Mittwoch, 25. Januar 2012

Jimmie du alter Knochen

Sylvester 2007 folgte ich der Einladung eines guten Freundes und machte mich auf nach Paris. Ich war gespannt wie ein Flitzebogen. Was sollte mich in der Stadt der Künstler erwarten?

Ab Strasbourg nahm ich den TGV, beeindruckt über die Geschwin-digkeit, die den deutschen ICE beschämend in den Schatten stellt. Vom Gare de l' Est war es nicht weit bis Appartement meines Freundes. Eine Einzimmerwohnung mit Notküche, Dusche in der Mitte der Bude und Scheißhaus auf dem Gang. Letzteres sollte mir noch lange in Erinnerung bleiben. Denn um auf der Schüssel Platz zu nehmen, musste man die Beine breit machen. Mehr Platz gab die schmale Kammer eben nicht her.
Erschrocken war ich nur über den Mietpreis, der aber fur die Lage noch günstig sein sollte. Immerhin waren wir nur 5 Minuten vom Place de la Bastille entfernt. Ich stellte also meinen Koffer in die Ecke und stürzte mich in eine spätabendliche Besichtigungsorgie inklusive eine Fahrt auf der Seine, um die bunt illustrierten Monumente der Stadt zu bestaunen.

Paris ist die erste Großstadt, die mein Herz erobert hat. Sofort fühlte ich mich wie zuhause. Die Sprache der Landsleute zu sprechen, stellt da gewiss einen Vorteil dar. Deutschlands Städte hat der Krieg zerbombt. In Paris kann man die Historie der Gebäude bestaunen, wenn einen auch die Enge mancher Bistros bedrücken mag. Die Hektik der Pariser war mir vertraut, ihre Versnobtheit dagegen weniger. Der typische Kellner lebt nach der Devise: Ist nicht mein Tisch, was solls? Da labert man in Deutschland über eine Servicewüste, und hier arbeiten Menschen am Kunden, die man besser kreuzigen sollte!

Als Fan der Doors konnte ich natürlich einen Besuch auf dem Père Lachaise-Friedhof nicht missen, der nur eine Viertelstunde mit dem Stadtbus vom Appartement meines Gastgebers entfernt lag. Während die Häuser an mir vorbeiflogen, dachte ich an die letzten Tage, die Jim Morrison in dieser Stadt wohl verbracht haben mochte.

Der Friedhof ist hier eine Berühmtheit. Angeblich gib es die Grabbüste eines Messingjünglings, an dem sich die Frauen reiben, um ihre Fruchtbarkeit zu erhöhen. Ich wollte es erst nicht glauben, doch verschiedene andere Touristen bestätigten mir diesen urbanen Mythos. Später sah ich diese Figur, deren Schritt blankpoliert war von den unersättlichen Frauen.

Mit jedem Meter, den ich mich seinem Grab näherte, zog sich der Ring enger um meine Brust. Hier würde ich dem Lizard King persönlich gegenübertreten. Ach Jimmie, wer dich nur als Songwriter begriffen hat, der hat nie deine Gedichte gelesen. Die auch nur ein Fragment waren von der Vision, die du vom Leben gehabt hast. Doch sein geradezu zurückhaltender Grabstein brachte mich doch aus der Fassung. Irgendwie hatte ich mir mehr erwartet. Mehr Prunk, mehr Glanz. Doch am Ende war es nur ein grauer Steinklotz mit einer Plakette aus Stahl. Ein Abschied, wie er einem Soldaten gebührte. Sohn eines Offiziers. Am Ende hatte sein Vater die Schlacht gewonnen.

Wie einem ägyptischen Pharao hatte man ihm Grabbeigaben auferlegt: Zigaretten, Schnaps, Fotos, Blumen. Seine letzte Ruhestätte war von Sicherheitsgattern umzäunt, weil Jugendliche wilde Partys auf seinem Grab feierten. Schade eigentlich. Denn genau das hätte er gewollt. Ich musste an die Zeilen eines seiner späten Werke denken:



"No more money
no more fancy dress
this other kingdom
seems by far the best."








War das das Ende, von dem du immer gesprochen hast? Du hast es gewusst, du alter Drecksack. Dass dir nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Gratulation, du hast es geschafft. Mehr blieb nicht mehr. Als diese Worte. Mach es gut, alter Freund.

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