Sonntag, 25. Februar 2018

Leseprobe aus "Wundgeil"


Er faltete seinen provisorischen Spritzschutz zusammen, und schaffte ihn in Großmutters Schlafzimmer. Nur für den Fall der Fälle. Dass er ihrer Eiterflut nicht Herr wurde. Auf dem Nachtisch schwamm ein Gebiss in milchiger Brühe.
„Da bin ich wieder.“
„Du wolltest mir Erleichterung verschaffen.“
„Mir auch.“
Ihre schwachen Augen erkannten keine Erektion mehr. Vielleicht war es besser, dass der Mensch seine Sexualität vergaß. Litt Friede an Alzheimer? Konnte sie ihre Situation nicht mehr einschätzen? Oder warum wusste sie die Avancen ihres Enkels nicht mehr zu würdigen? Im Alter verlor der Mensch das Interesse an Sexualität in jeglicher Form. Seinen Zungenkuss genoss sie als reines Zeichen der Zärtlichkeit. Torsten hielt ein Skalpell in der Hand.
„Ich werde dich anritzen. Es könnte wehtun.“
Friede schluckte. Mit brüchiger Stimme fand sie die richtigen Worte:
„Nimm den Stab und versammle die Gemeinde, du und dein Bruder Aaron, und redet zu dem Felsen vor ihren Augen; der wird sein Wasser geben. So sollst du ihnen Wasser aus dem Felsen hervorbringen, die Gemeinde tränken und ihr Vieh.“
Torsten erkannte das Bibelzitat. Erst zögerte der Messias, dann fühlte er sich heimisch in den aramäischen Zeilen.
„Da nahm Mose den Stab, der vor dem Herrn lag, wie er ihm geboten hatte. Und Mose und Aaron versammelten die Gemeinde vor dem Felsen, und er sprach zu ihnen: Höret, ihr Ungehorsamen, werden wir euch wohl Wasser hervorbringen können aus diesem Felsen?“
Schorf zückte das Skalpell. Wollte seiner Oma nicht mehr wehtun als nötig, um seine Wundgeilheit zu befriedigen.
„Ich bin dieser Felsen. Schlage an, und das Wundwasser wird fließen.“
Das Skalpell ritzte ihre Haut. Zarter Schmelz umspielte die Einschnittstelle. Dann blubberte es heraus. Ein zartgelber Tropfen nässte die Edelstahlspitze seiner medizinischen Instrumente.
„Kommt es schon?“
„Keine Ahnung, vielleicht muss ich drücken. Wie ein Pickel.“
Mit einer Hand vergrößerte er Omas Wunde. Mit der anderen quetschte er entzündetes Gewebe, ignorierte stumme Schmerzensschreie. Tränen in den Augen, wie beim Schälen einer Zwiebel.

*

Omas Vanillegeheimnis wurde gelüftet, es gab kein Halten mehr. Erst kam nur ein dünner Strahl. Dann gab das geschundene Gewebe nach, und eine körnige Pampe floss wie Haferbrei. Flutete sein Gesicht, flutete seinen Mund. Rann aus Torstens Mundwinkeln. Jeder vernünftige Mensch hätte sein Antlitz abgewendet, um ja nichts abzubekommen. Torsten öffnete seinen Mund, um ihren eitrigen Sturzbach zu trinken. Gott gab reichlich. Mehr als ein Mensch trinken konnte oder essen, die Paste war dick und gehaltvoll. Torsten schluckte und trank. Verdaute, wo es dickflüssig wurde. Schloss die Augen, wo es seine Sicht vernebelte. Verrieb es auf der Haut, dick und sämig wie das Gruppenejakulat einer Orgie. Wann hatte er sich seiner Kleidung entledigt? Torsten konnte sich nicht erinnern.
„Den Pimmel kenne ich doch. Dein Vater hatte genauso einen.“
„Ist nicht wahr.“
„Brauchst mir nicht erzählen. Ich habe den Kleinen immer gewaschen. Bis Heinz die Aufgabe selbst übernahm. Dann aber war er sehr eifrig davon erfüllt. Weit über das Pflichtsoll hinaus schrubbte er seinen Pillermann.“
Eiter füllte Torstens Backen, mehr als er je hätte trinken können. Es floss in die fernen Winkel seiner Lippen. Es färbte seinen Gaumen mit einer olfaktorischen Signatur. Ranzig und verdorben wie ihre Seele. Was wusste Friede schon von Gott? Sie verfaulte am eigenen Leibe. Ihr Nektar nährte ihren Enkel, Gelee royale einer Königin.

*

Friede machte ihren Eierlikör selbst. Keine Ostertafel ohne ihren Sud aus Eigelb und Schnaps, wochenlang hochgezogen in einem Gärfass. Zu Weihnachten ausgeschenkt in traditionellen Porzellanbechern unterm Baum. Was aus ihrem Körper kam, schmeckte anders als der beliebte Punsch. Cremeschichten deckten ihr Schlafzimmer zu. Klebten am Schrank, und sickerten in die Laken. Als hätte man einen Feuerwehrhydranten aufgedreht.
„Mein schöner Teppich!“


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