor dir.“
Es war grässlich. Nie in seinem Leben kam er sich so geschändet vor. Dass er nicht über die nötigen Drüsen verfügte, kümmerte die Ameisen wenig.

*

Wieder beim Arbeitsamt. Ferdi litt unter den Phantomschmerzen nicht vorhandener Drüsen.
„Sie verdammtes Drecksschwein! Man hat mich missbraucht und gedemütigt! Sie haben mich in unzumutbare Arbeitsbedingungen vermittelt!“
„Was soll ich sagen- es sind halt lausige Zeiten.“
„Darüber kann ich gar nicht lachen.“
„Entschuldigung, den konnte ich mir einfach nicht verkneifen.“
„Im Hochglanzprospekt sah es schöner aus als in Realität.“
„Ich sehe, sie sind bereit für neue Herausforderungen. Ich hätte da eine freie Stelle für sie.“
„Echt? Wo denn?“
„Unter meinem Arm.“
„Wollen sie mich verarschen?“
„Wenn sie mich so fragen- ja.“
„Ich warne sie. Wir Läuse lassen nicht mit uns spaßen. Wenn sie mich weiter ärgern, hetze ich ihnen meine Verwandtschaft auf den Hals!“
„Ok, Scherz beiseite. Sind sie sportlich?“
„Klimmzüge kann ich ganz gut. Auch Lungenzüge. Eigentlich alles, was mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu tun hat.“
„Ach. Wie kommt’s?“
„Tägliches Training. Ich bin fit wie ein Rollstuhl!“
„Könnten sie sich vorstellen, in einem Flohzirkus zu arbeiten?“
„Bei allem Stolz, ich bin eine Laus und kein Floh. Sie können uns doch nicht alle über einen Kamm scheren!“
„Sie waren auch keine Blattlaus und haben dafür ganz redlich in diesem Sektor gearbeitet. Sie schaffen das schon.“
„Wenn sie das sagen…“
„Schauen sie mal, ich habe ihnen einen Spandexanzug gehäkelt. Wenn sie bitte mal probieren würden…?“
„Der passt ja wie angegossen! Woher kennen sie meine Größe?“
„Ich bitte sie, ihre persönlichen Daten sind für alle Behörden frei verfügbar. Über die Homepage des Innenministeriums könnte ich sogar ihre Schwanzgröße abfragen. Soll ich?“
„Nein danke, nicht nötig. Und wo bitte geht es zum Zirkus?“
„Folgen sie den Schildern. Die hängen in der ganzen Stadt aus.“

*

Ferdi brauchte nicht lange nach ihnen zu suchen. Von seinem Standpunkt aus (überragt von allen Dreikäsehochs, Aug in Aug mit den Krümeln) sprangen ihn die roten Lettern regelrecht an. Doktor Alfred Stielmann! Das konnte doch nicht der Ernst seines Arbeitsvermittlers sein! Stielmann hatte ihm vor zehn Jahren eine Peilsonde in den Bauch implantiert, damit er das Paarungsverhalten der Filzläuse besser erforschen konnte. Dieser perverse alte Spanner! Wegen Stielmann hatten Ferdis Eltern den familiären Kontakt abgebrochen. Bloß wegen ein paar Amateurpornos auf DMAX, die der fiese Alte als Dokumentarfilme tarnte, um einen Sendeplatz vor Mitternacht zu ergattern. Nun leitete dieser Hurensohn einen weltberühmten Flohzirkus. Ob er ihn wiedererkennen würde?
„Ferdi, alter Freund! Lange nicht mehr gesehen. Was treibt dich in die Stadt?“
„Ich suche Arbeit.“
„Das trifft sich gut. Mir ist gestern ein Artist vom Trapez gefallen.“
„Dann bin ich mit im Boot?“
„Sozusagen. Wie geht es eigentlich Frau und Kindern?“
„Frag besser nicht.“

*

Ferdi wurde in den Mannschaftsunterkünften untergebracht. Seiner Frau schrieb er eine Karte, dass sie auf Tournee wären, und alles besser werden würde. Er vermisste sie jetzt schon. Er wollte Geld schicken und selbstgeschmierte Butterbrote. Doch er scheiterte schon an der Bedienungsanleitung des Faxgerätes. Also schickte er einen berittenen Investment-banker, der sie mit den besten Grüßen zu seiner Frau brachte. Investmentbanker waren seit der großen Finanzkrise günstig zu mieten, und sie erfüllten dankbar jeden ihnen angebotenen Tagelöhnerjob.
Zu seinen neuen Kollegen zählten Flohrentine Dubrovnik, eine polnische Ausnahmekünstlerin auf dem Trapez. Flohrian Feuerwehr, ein Brandkünstler mit langer Ahnengalerie. Sein Großonkel Flohdolf war Mitinitiator der Reichspogromnacht. Wahrscheinlich, weil die Aktion ursprünglich unter einem Shoppingevent lief. Tag der offenen Tür, Shoppen bis zum Umfallen. Ein verzeihlicher Fehler, wären da nicht die historischen Konsequenzen gewesen. Sein Nachfahre wurde bekannt für seine Künste als Schwertschlucker und Feuerspucker. Natürlich nicht gleichzeitig, denn das hätte zu Sodbrennen und Schluckauf geführt. Als letzter Kollege zu erwähnen dürfte Flohkus sein, der allseits gemiedene Fäkalkünstler. Ähnlich dem Pillendreher formte er große Kugeln aus seinem Kot, auf denen er Pirouetten durch die ganze Manege drehte. Man hatte Ferdi gleich am Anfang angewiesen, ihm unter keinen Umständen die Hand zu schütteln. Auch von den Küchenarbeiten wurde Flohkus geflissentlich ausgeschlossen. Pünktlich jeden Winter bei Kälteeinbruch jedoch wurde er zum Held der Stunde, da seine Fürze die Biogasanlage befeuerten und für eine behagliche Wärme sorgten.
Von allen Berufen, die er nach seiner Allergie angenommen hatte, stellte sich der des Zirkusartists als der beste heraus. Er war Flohkules, die Kraftmaschine. Der Schwarzenegger unter den Flöhen. War er früher schon ein trainierter Bursche gewesen mit den sehnigen Muskeln eines Arbeiters, stählte ihn nun das gezielte Krafttraining, dass er vor Kraft kaum laufen konnte. Voller Stolz trug er ein Halssixpack, auf dem man Walnüsse knacken konnte. Vom Rest ganz zu schweigen. Doktor Stielmann ließ den Schneider kommen, auf das er ihm neue Hemden nähte. Der alte Groll schien begraben. Stielmann zahlte eine vernünftige Gage, Spesen und Getränke frei. Während die anderen sich an Groupies gütlich hielten, verkroch er sich in seine Schlafkoje, ein Bild seiner Frau unter dem Kopfkissen. Das Leben im Tourbus glich dem einer Rock N Roll Band, wenn auch ohne Drogen. Endlich war es ihm gelungen, sich selbst zu verwirklichen. Ein freier Künstler in Festanstellung, das war Welten entfernt von der einfachen Filzlaus auf den Förderfeldern.

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